Wien

Wie Bruce Willis "Konnte plötzlich nicht mehr sprechen"

Nach einem Schlaganfall verlor Tim seine Sprache und kämpfte sich mühsam zurück ins Leben. Mit seiner Geschichte macht er heute anderen Mut.
Yvonne Mresch
04.04.2022, 16:58

21 Jahre ist er her – der Tag, an dem sich Tims Leben für immer veränderte. "Ich war krank, hatte Fieber, ein klassischer Infekt", erinnert sich der 59-jährige. "Mein Sohn fragte mich noch: 'Papa, ist alles ok'? Dann wurde es schwarz." Schwarz blieb es drei Monate lang. Tim hatte einen Schlaganfall erlitten, lag im Koma. Als er erwachte, folgte der Schock: Der ehemalige Radiomoderator konnte nicht mehr sprechen. 

"Ich konnte fließend Deutsch, heute spreche ich nur mehr Englisch"

Tim leidet an Aphasie, einer Sprachstörung, die in Folge einer Verletzung des Gehirns auftritt. Sie äußert sich in Wortfindungsschwierigkeiten. Betroffene haben meist Probleme mit dem Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen. "Es ist schrecklich", erzählt der gebürtige Australier, der mittlerweile fast ausschließlich Englisch spricht. Deutsch konnte er vor seinem Schlaganfall fließend, heute sind nur mehr Brocken davon übrig. Halt gab ihm neben seiner Familie die Selbsthilfegruppe für Aphasie in der Leopoldstadt, an der er seit 18 Jahren regelmäßig teilnimmt. Dort bietet er auch Englischkurse für Aphasiker an. Und er hat andere Betroffene kennengelernt, mit denen er sich austauscht – wie Renata und Henny.

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"Man wird wütend und ringt nach Worten"

Renata war erst 31 Jahre alt und kerngesund, als sie ganz plötzlich beim Wäsche aufhängen umfiel. Eine Kalkablagerung im Herzen hatte letztendlich auch das Gehirn betroffen und löste eine Aphasie aus. Der anfängliche Schock war groß, mühsam kämpfte die heute 65-Jährige um jedes Wort. "Man wird richtig wütend und ärgert sich, weil man genau weiß, was man sagen möchte, aber man bekommt es nicht hin. Man ringt nach Worten." Die positive Wienerin ließ nicht locker und rappelte sich wieder auf - trotz aller Steine, die einem Aphasiker in den Weg gelegt werden, sagt sie.

"Die Bürokratie. Diskriminierung bei Behörden und im persönlichen Umfeld. Das ist unser Alltag", bestätigt auch die 65-jährige Henny. Sie verlor ihre Sprache vor 30 Jahren nach einem schweren Unfall und einem Schädel-Hirn-Trauma. "Viele haben sich abgewandt", sagt sie. "Die Nachbarn haben sich beschwert, dass ich nicht mit ihnen rede. Wenn man bei Behörden oder beim Einkaufen ist, hört man oft 'Ja was willst du denn? Red halt!'. Die Leute sind sehr ungeduldig." 

"Verbesserungen sind immer möglich"

Von diesen negativen Erfahrungen dürfe man sich nicht beeinflussen lassen, sagt Jacqueline Stark, Neurolinguistin und Leitern der Selbsthilfegruppe für Aphasie in Wien. Sie appelliert an die Betroffenen: "Nehmen Sie an der Gesellschaft teil, bleiben Sie aktiv und bauen Sie auf Ihre vorhandenen Fähigkeiten." Um eine Verbesserung herbeizuführen, sei es nie zu spät. Auch nach Jahren seien noch Fortschritte möglich. Wer mit Aphasikern zu tun hat, sollte vor allem eines mitbringen: Geduld. "Man muss ihnen Zeit geben und soll nicht für die Person sprechen. Aphasiker sind sprachlich, aber nicht geistig beeinträchtigt." 

Pinsel statt Mikrofon, Malerei statt Moderation

Über zehn Jahre haben Tim, Renata und Henny gebraucht, um ihre Sprache wiederzufinden. Und der Kampf geht weiter. Noch immer fällt ihnen vieles schwer, sie sprechen langsam und suchen nach den richtigen Worten. Aber dank Therapien, der Hilfe von Neurolinguisten und Logopäden und einer gehörigen Portion Eigenmotivation haben sie einen großen Schritt bereits geschafft. Tim hat heute das Mikro gegen einen Pinsel getauscht und malt leidenschaftlich gerne. Henny spaziert mit ihrem Hund durch die Natur und Renata will vor allem eines: "Mit positiver Energie andere anstecken. Ich will anderen sagen: Auch wenn es lange dauert, man kann es schaffen!"

Wer als Betroffener oder Angehöriger an der Selbsthilfegruppe teilnehmen möchte, kann sich unter www.aphasie-club.at informieren. 

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