Hinter den Kulissen herrscht derzeit ein Tauziehen um die Zukunft der Mariazellerbahn. Während eine Lösung zur Rettung gesucht wird, pendeln täglich unermüdlich Züge von St. Pölten durch das Pielachtal nach Mariazell - ein nostalgisch angehauchter Großbetrieb, mit dessen Schicksal auch die Zukunft einer Region verknüpft ist. Ein Lokalaugenschein abseits von nüchternen Zahlen.
Es ist ein trüber Montagmorgen im Juni. Alles andere als perfektes Wanderwetter - trotzdem sind die Waggons gut besetzt. Etwa 40 Personen sind an Bord, als sich St. Pöltens Bahnsteig 24 langsam am Fenster vorbeischiebt. Pensionisten mit Einkaufstaschen, offensichtliche Ausflügler mit Rucksack - und ein junges Paar aus Hongkong: Wir sind extra wegen der Mariazellerbahn gekommen. Bei uns steht diese Strecke in jedem Reiseführer. Einfach toll!
Zwischen dem Pärchen und Mariazell liegen 21 Tunnel, 220 meist unbeschrankte Bahnübergänge und 84 Kilometer der schönsten Bergstrecken der Alpen. Fahrzeit: im Idealfall zwei Stunden 36 Minuten.
In Laubenbachmühle steigen wir aus. Dort macht Fahrdienstleiter Herbert Hinterleitner (52) seit 1978 Dienst. 26 Züge passieren den Bahnhof täglich. Dienstbeginn ist um 3.50 Uhr, um 4.12 Uhr bringt die erste Garnitur Pendler nach St. Pölten - auch bei zwei Metern Neuschnee, wie im heurigen Frühjahr. Danach heißt es den Überblick bewahren. Auf der eingleisigen Strecke wird alles mechanisch von Hand geschaltet, im Unglücksfall gäbe es keine Ausreden auf Computerfehler.
Dass die Weichen richtig stehen ist Handarbeit von Günther Teubenbacher (47). Der Weichensteller pendelt seit 1997 täglich von Gußwerk in der Steiermark an seinen Arbeitsplatz.
Die Weiterfahrt über die malerische Bergstrecke nach Mariazell muss ausfallen: Ein Baum ist auf das Gleis gestürzt, hat die Oberleitung gekappt. Auch das ist Alltag einer Alpenbahn.
Zurück in St. Pölten besuchen wir die Werkstätten am Alpenbahnhof. Dort werden auch die berühmten Lokomotiven der Serie 1099 gewartet. Acht Stück stehen noch im Regelbetrieb - tagtäglich, seit dem Jahr 1911.
Oswald Hicker