Verbrecher mit Fake-App ausgetrickst – 800 Festnahmen

Razzia im Rahmen der Operation "Trojan Shield" in Essen, Nordrhein-Westfalen, am 7. Juni 2021. 
Razzia im Rahmen der Operation "Trojan Shield" in Essen, Nordrhein-Westfalen, am 7. Juni 2021. Stephan Witte / dpa / picturedesk.com
20.000 Kriminelle nutzten die "sichere" App AN0M. Was sie nicht wussten: dahinter steckte das FBI. Jetzt schnappte die Falle zu – auch in Österreich.

Die folgende Story könnte auch der Plot einer neuen Netflix-Serie sein. Kriminelle aus aller Welt haben in den letzten Monaten über die sogenannte AN0M-App kommuniziert. Sie planten über vermeintlich sicheren Messenger Morde, teilten Fotos von tonnenweise Kokain, das in Büchsen versteckt war und organisierten Deals. Was sie nicht wussten: Die verschlüsselte Kommunikations-App wurde vom FBI entwickelt.

Während der ganzen Zeit lasen die Behörden alles mit – insgesamt 27 Millionen Nachrichten innerhalb von 18 Monaten wurden über die App verschickt. Aus den vermeintlich abhörsicheren Chats sind jetzt schriftliche Beweise geworden.

Festnahmen in Österreich

Diese Woche fanden 700 Razzien in 16 Ländern statt. Darunter neben Österreich auch in Deutschland, Dänemark, Schweden, Kanada, aber auch in Neuseeland und in Großbritannien. Mehr als 800 Personen wurden festgenommen, wie Europol bei einer Pressekonferenz am Dienstag erklärte.

Festnahme der australischen Polizei.
Festnahme der australischen Polizei. AUSTRALIAN FEDERAL POLICE / REUTERS

In Österreich gab es Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern, auch wurden Personen festgenommen, wie die Sprecherin des Bundeskriminalamts Silvia Kahn gegenüber der APA bestätigte. Weitere Details wollte sie mit Verweis auf die für Mittwoch angesetzte Pressekonferenz nicht nennen.

Operation "Trojan Shield"

Bei den sogenannten Operationen "Greenlight" und "Trojan Shield" wurden zudem über 48 Millionen Dollar Bargeld, acht Tonnen Kokain, 22 Tonnen Cannabis und Hasch, zwei Tonnen Amphetamin und Methamphetamin sowie 250 Waffen, Juwelen und 55 Luxusautos sichergestellt.

Der Schlag gegen die Dealer war gelungen, da Undercover-Beamte spezielle Handys mit der Krypto-App in Drogenbanden, Biker-Gangs und auch Mafia-Clans eingeschleust hatten. Insgesamt nutzten schließlich 300 Verbrecher-Syndikate die AN0M-App.

"Es war die bisher größte und anspruchsvollste Operation gegen kriminelle Netzwerke und verschlüsselte Kommunikation überhaupt", erklärte Jean-Philippe Lecouffe, stellvertretender Europol-Direktor.

Mordanschläge vereitelt

Um die Millionen Nachrichten zu analysieren, haben die Behörden spezielle Big-Data-Tools entwickelt. Die Kriminellen kommunizierten auf AN0M in 45 verschiedenen Sprachen. Zu den häufigsten zählten Deutsch, Niederländisch und Schwedisch, erklärt die Leiterin der niederländischen Polizei, Jannine van der Berg.

Dank der geglückten Operation "Trojan Shield" habe man einzigartige Einblicke in die Welt der Drogenbanden erhalten: "Wir sahen exakt, wie sie Drogen, Waffen und Geld bewegten und wie sie Morde organisierten", erklärt die Kommandantin der australischen Bundespolizei, Jennifer Hurst. Laut Angaben der Behörden sind dank Trojan Shield so 100 Mordanschläge vereitelt worden. Die Ermittlungen zu AN0M dauern weiter an.

Der Fall Encrochat

Im letzten Jahr konnten Behörden einen ähnlichen Schlag gegen Drogendealer verbuchen. Ihnen gelang es, den Messenger Encrochat zu infiltrieren. Das Netzwerk zählte damals mehrere tausend Nutzer und wurde laut Behörden ausschließlich von Kriminellen genutzt. Die Behörden kopierten Millionen Chats, während die Verbrecher glaubten, dass ihre Spezial-Handys abhörsicher seien.

Laut "Spiegel" kam es in Europa zu rund 1.800 Verhaftungen im Zusammenhang mit Encrochat. Mehr als 130 Millionen Euro wurden beschlagnahmt. 2020 wurden im Zusammenhang mit Encrochat zudem mehr als zwei Tonnen Drogen und mehrere Dutzend Waffen sichergestellt.

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