Szene

Peter Gabriel spielte "So" in voller Länge

Heute Redaktion
14.09.2021, 13:26

1986 erschien Peter Gabriels bahnbrechendes Album "So", 2012 wurden die Songs wiederaufbereitet, mit Bonusmaterial angereichert und als arithmetisch gewagte "25-Jahr-Jubiläumsedition" angepriesen. Gestern, Donnerstag, hat er in der Stadthalle Wien die Live-Reprise als dramaturgisch intelligent gezirkelten Dreiakter geboten - ein audiovisuelles Spektakel allererster Güte mit hohem Nostalgiefaktor.

1986 erschien Peter Gabriels bahnbrechendes Album "So", 2012 wurden die Songs wiederaufbereitet, mit Bonusmaterial angereichert und als arithmetisch gewagte "25-Jahr-Jubiläumsedition" angepriesen. Am Donnerstag, hat er in der Stadthalle Wien die Live-Reprise als dramaturgisch intelligent gezirkelten Dreiakter geboten - ein audiovisuelles Spektakel allererster Güte mit hohem Nostalgiefaktor.

Eine Schallplatte der 1980er hat zwangsläufig etwas Patina angesetzt. Somit ist die Mission, ein für heutige Begriffe nahezu vorsintflutliches Soundvehikel nochmals auf die Bühne zu hieven, nicht unheikel. Der Karren könnte nämlich viel an Drehmoment verloren haben und quietschen wie Sau. Noch dazu ist das Ganze ja nicht abendfüllend. Aber: Peter Gabriel ist kein Hudler, die Bedachtsamkeit und Präzision in seinem künstlerischen Ausdruck ist nicht nur in seinem sehr überschaubaren Solo-Output sondern auch in der sorgsamen Komposition des Konzertablaufs zu erkennen. Das heißt, die showmäßige Aufbereitung befasste sich nicht nur mit der Wiederbelebung an sich, sondern auch mit den Fragen: Woher kam "So", wohin ging "So" und überhaupt wieso "So"?

Auf ein effektvolles Entree legte Gabriel keinen Wert. Zu Beginn der 145-minütigen Darbietung schlurfte er bei voller Saalbeleuchtung zum Mikro und erläuterte in makellosem Deutsch die Menüabfolge ("Vorspeise, Hauptgang, Dessert"), man isst ja schließlich auch mit den Augen und Ohren. Sprach's, und holte sich Bassist Tony Levin auf die Bühne, um ein Lied, das kein Mensch kennt, als Opener zu präsentieren - "Obut", so der kolportierte Titel des Werks, das schon bei der Vorjahrestour, so auch jetzt und möglicherweise für immerdar als "noch unvollendet" beschrieben wurde.

Gigantische Bühnenshow

Anschließend gesellte sich der Rest der Band dazu - mit Ausnahme der Background-Sängerinnen, die zuvor das hörenswerte Vorprogramm bestritten -, die Originalbesetzung der 1986er-Tour, und lieferte ein ungemein reduziertes, weil akustisches Kurzset gleich einer öffentlichen Probe mit zunächst "Come Talk To Me" und "Shock The Monkey". "Family Snapshot" brachte dann endlich Dunkel ins Licht: Saalbeleuchtung aus, Bühnenfunzeln an, ein wahrlich spektakulärer Moment. Die durch Instrumente und technisches Gerät inklusive Gleisparcours vollgepferchte Bühne mit den langarmigen, tentakelhaften Scheinwerferkränen, die bald des öfteren bedrohlich knapp über den Musikerköpfen schweben und regelrecht bösartig werden sollten, erwachte vollends zum Leben.

Im somit eingeläuteten zweiten Akt standen nun sowohl Bühne als auch Band in voller Blüte, porentief und großteils als angewandte Live-Videokunst mitzuverfolgen auf der riesigen Leinwand. Aus "So"-Sicht wiesen in diesem Electric-Set drei Beiträge in die Zukunft, drei weitere in die Vergangenheit - in jene Zeit nämlich, als Gabriel sich noch weigerte, seinen Longplayern Namen zu geben - bis hin zu "Solsbury Hill", seiner Debütsingle von 1977. Visuelle und tontüftlertechnische Hochkarätigkeit sind bei Gabriel ein geläufiges Markenzeichen, vor allem mit "The Family And The Fishing Net" rückte er aber auch seine Songtexter-Qualitäten ins richtige Licht.

"So" in voller Länge gespielt

Der dritte Akt - Höhepunkt und eigentlicher Anlass des "Back To Front"-Konzertabends: "So" in voller Länge, von vorn bis hinten, natürlich mit "Sledgehammer", seinem einzigen Nummer-eins-Hit und dem bis dato meistgespielten Video auf MTV, mit dem Kate-Bush-Schmachtduett "Don't Give Up" ohne Kate Bush und einem beklemmend-gnadenlos schönen "Mercy Street". Zugabe eins setzte den Titel in die Tat um: Beim verstörenden "The Tower That Ate People" verschluckte am Schluss ein in die Höhe fahrender Lichtzylinder den Meister mit Haut und Glatze, die Anti-Apartheidshymne "Biko" als zweite Zugabe ließ Gabriels Leistungen als Menschenrechtsaktivist wieder aufleben.

So oder so hat Peter Gabriel mit seinen 63 Lenzen bewiesen, dass er als einer der letzten verbliebenen Dinosaurier unter den Alleinunterhaltern nicht nur imstande ist, ohne neues Album die Stadthalle zu füllen sondern auch urgeschichtliches Material so in die Gegenwart zu transferieren, dass Zeitlosigkeit fernab von Peinlichkeit erlebbar wird. Man darf sagen: "So" kann das wohl nur er.

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