Die Flüchtlingstragödien im Mittelmeer machen betroffen. "Heute" war gemeinsam mit der Caritas auf Sizilien. Dort trafen wir auf Flüchtlinge, die von Verzweiflung und Leid berichteten, aber auch auf Freiwillige, deren Hilfsbereitschaft und Einsatz berührt.
Die machen betroffen. "Heute" war gemeinsam mit der Caritas auf Sizilien. Dort trafen wir auf Flüchtlinge, die von Verzweiflung und Leid berichteten, aber auch auf Freiwillige, deren Hilfsbereitschaft und Einsatz berührt.
Strahlender Sonnenschein, das blaue Meer glitzert. Daneben liegen etwa zehn Schiffe nebeneinander an Land. Dünne, instabile Spanholzplatten halten die Schiffe zusammen, Nägel ragen heraus. Beklemmend: Zwischen den Schiffen liegen alte Matratzen, vereinzelt auch Kleidungsstücke.
In jedem dieser Boote waren bis zu hunderte Menschen zusammengepfercht im Schiffsbauch tagelang auf hoher See unterwegs und hatten Angst um ihr Leben. Der "Schiffsfriedhof" in Portopalo di Capo Passero hinterlässt Fassungslosigkeit. "Heute" war mit der Caritas auf Lokalaugenschein in Sizilien.
Einer, der überlebt hat, ist Samuel (31) aus Nigeria. Wir treffen ihn in seinem neuen Zuhause, einem "SPRAR"-Flüchtlingsheim in Mascalucia, nahe der sizilianischen Hafenstadt Catania. Zehn Erwachsene, sieben Kinder leben hier. Vier von ihnen wurden hier geboren. "Ich hatte keine andere Chance, als das Risiko einzugehen", erzählt er. "Wir waren drei Tage lang auf einem kleinen Boot, etwa 100 Menschen."
Samuels Frau verlor ihr Baby
Samuels Frau war im 6. Monat hochschwanger als sie mit ihrem Mann flüchten musste. Die Todesangst steht dem Nigerianer noch jetzt, fast zwei Jahre nach der Ankunft, ins Gesicht geschrieben. "Meine Frau hatte Durst, es gab kein Wasser mehr, also hat sie Meerwasser getrunken. Mein Kind ist gestorben", sagt er. "Es ist nicht leicht, aber ich habe eine Zukunft, ein Kind", sagt er. Tochter Victoria ist acht Monate alt. "Ich würde das Risiko nie wieder eingehen", meint er.
Abdul (26) ist vor sieben Monaten im "SPRAR"-Wohnheim angekommen. Er flüchtete aus Accra in Ghana. "Meine Familie wollte mir nicht erlauben, meine jetzige Frau zu heiraten", erzählt er. Zwei Jahre war er in Libyen. "Es war zu gefährlich dort – wegen der Rebellen-Soldaten. Wenn man kein Geld zahlt, erschießen sie dich", sagt er.
Für die Überfahrt Richtung Europa hat Abdul 2.000 Dinar (rund 1.299 Euro) bezahlt. Gemeinsam mit seiner Frau Suraya und seinen Kindern Nefisa (21 Monate) und Aruna (3 Monate) wohnt er jetzt im Flüchtlingswohnheim.
Das größte Aufnahmezentrum Europas
In "Cara Mineo", dem größten Flüchtlings-Erstaufnahmezentrum Europas, kommen die meisten Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Italien an. Das Areal ist videoüberwacht, ein Zaun umgibt das Gelände. Soldaten patrouillieren davor. Drinnen sieht die Siedlung wie eine amerikanische Vorstadt aus.
404 adrette Reihenhäuser mit Vordach und Parkplatz säumen die Straßen. Nicht ohne Grund: Bis 2010 war hier ein US-Stützpunkt, Familien von NATO-Soldaten wohnten hier. Seit März 2011 leben in der Siedlung 3.200 Flüchtlinge – 200 Frauen, 50 Kinder – der Rest sind Männer.
Es gibt einen Sportplatz, Spielplätze für Kinder. Psychologen arbeiten hier ebenso wie eine Anwältin. Die Vizedirektorin Leucia Varasano führt "Heute" und die Caritas durch das Areal. "Die Flüchtlinge kommen von verschiedenen Häfen hierher", sagt sie. Sie warten oft sechs bis acht Monate darauf, von der Gebietskommission in Catania angehört zu werden – um einen Asylantrag stellen zu können. Arbeiten dürfen sie nicht, so lange sie keine Dokumente haben. "Wir bieten Computerkurse an", sagt Varasano. In einem "Job Center" gibt es Workshops.
Seite 2: Wie die Bewohner helfen
In der kleinen Gemeinde Portopalo di Capo Passero ganz im Süden der italienischen Insel Sizilien, leben die Menschen hauptsächlich vom Fischfang. Was denken die Menschen vor Ort? Für Nino Canarella - 64 Jahre alt, seit 50 Jahren Fischer - ist klar: "Das sind Menschenleben, da kommen Kinder herüber. Schlimm ist es, wenn sie bei schlechtem Wetter auf hoher See sind. Italien kümmert sich. Aber hier ist es voll." Die EU müsse endlich aushelfen. Die Schlepper sind für Canarella Verbrecher: "Die wissen ganz genau, dass sie sich auf den Tod der Menschen einlassen."
"Man darf nicht aufhören, Menschen zu helfen"
Überwältigend ist die Hilfsbereitschaft auf Sizilien. Zu Besuch beim Roten Kreuz Catania, sprechen wir mit Eduardo Falcone (21). Vor zwei Jahren, also mit 19, hat er beim Roten Kreuz angefangen. "Ein Schiff kam an, es hatte 35 oder 40 Grad draußen. Die Menschen kollabierten. Wir sprangen aufs Boot, um ihnen zu helfen", erzählt Falcone. "Ich gab einem Flüchtling, vielleicht 13, 14 Jahre alt, Socken. Er lächelte." Falcones Appell: "Man darf nicht aufhören, Menschen zu helfen. Das wäre, also würde man einen Unfall auf der Straße sehen – und weiterfahren."
120.000 Flüchtlinge sind 2014 in Sizilien angekommen. 3.300 Freiwillige vom Roten Kreuz halfen ihnen. Allein heuer kamen mehr als 20.000 Flüchtlinge an.
Am Abend: Besuch im "Help Centre" der Caritas Catania, gleich beim Bahnhof. Ab dem späten Nachmittag kochen Freiwillige auf Hochdruck in der kleinen Küche. Jeden Tag ab 18.30 Uhr klopfen die ersten Hungrigen an die Türe. Es sind viele, nicht nur Flüchtlinge, auch Italiener, die sich kein Essen leisten können, kommen. Hier wird keiner weggeschickt.
14 Bäckereien spenden Brot. Pro Tag helfen 15 bis 20 Freiwillige. "Es gibt immer genug für alle", sagt Filippo Cannizzo, der Sprecher der Caritas in Cantania. Auch Bäcker Francesco Solano hilft. Jeden Donnerstag spendet er alles, was an diesem Tag in seiner Bäckerei übrigbleibt. Warum er das macht? "Ich war 20 Jahre lang bei der Misericorida, 30 Jahre lang Blutspender, bin jetzt Organspender. Ich mache das, weil es notwendig ist", sagt Solano.
Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner: "Betroffenheit alleine rettet kein Menschenleben"
"300 Millionen Euro hat das Sicherheitspaket, das innerhalb von vier Tagen nach den Anschlägen in Paris von der Bundesregierung durchgewinkt wurde, gekostet – für gepanzerte Fahrzeuge und mehr Sicherheit. Damit könnte man zwei Jahre lang Mare nostrum sichern, eine echte Menschenleben-Rettungsaktion.
Wenn 28 EU-Mitgliedsstaaten hier Verantwortung übernehmen würden, wäre das morgen gelöst. Es ist keine Frage, ob die finanziellen Mittel da sind. Es ist eine Frage des Wollens", sagt Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner.
Sein Appell: "Betroffenheit alleine wird kein Menschenleben retten. Wir brauchen Mare nostrum. 22 Cent pro Europäer würde diese Lebensrettungsaktion kosten."
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