Welt

Razzia gegen tschechische Regierung in Prag

Heute Redaktion
14.09.2021, 03:03

Eine ungewöhnliche Razzia im tschechischen Regierungsgebäude hat in Prag für Aufsehen gesorgt. Mehrere Politiker, Beamte und sogar die Sekretärin des Premiers Petr Necas wurden festgenommen. Im Einsatz standen auch österreichische Polizisten und Diensthunde, die technische Unterstützung leisteten.

Die tschechische Antikorruptionspolizei hat in der Nacht auf Donnerstag und im Laufe des Tages eine groß angelegte Razzia im Amt des Premiers Petr Necas, im Verteidigungsministerium und weiteren Behörden durchgeführt. Dabei wurden auch mehrere Personen festgenommen. Darunter befinden sich die Kabinettschefin von Premier Necas, Jana Nagyova, der frühere Klubobmann der konservativen Demokratischen Bürgerpartei (ODS), Petr Tluchor, Ex-Agrarminister Ivan Fuska (ODS) sowie amtierende hochrangige Beamte, berichteten die tschechischen Medien.

In den tschechischen Medien hieß es, dass die Razzia unter anderem mit Ereignissen rund um die Tschechische Bahn (CD), die Bundesforste der Tschechischen Republik sowie mit Finanztransaktionen rund um den umstrittenen Unternehmer Roman Janousek zusammenhängt, dessen Name im Zusammenhang mit der Korruption auf dem Prager Rathaus auftauchte.

Unvergleichliche Aktion

Die Polizei bestätigte den Einsatz, die Verhaftungen zunächst aber nicht. Laut Polizeisprecher Pavel Hantak geschehe alles unter der Aufsicht der Staatsanwaltschaft. Es handelt sich wahrscheinlich um die umfangreichste derartige Razzia in der Geschichte Tschechiens.

Das Abgeordnetenhaus hat deswegen seine Sitzung bis zum morgigen Freitag unterbrochen. "Für mich ist dies eine schwerwiegende Information. Ich erinnere mich nicht daran, dass die Polizei je so im Regierungsgebäude vorgegangen wäre", kommentierte Parlamentspräsidentin Miroslava Nemcova die Situation.

Wo versteckt sich der Regierungschef?

Die Medien rätselten unterdessen, wo sich Necas befindet. Der Regierungssprecher bestritt, dass der Regierungschef im Krankenhaus sei. Auf der Parlamentssitzung tauchte Necas nicht auf. Der Premier äußerte sich bisher nicht zu der Razzia, obwohl vor allem er - wegen Nagyova - im Mittelpunkt des Interesses der Journalisten steht. Nagyova ist seit Jahren eine enge Mitarbeiterin von ihm. Necas wird seit längerem eine "sehr enge Beziehung" zu Nagyova nachgesagt. Die Medien kritisierten in der Vergangenheit auch, dass Necas zu hohe Prämien an Nagyova auszahlen lassen hatte.

Was Fuksa und Tluchor angeht, hatten diese Ende 2012 ihr Parlamentsmandat niedergelegt und damit ihre Rebellion gegen ein Steuerpaket der Regierung aufgegeben. Danach kamen sie mit lukrativen Posten in Staatsbetrieben unter. Unter den Festgenommenen ist laut den Medien auch der jetzige Chef der staatlichen Verwaltung für Material-Reserven, Ondrej Palenik, der bis 2012 Chef der militärischen Spionage war.

Österreichische Polizei im Einsatz

Ins Visier der Ermittler geriet auch der Unternehmer Ivo Rittig, dessen Sitz in Prag die Polizei in Begleitung von "mindestens zwei Männern in kugelsicheren Westen mit der deutschsprachigen Aufschrift 'Polizei'" besuchte. Diese Männer in Uniformen, die nicht der tschechischen Polizei angehört hätten, hätten dann aus dem Haus "Schachteln gebracht und den Ort in einem Auto mit österreichischem Kennzeichen verlassen", berichtete der Nachrichtenportal "Novinky".

Das österreichische Innenministerium bestätigte eine Unterstützung der tschechischen Polizei durch österreichische Polizisten. Allerdings gebe es "keinen Ermittlungsbezug nach Österreich", betonte Sprecher Karl-Heinz Grundböck. Die Unterstützung sei rein technischer Natur. "Es geht um Diensthunde mit Spezialausbildung, die für die tschechische Polizei nicht zur Verfügung stehen." Die Hunde können Geld erschnüffeln.

Die Opposition forderte unterdessen eine gründliche Erklärung von Necas zu den Ereignissen. Sollte sich der Verdacht gegen Nagyova bestätigen, könnte sich der Vizechef der Sozialdemokraten, Lubomir Zaoralek (CSSD), nach eigenen Worten nicht vorstellen, dass Necas im Amt bleibe. Auch aus der Koalitionspartei TOP 09 des Außenministers Karel Schwarzenberg verlautete, dass Necas in diesem Fall sein Amt zurücklegen müsste. Senatschef Milan Stech (CSSD) sprach über die Notwendigkeit von „baldigen vorgezogenen Parlamentswahlen“.

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