Opioid-Krise: 1.000 Tote pro Woche in den USA

Zehntausende Drogentote allein im letzten Jahr: Am Donnerstag will US-Präsident Donald Trump den nationalen Notstand ausrufen. Wie konnte es so weit kommen?
Derzeit sterben in den USA pro Woche rund tausend Personen an einer Überdosis – zwei Drittel davon sind auf Opioide zurückzuführen, eine Unterart des Morphiums. Heroin gehört dazu, aber auch Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon. Im Jahr 2016 starben insgesamt über 60.000 Amerikaner an Opioiden, zwei bis drei Millionen sind laut aktuellen Studien süchtig nach Schmerzmitteln oder Heroin.

Vor allem Menschen im ländlichen Nordosten der USA sind betroffen. Im sogenannten Rostgürtel, Staaten mit einer ehemals starken Industrie, gibt es besonders viele Drogentote. Trauriger Spitzenreiter ist der Bundesstaat West Virginia, in dem 2015 durchschnittlich 41,5 von 100.000 Einwohnern an einer Überdosis starben. Zwischen 15 und 20 Leute aus ihrer alten Schulklasse seien drogenabhängig, sagt eine 28-Jährige aus Albany im Bundesstaat New York zur "Süddeutschen Zeitung". Es sei eine Epidemie, fügt der Chef einer Suchthilfeorganisation aus Ohio an.

"Ideal für große Bandbreite von Schmerzen"

Eine Expertenkommission hat US-Präsident Donald Trump kürzlich aufgefordert, den nationalen Notstand auszurufen. Am Donnerstagabend (MESZ) soll er eine Rede zur Opioid-Krise halten, es wird erwartet, dass er der Empfehlung folgt. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?



CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. Video: Talkmaster John Oliver thematisierte die Opioid-Epidemie bereits vor fast genau einem Jahr in seiner Show "Last Week Tonight".

In den USA wurden allein 2015 so viele Opioide verschrieben, dass jeder Einwohner drei Wochen lang rund um die Uhr hätte versorgt werden können, wie die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf eine Untersuchung des US-Kongresses vorrechnet. Eines davon ist das Medikament Oxycontin, das mit dem Wirkstoff Oxycodon hergestellt wird. Es wurde 1996 von der Pharmafirma Purdue auf den Markt gebracht und als "ideal für eine große Bandbreite von Schmerzen" beworben. Das, obwohl Oxycontin wie die meisten Opioide als Droge der Klasse II eingestuft wird und somit per Definition ein hohes Potenzial für Missbrauch und Sucht birgt. Doch Purdue schrieb damals: "Die Angst vor Abhängigkeit ist übertrieben."

Schmerzmittel sind oft Einstieg in Heroinsucht

Das Unternehmen startete einen riesigen Marketingfeldzug, bei dem etwa insgesamt 34.000 Oxycontin-Starter-Coupons verteilt wurden, mit denen man mindestens eine Woche lang das starke Medikament einnehmen konnte – gratis. Die Strategie ging auf: Fünf Jahre nach der Markteinführung war es das am häufigsten verkaufte Opioid. Laut dem US-Kongress könnte der große Anstieg in der Verfügbarkeit des Medikaments zu dessen Missbrauch beigetragen haben. Die Firma Purdue wurde mehrmals wegen ihrer aggressiven und irreführenden Verkaufstaktik verklagt und musste 2007 über 600 Millionen Dollar Buße bezahlen.

Spätestens nach der Jahrtausendwende lief die Situation aus dem Ruder. Konnten sich die Patienten die Arztbesuche nicht mehr leisten oder zögerten Mediziner irgendwann mit weiteren Verordnungen, besorgten sie sich die Pillen auf dem Schwarzmarkt – oder wechselten gleich zu Heroin. Eine geschätzte Million US-Amerikaner konsumieren heute den Stoff. Bei 80 Prozent von ihnen begann die Sucht mit legal oder illegal erworbenen Schmerzmitteln. Mittlerweile sind viele Ärzte vorsichtiger mit den Verordnungen geworden, doch ein Ende der Epidemie ist noch nicht in Sicht.

Konsumkultur in US-Medizin

Keith Humphreys, Psychiater an der Stanford University, schreibt in der Fachzeitschrift "Lancet", die USA seien ein idealer Nährboden für explodierende Opioid-Verschreibungen gewesen. Die Pharmabranche sei dort weniger reguliert als in vielen anderen Ländern. Es herrsche eine Konsumkultur, in der Ärzte versuchten, selbst unrealistische Erwartungen zu erfüllen – das Versprechen völliger Schmerzfreiheit. Das Gesundheitssystem begünstige Medikamentenverordnungen mehr als andere Therapien. (nk)

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