Römisches Wien war größer als bisher angenommen

Bei Vorarbeiten für den U-Bahnausbau stießen Archäologen auf die Reste römischer Keller und Öfen. Außerhalb des bisher bekannten Siedlungsgebietes. 

Die Wiener Stadtgeschichte muss wieder einmal neu geschrieben werden: Bei Vorarbeiten für die neue U-Bahnstation U5 am Frankhplatz (Alsergrund), die seit Juli laufen, stießen die Experten der Stadtarchäologie Wien auf Spuren von fast 2.000 Jahren Stadtgeschichte. Und machten dabei eine sensationelle Entdeckung: Das römische Lager war deutlicher größer als bisher angenommen.

Gefundene Keller gehörten vermutlich zu Werkstätten

Die fünf gefundenden Kelleranlagen gehörten vermutlich zu Werkstätten, auch Wohngebäude wären denkbar, erklärt Grabungsleiter Martin Mosser gegenüber "Heute". Die tatsächliche Nutzung werde man erst durch die Auswertung der gemachten Funde herausfinden. Dazu zählen neben den zwei Öfen unter anderem auch ein tönernes Gefäß zur Käseherstellung, Gewandfibeln sowie eine Komödienmaske, die wohl einmal einen Tonkrug zierte und eine Balteus-Schließe, mit der die römischen Legionäre ihren Schwertgurt zusammenhielten.

Die Gebäude waren alle zur Alserstraße ausgerichtet. Diese ist als geschichtsträchtige Verkehrsverbindung bekannt. Schon in der Römerzeit verlief hier ein wichtiger Fernweg, der vom Legionslager Vindobona nicht nur zu den Ziegeleien in Hernals, sondern auch weiter in Richtung Auxiliarkastell Comagenis in Tulln führte.

Funde jenseits des bekannten Gräberfeldes unter dem Sigmund Freud-Park

Bislang war nur bekannt, dass sich in der Spätantike entlang dieser Straße ein Gräberfeld erstreckte. Unter dem heutigen Sigmund-Freud-Park vor der Votivkirche wurden Gräber und Sarkophage gefunden. "Daher gingen wir zunächst davon aus, dass wir auch hier auf Reste des Gräberfeldes gestoßen sind", erklärt die Projektleiterin der U-Bahn-Archäologie Kristina Adler-Wölfl.

Doch am Frankhplatz kam nun mehr zutage, als die Archäologen erwartet hatten: Entdeckt wurde das Steinfundament eines zur Straße hin orientierten Hauses, dessen Funktion bislang noch offen ist. Auch Überreste zweier Öfen (wahrscheinlich Töpferöfen) und Gräbchen, als Spuren von Zäunen, wurden freigelegt. Diese Siedlungsreste sind älter als das Gräberfeld und stammen vermutlich aus der Zeit vom Ende des 1. bis zum 3. Jahrhundert nach Christus. Wichtig seien diese vor allem deshalb, weil sie zeigen, dass die Lagervorstadt (canabae legionis) rund um das Legionslager flächenmäßig weitaus größer dimensioniert war als bisher angenommen: Ein Puzzlestein, der das bislang bekannte Siedlungsbild der Römerzeit in Richtung Westen erweitert.

Erstmals mittelalterliche Parzellen nachgewiesen

Die römischen Überreste sind aber nur ein Teil: Die Archäologen stießen auch auf Reste mittelalterlicher Keller und neuzeitlicher Mauern. Und können nun erstmals mittelalterliche Parzellierungen nachweisen. Erstmals erwähnt wurde die Alserstraße im Jahr 1211 in einer Urkunde. Gleichzeitig mit der Stadterweiterung von Wien und dem Bau einer Stadtbefestigung am Ende des 12. bzw. zu Beginn des 13. Jahrhunderts, entstanden vor den Stadttoren bereits Ansiedlungen, sogenannte Vorstädte. Sie waren in wirtschaftlicher Hinsicht für die Nahversorgung der Stadt von großer Bedeutung. In der Vorstadt vor dem Schottentor, zu der wohl auch die Gegend um den Frankhplatz gehörte, sind für das 13. Jahrhundert bereits ein Nonnenkloster, Ziegelöfen und ein Siechenhaus überliefert. Genaue historische Pläne liegen aus dem Mittelalter aber nicht vor. Auf der Rundansicht des Niklas Meldeman von 1529/1530 ist die "Vorstadt zwischen den zwei Mauern" vor dem Schottentor dargestellt.

Grabungsleiter Martin Mosser zu den Funden unter dem Frankhplatz. Video: heute.at

Dank der Funde, die das Archäologen-Team nun gemeinsam mit dem archäologischen Dienstleister Novetus freilegte, konnten somit erstmals die Grundrisse mittelalterlicher, zur Alser Straße ausgerichteter Häuser der Vorstadt, dokumentiert werden. Sie geben wichtige Hinweise auf die Ausdehnung der Besiedlung an der Alser Straße vor dem Schottentor im späten Mittelalter.

Fundamente der Alser Kaserne erzählen über das neuzeitliche Wien

Das Areal des Frankhplatzes lag nach dem Bau der Wiener Festungsanlagen im 16. Jahrhundert nahe dem Glacis, dem freien Feld vor dem Festungsgraben. Anhand von Plänen aus dem 18./19. Jahrhundert war bekannt, dass die Ausgrabungsfläche die südöstliche Ecke der einstigen, 1912 demolierten Alser Kaserne, betreffen würde. Mächtige Mauern und Kellerräume der Kaserne konnten gleich zu Beginn der Ausgrabung aufgedeckt werden.

Die Alser Kaserne wurde von 1751 bis 1753 erbaut, wies drei Obergeschoße und zumindest einen großen Innenhof für Appelle auf. Verschiedene Infanterieregimenter waren hier im Lauf der Zeit untergebracht. Die sogenannte Kasernentransaktion von 1891 bedeutete, Kasernen innerhalb des Linienwalls aufzulassen. Diese entsprachen nicht mehr den militärischen Erfordernissen, auf ihren Arealen sollten neue Wohnbauten entstehen. Die in der Alser Kaserne stationierten zwei Infanterieregimenter übersiedelten 1912 in andere Kasernen, das Gebäude wurde abgebrochen.

Mauerreste könnten als "Zitat der Stadtgeschichte" erhalten bleiben

Noch bis Ende der nächsten Woche haben die Archäologen Zeit in die Vergangenheit zu blicken. "Wir graben aus, was geht. Der Großteil der Arbeit sind dann aber Untersuchungen und Vergleiche danach", erklärt die Leiterin der Stadtarchäologie Wien Karin Fischer-Ausserer. 

So sollen in den nächsten Tagen die Reste der mittelalterlichen und neuzeitlichen Mauern abgetragen werden. Darunter erhoffen sich die Archäologen weitere Funde. Nach Abschluss der Grabungsarbeiten dürfen dann die Wiener Linien übernehmen. Für den U-Bahnbau wird es notwendig sein, die geschichtsträchtigen Fundamente abzutragen.

Manche könnten aber als "Zitat der Stadtgeschichte" in die neue U-Bahnstation Frankhplatz integriert werden. Wie weit es baulich möglich ist, Teile der freigelegten Mauerreste zu konservieren und für die Öffentlichkeit dauerhaft sichtbar zu machen, werde gerade geprüft, heißt es.

Bei einem Besuch auf der Grabungsstelle zeigte sich Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler (SPÖ) begeistert: "Mauern, Gräber, Scherben oder Knochen, Objekte des täglichen Bedarfs: Mit jedem freigelegten Fundstück erhalten wir neue Kenntnis, die unsere Vergangenheit erhellt, neu arrangiert und bewertet". Die Funde zeigten auch, dass "Wien schon immer eine aufstrebende Stadt war", so Kaup-Hasler. 

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