Pfleger erzählt vom tragischen Schicksal von Patienten

Auf Twitter teilt ein Pfleger ein berührendes Schriftstück über seinen tragischen Arbeitsalltag.
Auf Twitter teilt ein Pfleger ein berührendes Schriftstück über seinen tragischen Arbeitsalltag.istock
Auf Twitter gibt eine Intensivpflegekraft aus Deutschland erschütternde Einblicke in den derzeitigen Arbeitsalltag.

In einer Pressemitteilung bezeichnet der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober den Zuwachs von Covid-19-Patienten auf Intensivstationen als „besorgniserregend“. Es gehe darum, die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu überschreiten. Die psychischen Kräfte der Mitarbeiter sind jedoch schon an ihre Grenzen gelangt, wie der Text einer deutschen Pflegeintensivkraft auf Twitter zeigt.

Der Deutsche setzt seine Gedanken mit „Ich bin müde“ an. Sein Appell richte sich vor allem an jene, die die Ernsthaftigkeit der Lage nicht begreifen:

Wir sind, wenn man es mit etwas Pathos sagen möchte, die letzte Instanz vor der Ewigkeit.
Und das stimmt wirklich.
Covid-Patienten sind einsam.
Sie sehen wochenlang kein bekanntes Gesicht.
Sie sehen eigentlich gar kein Gesicht.
Sie sehen nur vermummte Menschen.
Sie sehen nur Augen.
Augen die durch Schutzbrillen gucken.
Covid-Patienten sind einsam.
Und sie sterben einsam.
Das Letzte was sie in ihrem Leben sehen sind vermummte Menschen.
Und Augen die durch Schutzbrillen gucken.
Keine vertraute Stimme ist bei ihnen, kein vertrautes Gesicht, keine vertrauten Augen und Hände.
Kein Lächeln. Nur vermummte Gesichter. Fremde Augen.
Covid-Patienten leiden.
Wir leiden mit ihnen.
Sie kämpfen.
Wir kämpfen mit ihnen.
Wir kämpfen um sie.
Um jedes einzelne Leben.
Wir kämpfen einen Kampf, der keinen Sieger kennt.
Wir alle verlieren.
Unseren Verstand, unseren Beruf, unsere Gesundheit, vielleicht unser Leben.
Ich bin müde.
Müde vom Anblick der Coronaleugner.
Müde vom Anhören irgendwelcher kruden Ideologien.
Müde vom ganzen Hass und der Häme.
Müde von einer Gesellschaft, in der einige wenige so laut sind, dass sie die große Masse der Vernünftigen, der Leisen, völlig übertönt.
Ich bin müde.
Von Fake-News, verdrehten Fakten, Populismus und Verschwörungsphantasien.
Menschen wie bei den Querdenker-Demos in Berlin, in Leipzig und anderswo machen mich müde. So müde.
Wir kämpfen hier um jedes Leben. Nicht nur um das von Covid-19-Erkrankten.
Doch diese werden in den nächsten Wochen die Krankenhäuser dominieren.
Wir kämpfen, andere leugnen, relativieren, lügen.
Es ist ihre Welt. Ich lebe in meiner.
Und in meiner Welt möchte ich bald nicht mehr kämpfen.
Nicht für diese Menschen.
Nicht für diesen Teil der Gesellschaft.
Ich merke, wie ich mich so langsam innerlich von meinem Beruf verabschiede.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich Dinge ändern.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist.
Er ist ramponiert. Absichtlich. Für Jahrzehnte. Vielleicht für immer.
Ich bin einfach nur so müde.
Ich werde mich bald umdrehen.
Und ich werde gehen.
Gehen aus meinem Beruf.
Ich bin seit 18 Jahren Intensivpflegefachkraft.
18 Jahre und 1 Monat.
6612 Tage. Unzählige Minuten.
Noch nie war ich so müde wie heute.

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