Pflegerin Elena: "Firmen vergeben Scheinzertifikate"

Im Bereich der 24-Stunden-Pflege gibt es in Österreich keine klare Regelung, kritisieren die Grünen. Und: Pflegerinnen sind völlig auf sich gestellt.

3.106 Wiener und Wienerinnen nahmen im Vorjahr 24-Stunden-Betreuung in Anspruch, in ganz Österreich waren es 27.296 Personen. "Die Frauen in dieser Branche haben viele Probleme. Firmen in Rumänien verlangen 150 Euro für Scheinzertifikate", erzählt Pflegerin Elena Popa. Mit einer Facebook-Gruppe vernetzt Popa mittlerweile tausende Pflegerinnen aus Rumänien. Popa selbst ist seit viereinhalb Jahren als Personenbetreuerin in Österreich. Die falschen Zertifikate hat sie auch dort gepostet – und bekam prompt eine Klage aus Rumänien über 45.000 Euro – wegen "Rufschädigung".

Pflegerin Elena Popa: "Frauen stehen unter Druck"

"Die Frauen stehen unter Druck, werden von den Agenturen bedroht", berichtet Popa. Vermittlungsagenturen würden einen Großteil des Gehalts behalten. Zugleich arbeiten die Pflegerinnen auf selbstständiger Basis. Es könne passieren, dass in einem Vertrag 1.500 Euro Gehalt vereinbart werden – die Pflegerin dann aber tatsächlich nur 800 Euro von der Agentur ausbezahlt bekommt. Und: "Viele Frauen bekommen keine Rechnung", so Popa. Sie selbst hat etwa ein Jahr lang bei einer Agentur gearbeitet, arbeitet jetzt selbstständig. Das Problem: Wer aus einem Agentur-Vertrag aussteigen wolle, werde "oft mit Strafen bedroht".

Auch die ehemalige Personenbetreuerin Katarina Staronova schlägt Alarm: "Um als Pflegerin in Österreich zu arbeiten, braucht man nur einen Personalausweis und einen Meldezettel." Schwierig sei es für Pflegerinnen auch, Sozialleistungen – wie etwa Kinderbetreuungsgeld – zu bekommen.

"Immer mehr Menschen werden zu Hause betreut, aber es gibt Intransparenz", sagt die Grüne Sozialsprecherin Judith Schwentner. Ihre Kritik: "Es wird nicht überprüft, woher diese Zertifikate sind. Das Ministerium darf nicht jeden Kartoffelstempel akzeptieren."

Im Schnitt waren zu pflegende Personen im Jahr 2016 82 Jahre alt. 29,1 Prozent waren männlich, 70,1 Prozent weiblich. Personenbetreuerinnen werden nicht nur in niedrigen, sondern auch in hohen Pflegestufen (4 bis 7) eingesetzt. 27.296 Personen nahmen 2016 in ganz Österreich 24-Stunden-Pflege in Anspruch, davon 3.106 Wiener. Rund 150,6 Millionen Euro wurden ausgegeben (davon 90,4 Mio. Euro vom Bund und 60,2 Mio. Euro von den Ländern). Die erwartete Steigerungsrate der zu pflegenden Personen für das Jahr 2018 liegt bei 9 Prozent.

Derzeit keine Qualifikation für Gewerbe notwendig

Das Problem: Derzeit brauchen 24-Stunden-Personenbetreuer und -betreuerinnen für die Gewerbeanmeldung keine Qualifizierung. Die einzigen Voraussetzungen: Die Person muss eine Ausbildung auf dem Niveau einer Heimhelferin oder mindestens sechs Monate sachgerecht jemanden betreut haben – oder es muss eine Delegation von pflegerischen und/oder ärztlichen Tätigkeiten an die betreffende Personenbetreuerin vorliegen.

Das Ministerium überprüfe Zertifikate derzeit nur auf ihre Dauer und die Art der Ausbildung, so die Grünen. Die Legalität von Zertifikaten werde allerdings nicht geprüft. Und: Derzeit ist die Ausbildung zur Heimhilfe nicht Voraussetzung für die Arbeit als Personenbetreuerin.

Grüne Sozialsprecherin fordert "Gütesiegel"

Jedes Jahr würden um rund zehn Prozent mehr Menschen 24-Stunden-Pflege in Anspruch nehmen. Ein "Wildwuchs" an Vermittlungsagenturen führe dazu, dass "niemand mehr weiß, an wen er sich wenden soll. Ein Zustand, der für mich untragbar wird", so Schwentner. Es gebe "mangelnde Kontrolle auf beiden Seiten" – in punkto Qualifikation und bei der Kontrolle der Agenturen. Die Mindest-Qualifikation soll das Niveau einer Heimhelferin sein, fordern die Grünen.

Schwentner fordert klare Regeln: "Es muss einheitliche Standards geben. Es braucht so etwas wie ein Gütesiegel." An diesem solle sich auch die Wirtschaftskammer beteiligen. Und: "Dass die Pflege ein freies Gewerbe ist, ist unverantwortlich. Die Personenbetreuung soll ein reglementiertes Gewerbe werden."

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