Falsche Übersetzungen, unwahre Behauptungen in polnischen Medien, ein Brief, in dem ein "Heute"-Redakteur zum Ziel einer Kampagne ausgerufen wird: Die ausführliche "Heute"-Berichterstattung rund um den 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz hat für Aufsehen gesorgt. Politik-Chef Erich Nuler beantwortete ein als Leserbrief ausgewiesenes Schreiben des Botschafters. Hier sein Text:
Falsche Übersetzungen, unwahre Behauptungen in polnischen Medien, ein Brief, in dem ein "Heute"-Redakteur zum Ziel einer Kampagne ausgerufen wird: Die ausführliche "Heute"-Berichterstattung rund um den 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz hat für Aufsehen gesorgt. Politik-Chef Erich Nuler beantwortete ein als Leserbrief ausgewiesenes Schreiben des Botschafters. Hier sein Text:
Wien, am 3. Februar 2015
Sehr geehrter Herr Mag. Lorkowski, sehr geehrter Herr Botschafter!
Dass Sie meine Person zum Gegenstand Ihrer Kritik machen, deutet auf geringes Interesse an einer seriösen Auseinandersetzung mit in "Heute" Publiziertem hin. Ihr Versuch, einen Journalisten zu diskreditieren, bestätigt einmal mehr die von Ihnen kritisierte Formulierung in meinem Beitrag vom 30. Jänner 2015, dass "in Polen, das im Gegensatz zu Österreich tatsächlich Nazi-Opfer war und wo breiter Widerstand geleistet wurde und mindestens 6.454 Bürger Juden retteten (aus Österreich sind nur 95 bekannt), die Aufarbeitung von dunklen Aspekten der Geschichte aber auch kaum möglich" ist.
Da Sie Formulierungen in unserer Berichterstattung rund um den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Jänner 2015 entweder missverstanden haben oder möglicherweise bewusst falsch interpretieren, möchte ich mit diesem Schreiben zur Versachlichung und Aufklärung beitragen.
Die Tageszeitung "Heute" hat Polen nicht der Mitschuld am Holocaust bezichtigt. Auch die Behauptung, "Heute" hätte ein Schuldeingeständnis gefordert, wie es eine polnische Tageszeitung und in der Folge andere polnische Medien behaupteten, ist unwahr. Unsere umfassende Berichterstattung vom 27., 28. und 30. Jänner 2015 können Sie auf nachlesen. Auf die besondere Rolle von Österreichern in der Schoah machen wir stets explizit aufmerksam. Niemals haben oder würden wir die Verantwortung Österreichs und Deutschlands für das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte bestreiten oder anderen Staaten zuordnen.
Es ist bedauerlich, dass Sie den Grundgedanken meines Berichts von der Gedenkveranstaltung vor dem ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau im heutigen Oswiecim nicht verstehen und nicht weitertragen. Denn es ging darin nicht um die Schuld von Staaten. Auch nicht um Besatzung und Krieg, sondern um die systematische und organisierte Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die als Holocaust bekannte Schoah.
Grundgedanken der außergewöhnlichen Rede des Auschwitz-Überlebenden Roman Kent zogen sich wie ein roter Faden durch den Bericht. Aus seiner persönlichen Leidensgeschichte zog er eine Lehre, die der gesamten Menschheit als Mahnung dienen sollte: Niemals dürfe ein Mensch "unbeteiligt zusehen", niemals dürfe man Mitläufer sein. Anders formuliert: Eine aufgeklärte Gesellschaft, in der Zivilcourage gelebt und eingefordert wird, müsse Ziel sein. Das von Kent in diesem Zusammenhang beschriebene "elfte Gebot" war sogar Titel unseres Beitrags.
Der deutsche (und österreichische) Judenhass fiel in ganz Europa auf fruchtbaren Boden. Auch in Polen. Dass in Polen – so wie in jedem anderen Land – antisemitische Landsleute "unbeteiligt wegsahen" und Mitläufer waren, beschreibt unter anderem Hannah Arendt in ihrem "Bericht von der Banalität des Bösen" über den Eichmann-Prozess in Jerusalem.
Bei der Gedenkfeier am 27. Jänner 2015 sagte Polens Präsident Komorowski, dass die Deutschen Polen zum ewigen jüdischen Friedhof gemacht haben. Er erwähnte das sowjetische Massaker von Katyn, bei dem mehr als 4.000 polnische Soldaten ermordet wurden. An dieses schreckliche Kriegsverbrechen muss zweifelsfrei erinnert werden. Den Zusammenhang der Katastrophe von Katyn mit der Katastrophe der Schoah müssen Sie bitte erklären. Die Vermengung dieser beiden Themen ist ein weiteres aktuelles Indiz für die von zahlreichen polnischen Historikern wie etwa Barbara Engelking und Helga Hirsch in "Unbequeme Wahrheiten" oder Stanislaw Janecki und Jerzy Slawomir Mac in "Unsere Schuld" oder den Berichten des "Institut für das Nationale Gedenken" (IPN) – um nur einige Quellen zu nennen – beschriebene und von mir am 30. Jänner 2015 publizierte Feststellung, dass vielen die eigene Opferrolle wichtiger als die Auseinandersetzung mit Denunziation, Mitläufertum, Wegsehen, Kollaboration, dem Profitieren aus Arisierungen und der aktiven Teilnahme an Mord wie etwa beim Massaker von Jedwabne 1941. Im Jahr 2002 stellte der Chefermittler des IPN, Radoslaw Ignatiew, den Bericht über die Untersuchung von Jedwabne mit folgenden Worten vor: "Es waren Polen, die die entscheidende Rolle bei der Ermordung der Juden von Jedwabne spielten." Zur Erinnerung: In den ersten Tagen nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im zuvor von der Sowjetunion besetzten polnischen Gebiet rund um Bialystok wurden in mehr als 30 Dörfern und Städten Hunderte Juden ermordet. Von Polen, wie Untersuchungen von IPN, der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Uni Bialystok ergeben haben. Deutsche Beamte waren laut Pawel Machceviczs Buch "Rund um Jedwabne" zugegen, nahmen an den Pogromen aber nicht aktiv teil. Überlebende flohen nach Jedwabne.
Am 10. Juli 1941 wurden Hunderte jüdische Polinnen und Polen, darunter auch Kinder, erst auf den Hauptplatz von Jedwabne, dann in eine Scheune am Stadtrand getrieben und eingesperrt. Alle wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. In der geschichts- und rechtswissenschaftlichen Aufarbeitung geht man von mindestens 400 Opfern aus. Andere Schätzungen belaufen sich auf knapp mehr als 1.000.
Selbst im polnischen Widerstand, insbesonders auch in der Armia Krajowa (AK), haben sich Kämpfer der Verbrechen an jüdischen Zivilisten schuldig gemacht. Historiker wie Tomasz Strzembosz, Wlodimierz Borodziej und Teresa Prekerowa stellten außer Streit, dass es Übergriffe und Morde durch die AK an Juden gab. Jüdische Widerstandskämpfer, die sich der AK anschließen wollten, wurden abgewiesen wodurch sie in den Wäldern auf sich allein gestellt waren. Aktuell wird in polnischen Kreisen auch darüber diskutiert, ob der berühmte Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, von Teilen der AK geradezu boykottiert wurde. Hätten nicht deutlich mehr Waffen in das umittelbar vor der Auflösung stehende Ghetto geschleust werden können? Die heldenhaften Kämpfer rund um den damals 22-jährigen Mordechaj Anielewicz, standen einer deutschen Übermacht gegenüber. Wer die Niederschlagung des Aufstands durch die deutsche Übermacht überlebt hat, wurde deportiert. Nun. Diese Ereignisse zu thematisieren gehört zur Aufarbeitung der Geschichte. Dass es auch nichtjüdische Polen waren, die unter Lebensgefahr Abertausende Juden gerettet haben (z.B. Irena Sendler in Warschau), steht ebenso außer Zweifel wie die Unterstützung der AK bei der Rettung Tausender politisch und "rassisch" Verfolgter. In diesem Zusammenhang ist das Zegota-Komitee hervorzuheben, in der sich einer Ihrer Vorgänger, Botschafter Wladyslaw Bartoszewski, verdient gemacht hat. Diese Untergrundorganisation organisierte die Rettung von rund 75.000 Juden in Verstecken, versorgte und deckte sie. Helfer riskierten ihr eigenes und das Leben ihrer Familien oder wurden – wie Bartoszewski – ins KZ Auschwitz gesperrt. Dass es Helden und "Gerechte unter den Völkern" gab, ändert nichts am Wahrheitsgehalt meiner Berichte. Alles, was zu diesem Thema rund um den 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung in "Heute" publiziert wurde, entspricht den Tatsachen.
Jean-Paul Sartre schrieb (ich kürze): "Der Antisemitismus ist die Furcht vor dem Menschsein. Der Antisemit ist alles, nur kein Mensch." Mit Ihrer Agitation, Herr Botschafter, lenken Sie von einer ihrer Aufgaben als Diplomat eines EU-Staates ab, nämlich das viel zitierte „Nie wieder!“ mit Leben zu füllen, anstatt es bei Kranzniederlegungen zu wiederholen. Warum legen Sie keinen Wert darauf, unwahre Behauptungen über die Berichterstattung in "Heute" in polnischen Medien richtigzustellen? Hatten Sie in dieser Causa Kontakt mit polnischen Redakteuren? Warum haben Sie "Heute" nicht kontaktiert?
Hannah Arendt nennt Bulgarien und Dänemark als Belege für ihre These. In beiden Ländern konnte die jüdische Bevölkerung dank Mithilfe von weiten Teilen der Zivilbevölkerung und jenen in den Behörden, die nicht unbeteiligt zusahen, Mitläufer waren und sich so vor dem Menschsein fürchteten, nahezu vollständig überleben. Die Tatsache, dass diese beiden Länder im Unterschied zu Polen nicht besetzt waren, spielt eine untergeordnete Rolle. In anderen Achsenmächten wie zum Beispiel in Rumänien wurde ein ähnlich hoher Anteil der jüdischen Bevölkerung wie in Polen, Weißrussland oder Litauen ermordet. Hierzu empfehle ich Ihnen Betrachtung und Lektüre der am 27. Jänner 2015 in "Heute" erschienenen grafischen Darstellung des Vernichtungsgrades der jüdischen Bevölkerung in den Ländern Europas. Eine Zahl der polnischen Retter und Geretteten ist darin ebensowenig zu finden wie eine Zahl der Menschen in ganz Europa, die Juden und andere Verfolgte verraten und so zur Deportation freigegeben in den meist sicheren Tod geschickt haben. Dass Hunderte Jüdinnen und Juden selbst nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands und nach ihrer Heimkehr aus den Konzentrationslagern oder Verstecken von ihren Landsleuten ermordet wurden, ist in der Grafik auch nicht ausgewiesen. Selbst 1946, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Juden in Krakau, Lublin, Lodz und Kielce bei Pogromen ermordet. Unter den wenigen Überlebenden der Schoah setzte eine Fluchtbewegung Richtung Westen ein. Aber das ist wieder ein anderes Thema, eines der vielen traurigen Kapiteln der Geschichte, zu denen Menschen in der Lage waren, sie zu schreiben.
Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Fragen der Verantwortung kann schmerzhaft sein. Aber auch Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass es während der Schoah überall unbeteiligte Zuseher, Ja-Sager, Mitläufer, Denunzianten, Kollaborateure, Profiteure und andere Verbrecher gab. Auch in Polen.
Mit einem freundlichen Gruß,
Erich Nuler
Politik Ressortleiter
Der Brief des polnischen Botschafters:
Die Korrespondenz auf Polnisch finden Sie auf der nächsten Seite.
Hier die Korrespondenz auf Polnisch: