"Scarlet Nexus" im Test: Action-Spiel als Anime-Hit

Was für ein Mega-Hit! Das Action-Rollenspiel "Scarlet Nexus" legt nicht nur einen fulminanten Start hin, sondern auch die Basis für eine neue Reihe.

Lange Zeit wusste man nicht, was man vom angekündigten Action-Rollenspiel "Scarlet Nexus" aus dem Hause Bandai Namco halten sollte. Anime-Figuren, die in einer auch für das westliche Publikum, hochkarätigen Zukunfts-Geschichte und mit einem ausgeklügelten Kampfsystem in Hochglanz-Grafik gegen bizarre Mutanten antreten sollen? Das klang einfach zu gut, um wahr zu sein. Doch nun ist "Scarlet Nexus" für Xbox Series X|S und One, PlayStation 5 und 4 sowie PC da – und spielt sich sogar noch besser als erträumt. 

"Scarlet Nexus" spielt in einer von den Entwicklern so genannten "Brain-Punk-Zukunft". Ein großer Teil der Menschheit hat darin mehr oder minder starke psychische Fähigkeiten entwickelt, die viele Formen wie Zeitmanipulation, Telekinese oder Kontrolle über die Elemente annehmen können. Diese Fähigkeiten werden hochentwickelten Technologien sogar noch intensiviert, während der andere Teil der Menschheit, also Personen ohne Fähigkeiten, als Außenseiter gelten.

Zwei Figuren, zwei Spielweisen

Zeitgleich kommt es zu verheerenden Angriffen der "Anderen" – bizarr mutierten und offenbar nur von Instinkten getriebenen Wesen – auf die Menschheit. Der Spieler darf dabei in die Rolle zweier Rekruten der "Anderen-Abwehrstreitkraft" schlüpfen. Kasane Randall zeigt sich dabei als coole und verschlossene Kampf-Expertin, die lieber auf ihr Können als auf ihre Teampartner setzt; Yuito Sumeragi wiederum ist ein extrovertierter Politiker-Spross, wurde selbst durch die Abwehrstreitkraft gerettet und will mit seiner fröhlichen Art nun anderen Menschen zur Seite stehen. 

Je nachdem, welchen Charakter man auswählt, erfährt man die Handlung von "Scarlet Nexus" nicht nur aus einem anderen Blickwinkel, sondern auch mit einer ganz eigenen Kampfmechanik. Beide Figuren haben zwar als Grundlage die selbe Fähigkeit, mit Psychokinese Objekte und Gegenstände schleudern zu können und dürfen diese immer spezialisierter und stärker ausbauen – sie nutzen aber andere Nahkampfwaffen. Während Kasane langsamere, aber starke Wurfmesser mit Fernkampf-Option einsetzt, nutzt Yuito sein schnelles Schwert bei flinken Manövern und Nahkampfangriffen.

Mehr, mehr und mehr Kampf-Optionen

Die Kämpfe sind auch das große Highlight in "Scarlet Nexus". Und sie bieten auch keinerlei Ansatzpunkt für Kritik, denn selten ist ein komplexes Kampfsystem so grandios ausgefallen. Anfänger seien aber gewarnt: Die Lernkurve ist durchaus steil, wer die Kniffe und Tricks beherrscht, wird aber mit einem Effektgewitter und Erfolgen belohnt. Doch zu Beginn sind wir tatsächlich blutige Anfänger und dürfen gegen Dummy-Feinde versuchen, einige Hiebe mit der Waffe und einige Fähigkeiten-Attacken in einem stimmigen Tutorial miteinander zu kombinieren.

Während sowohl die Zahl der Nahkampfangriffe als auch der psychokinetischen Fähigkeiten stetig wächst, lassen sie sich zu immer neuen Kombo-Ketten zusammenführen, was zu dynamischen Gefechten führt. Etwas später stoßen auch noch Spezialangriffe als Finisher für Kämpfe oder als Verstärkung von Angriffen hinzu, bei denen entweder kurze Action-Videosequenzen eingespielt werden oder sich unsere Spielfigur kurzzeitig in monströse Kampfmaschinen verwandelt. Und auch unser Begleitteam aktiviert uns hilfreiche Effekte wie Zeitverlangsamung oder Unsichtbarkeit.

Schnelle Kämpfe mit einer Spur "Dark Souls"

"Scarlet Nexus" kann vor allem Genre-Ungeübte schnell mit der Vielzahl an Attacken, Skills, Spezialfähigkeiten, Effekten und Kombos überfordern, belohnt aber die Fleißigen mit toll inszenierten Gefechten. Nach rund vier bis fünf Stunden stellt sich erstmals so etwas wie Routine ein und Angriffskombinationen flutschen fast schon wie selbstverständlich über die Finger. Dranbleiben lohnt sich aber. Knifflig bleibt aber selbst für Experten das Ausweichen, denn Feinde deuten entweder Angriffe selbst kaum an, oder zumindest so spät, das kaum Zeit zum Reagieren bleibt. Und bei Bossen schließlich hilft nur Geduld, Beobachten und Lücken ausnutzen – das geht dann fast schon in Richtung eines "Dark Souls".

Genial umgesetzt sind auch die vielen, vielen Feinde, die als seltsame Mutationen aus mal menschen- und mal tierähnlichen Wesen und Alltagsobjekten wie Blumen und Bäumen oder Roboterteilen daherkommen. Egal aus welchem Fiebertraum die Feinde entsprungen sind, sie können sich wahrlich sehen lassen! Zudem treten sie mit jeweils so unterschiedlichen Stärken und Schwächen auf, dass der Spieler ständig seine Fähigkeiten daran anpassen muss und so gezwungen wird, ständig wachsam und experimentierbereit zu bleiben, statt einem eingeübten Muster zu folgen.

Fantastische Geschichte in eigenwilliger Form

Auch das Skill- und Waffensystem ist so komplex, wie das Kampfsystem ausgefallen. Mit erbeuteter Währung lassen sich allerhand Waffen bei verschiedenen Händler kaufen, die wiederum ihre ganz eigenen Werte mitbringen. Zudem kann sich der Spieler mit Computer-Chips eindecken, die die verschiedenen Statuswerte wie Gesundheit und Kampfstärke der Figur verändern. Außerdem werden dem Spieler nach Level-Aufstiegen "Hirnpunkte" gutgeschrieben. Diese können wiederum in einer "Hirnkarte" in so gut wie alles, von Gesundheitserhöhung bis Schadensboost oder neue Fähigkeiten investiert werden.

Umrahmt ist das herrlich komplexe Kampf- und Skill-System von einer fantastischen Handlung. Die wird zwar hauptsächlich in Form von nur minimal animierten und gut (englisch oder japanisch) vertonten Charakter- und Szenen-Einblendungen erzählt und bietet weniger durchgestylte Video-Sequenzen, das passt aber hervorragend zum Anime-Stil des Spiels. Wer des Englischen nicht so mächtig ist, kann durch deutsche Untertitel mitlesen. Lobenswert ist, dass die Story nicht nur spannend gestaltet wurde und absolut fesselt, sondern uns auch die Charaktere sofort ans Herz wachsen lässt.

Wenig Erkundungsspielraum, tolle Grafik

Etwas schade ist, hätte aber vielleicht auch die Grenzen des Spiels gesprengt, dass die Spielwelt von "Scarlet Nexus" sich meist auf sehr begrenzte Areale beschränkt, statt offenere Bereiche zu bieten. So gibt man bereits nach kurzer Zeit auf, die Umgebung intensiver für die wenigen Items und Münzen erkunden zu wollen und hält sich an die zum größten Teil linearen Missionsziele. Zumindest bieten die aber neben den Haupt- auch Nebenaufgaben, wenn uns etwa ein NPC um einen Gefallen bittet. Doch auch dabei bleibt es so gut wie immer beim Besiegen einer Gegner-Gruppe oder dem Sammeln von Materialien.

Grafisch kann sich "Scarlet Nexus" sehen lassen! Die Areale des rund 30 Stunden langen Games sind entgegen den ersten Eindrücken wunderbar abwechslungsreich und detailliert gestaltet, die Feinde absolut ausgefallen und die Animationen wurden super flüssig umgesetzt. Unser Highlight: Die Anime-inspirierten Angriffs-Sequenzen samt dazugehörigen Mega-Effekten. Übrigens besitzt "Scarlet Nexus" wegen den beiden wählbaren Charakteren mit jeweils anderem Hintergrund auch jeweils andere Einblendungen und Perspektiven. Dass sich auch die Story in den Details zumindest minimal unterscheidet, sorgt für einen zusätzlichen Wiederspielwert.

"Scarlet Nexus": Action-Spiel als Anime-Hit

Abgerundet wird der großartige Eindruck sowohl vom unaufdringlichen, aber hörenswerten Soundtrack mit mal treibenden Klängen und mal ruhig-orchestralen Momenten – sowie vom System der "Vertrauensepisoden". Bei Letzterem handelt es sich um eine Mechanik, die in den Momenten zwischen den verschiedenen Kapiteln aktiv wird. In den Episoden können wir unsere Team-Mitglieder besser kennenlernen, ihre Motive erfahren und uns um ihre Sorgen kümmern. Das bindet nicht nur die Spieler stärker an die Figuren, sondern auch das Team aneinander. Die Folge: Auch die Fähigkeiten der Teampartner steigen und sie können unserer Spielfigur mit noch stärkeren Skills im Kampf zu Hilfe kommen.

In der getesteten PlayStation-5-Version war zudem bei der Technik alles top: Der DualSense-Controller nutzt die adaptiven Trigger-Tasten authentisch und nicht übertrieben im Kampf, am Bildschirm sind dazu stabile 60 Frames pro Sekunde zu sehen. Abschließend bleibt zu sagen: Tolle Kämpfe, innovative Gegner, ein hochkomplexes und belohnendes Kampfsystem sowie eine gut inszenierte Handlung mit ihrer ganz eigenen Optik machen "Scarlet Nexus" zu einem Action-Anime-Hit. Hoffentlich ist dies der Start einer neuen Action-Rollenspiel-Serie und es bleibt nicht bei einem Einzelauftritt.

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