Korruption in der Ukraine war das Thema jenes "ZiB 1"-Beitrags Mitte August. Wehrpflichtige würden hohe Summen zahlen, um nicht in den Krieg zu müssen. Verweigerer würden auf offener Straße inhaftiert, abgeführt und an die Front geschickt. Als Beweis des Berichts des preisgekrönten ORF-Osteuropa-Korrespondenten Christian Wehrschütz dienten zwei Videos.
Eines davon wurde etwa von einem polnischen TikTok-Account mit wenigen hundert Followern veröffentlicht, wie auf dem eingeblendeten Wasserzeichen zu sehen ist. Später stellte sich heraus, dass beide Videos eigentlich völlig andere Sachverhalte zeigen und für russische Propaganda manipuliert wurden.
ORF "bedauert" – Russen-Propaganda in "ZiB1" verbreitet >>
Der ORF redete die Vorwürfe anfangs noch klein, bezeichnete sie pampig als "absurd", die Videos habe man aus "verlässlicher und vertrauenswürdiger Quelle" erhalten. Nur wenig später musste der Fehler eingestanden werden; man bedauert. Wehrschütz selbst sagte, es habe sich um seinen ersten Fehler in 23 Jahren gehandelt, hielt aber dennoch daran fest, dass seine Quelle seriös sei.
Diese Causa, die auch die diplomatischen Beziehungen Österreichs zur Ukraine nicht unerschüttert ließ, wird vom ORF nun professionell intern aufgearbeitet. In der Ö1-Sendung "Doublecheck" widmet sich das Team der Fehlleistung unter dem Titel "Krieg, Lügen und Videos".
"Dreißig Sekunden Fehlerkultur in der "Zeit im Bild" vor Millionenpublikum: in einem Beitrag von Christian Wehrschütz über Korruptionsbekämpfung in der Ukraine waren Video-Sequenzen zu sehen, die russische Propaganda enthielten und nicht das zeigten, was im Text behauptet wurde", wird in der Programmbeschreibung zusammengefasst.
Zentrale Frage der Sendung soll sein, wie Journalisten mit der Propaganda-Maschinerie umgehen. "Mutet er sich oder der ORF ihm zu viel zu? Wie kann einer allein eine solche Aufgabe bewältigen? Und wären gerade für eine so zentrale Korrespondenten-Stelle nicht verschiedene Blickwinkel wichtig? #doublecheck hat versucht, Antworten darauf zu bekommen."
Dazu wäre es freilich ein enormer Beitrag zur Sendung gewesen, den Auslöser der Debatte und den hauseigenen Reporter, der ein Ausmaß an Erfahrung aufweist wie kein Zweiter, vors Mikrofon zu bekommen. Der, der sonst aber quasi täglich im ORF zu hören ist, will es an jenem Freitag nicht sein. Denn wie einer der Sendungsverantwortlichen auf Twitter aufdeckt, hat "Kollege Wehrschütz" dem ORF-Radio "leider kein Interview für die Sendung geben wollen".
"ORF Korrespondent verweigert dem ORF ein Interview? Sachen gibt’s!", lautet eine der verdutzten Reaktionen auf diese Info.