Ukraine

Russen-Gouverneur verkündet Sieg, ist heimlich geflohen

Der russische "Gouverneur" für die Region Cherson, Kirill Stremousow, hat die ukrainische Offensive in einem Video für gescheitert erklärt.
Nikolaus Pichler
01.09.2022, 12:55
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Die Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte hat Fahrt aufgenommen. Bei der angestrengten Rückeroberung der südlichen Region Cherson sollen russische Truppen aus mehreren Dörfern vertrieben worden sein, heißt es in unbestätigten Berichten.

Der von Moskau eingesetzte "Gouverneur" für die Region, Kirill Stremousow, sieht das anders. Er erklärte die ukrainische Offensive in Cherson für gescheitert. "Russland ist für immer in Cherson", sagte er in einer Videobotschaft. "Die Offensive auf Cherson war nutzlos."

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In Russland, 800 Kilometer entfernt im Marriott Hotel

Dass diese Nachricht gut 800 Kilometer von Cherson entfernt und in Russland im Zimmer des Marriott Hotels in Woronesch aufgenommen wurde, ließ Stremousow unerwähnt. Doch das Bild des standhaften russischen Statthalters hielt sich keine 24 Stunden.

Ein ukrainischer Aktivist bemerkte schnell, dass im Hintergrund des Videos auffällige Gebäude von Woronesch zu sehen sind. Andere Social-Media-Nutzer fanden zudem Fotos von der Einrichtung des Hotelzimmers, die sich mit der Videoaufnahme deckten. Der siegessichere "Gouverneur" von Cherson war also heimlich geflohen.

Stremousow erinnert an "Bagdad Bob"

Schon machen sich Twitter-User über den russischen "Gouverneur" lustig: Dieser erinnere mit der kriegerischen Videobotschaft aus der Sicherheit seines Hotelzimmers an Muhammad as-Sahhaf aka "Bagdad-Bob". Der irakische Informationsminister war im dritten Golfkrieg wegen seiner übertriebenen Propaganda-Äusserungen bekannt geworden.

Für allgemeine Erheiterung hatten damals seine Pressekonferenzen gesorgt. Auf denen erklärte Sahhaf, dass die in Bagdad einrückenden Amerikaner wegen der zahlenmässigen Überlegenheit der irakischen Truppen reihenweise Suizid begehen würden.

In Wahrheit nahmen die US-Soldaten zu diesem Zeitpunkt gerade die Außenbezirke der irakischen Hauptstadt ein. Selbst als im Hintergrund schon amerikanische Panzer zu sehen waren, sagte Sahhaf: "Es gibt keine amerikanischen Ungläubigen in Bagdad und wird es nie geben. Wir gewinnen diesen Krieg!"

Russische "Gouverneure" leben gefährlich

Neben der anrollenden Gegenoffensive bringen Medien die Flucht des russischen "Gouverneurs" Stremousow auch in Zusammenhang mit dem Tod von Alexei Kovalew. Der von Russland ernannte Beamte war am Wochenende erschossen worden.

Kowaljow, einst stellvertretender Leiter der Landwirtschaftsbehörde von Cherson und davor Mitglied der Partei des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski, hatte zu Kriegsbeginn die Seiten gewechselt und sich den russischen Besatzern angeschlossen. Es wird vermutet, dass er Opfer ukrainischer Partisanen wurde.

Die russischen "Gouverneure" und Beamten in der Ostukraine leben gefährlich. Am Dienstag überlebte ein Funktionär in Cherson ein Attentat, bei dem ein Sprengsatz in der Nähe seines Fahrzeugs detonierte, wie die russische Nachrichtenagentur TASS berichtet.

Russische Soldaten suchen Partisanen

Der ukrainische Präsident Selenski hat die russischen Truppen in den besetzten Gebieten gewarnt: "Wenn ihr die Offensive der Ukraine überleben wollt, ist es jetzt Zeit zu fliehen."

Das Büro des ukrainischen Präsidenten teilte am Mittwoch mit, auf den Straßen Chersons seien Schüsse aus Schnellfeuerwaffen zu hören. Russische Soldaten würden von Haus zu Haus gehen, um ukrainische Partisanen aufzuspüren, die gegen die Besatzer kämpfen. Unabhängig überprüft werden konnten diese Angaben nicht.

Das ukrainische Militär hatte diese Woche eine Offensive im Süden des Landes gestartet, wobei es allerdings unterschiedliche Angaben darüber gab, wie erfolgreich der Vorstoß ist.