Tritte, Stöße, Schläge, während der Fahrt vom Fahrrad reißen, am Boden fixieren, teilweise mit vollem Gewicht oder dem Knie von einem oder mehreren Polizisten, der Einsatz von Pfefferspray oder eines Schlagstockes: Zwischen März 2021 und März 2023 verzeichnete das Antirepressionsbüro in Wien 46 Meldungen von Polizeigewalt.
Besonders häufig betroffen seien demnach Jugendliche, Obdachlose, Fahrradfahrer und Migranten, denen in Schubhaft das Essen verweigert oder kein Anwalt zur Seite gestellt wurde. Aus Sicht der Betroffenen waren Rassismus und das Aussehen die häufigsten Gründe für die Amtshandlungen. Erschreckend: Schwere physische Polizeigewalt richtet sich laut der Meldestelle besonders häufig gegen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder psychischen Erkrankungen.
So hatte etwa der Mitarbeiter eines Gasthauses in Wien im Sommer 2021 eine akute psychotische Episode. Der Mann, der als "sehr lieber, wertgeschätzter, ruhiger und hilfsbereiter Mensch" beschrieben wird, litt unter schweren Angstzuständen. Mit Hilfe der Rettung wollten Polizeibeamte den Betroffenen in eine psychiatrische Klinik bringen.
Doch er wehrte sich, ein Polizist schoss ihm ins Bein. Laut der Schilderung von Zeugen und Mitarbeitern hätte "die Exekutive mit respektlosem und unprofessionellem Verhalten eine Eskalation provoziert". Zudem soll von dem Mann keine Gefahr ausgegangen sein, die Reaktion der Beamten sei unverhältnismäßig gewesen.
Beinahe tödlich endete ein weiterer Fall: Ein Passant beobachtete, wie direkt vor dem UKH Lorenz Böhler in Wien-Brigittenau ein geistig verwirrter oder behinderter Mann von mehreren Polizisten niedergerungen wurde: "Der Jammernde klang für mich außer sich oder sogar nicht zurechnungsfähig", berichtete der Zeuge.
Der Mann wurde zu Boden gestoßen und mindestens ein Polizist kniete auf seinem oberen Rücken, während ein anderer seinen Oberkörper ebenfalls niederdrückte. Der Betroffene verstummte, sein Darm entleerte sich – er erlitt einen Herzstillstand! Die Rettung kam, mittels Herzmassage wurde versucht, den Mann wieder zu beleben.
Das Antirepressionsbüro
Das Antirepressionsbüro ist der eingetragene "Verein zur Dokumentation von staatspolitischen Handlungen im privaten und öffentlichen Raum". Der Verein besteht aus acht bis 15 Aktivisten, die nach eigenen Angaben politisch interessiert sind, sich wissenschaftlich mit der Thematik auseinandergesetzt haben oder selbst bereits von Polizeigewalt betroffen gewesen sind. Info: antirepressionsbuero.at/
„"Der Mann stand mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand" - Bericht eines Zeugen“
Mit der Bewusstlosigkeit eines offenbar verwirrten Mannes endete ein weiterer Einsatz in Wien-Brigittenau: Ein Anrainer beobachtete durchs Fenster einen schreienden Wiener, der von zehn bis 15 Polizisten umringt wurde. "Der Mann stand mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand", erzählte der Zeuge. Nichts deutete laut dem Anrainer auf eine Gefahr für die Beamten hin: "Eine Polizistin lachte sogar."
Trotzdem wurde der Mann von einem Polizisten plötzlich gepackt und "mit voller Wucht zu Boden" geworfen. Der Betroffene fiel auf den Kopf und wurde bewusstlos. Das Opfer wurde anschließend mit der Rettung abtransportiert. Währenddessen wurde der Zeuge aufgefordert, vom Fenster wegzugehen und mehrmals mit der Taschenlampe geblendet.
Da sich zwei Fälle von extremer Polizeigewalt in Wien-Brigittenau zugetragen haben, empfiehlt das Antirepressionsbüro ein Ermittlungsverfahren gegen das zuständige Polizeikommissariat sowie eine lückenlose Aufklärung der Fälle. Auch im angrenzenden 2. Wiener Gemeindebezirk wurden demnach auffällig viele Meldungen getätigt, wie es im Bericht heißt.