Heftige Schlappe – Putin soll Rückzug befohlen haben

Da fliegt sie, die russische Fahne. Lyman ist wieder unter ukrainischer Kontrolle.
Da fliegt sie, die russische Fahne. Lyman ist wieder unter ukrainischer Kontrolle.Oleksiy Biloshytskyi via REUTERS
Wolodimir Selenski hat am Sonntag die vollständige Eroberung der Stadt Lyman bekannt gegeben. Gab Putin persönlich den Befehl zum Rückzug?

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat am Sonntag die vollständige Eroberung der Stadt Lyman in der von Wladimir Putin erst am Vortag offiziell annektierten Region Donezk bekannt gegeben. Seit 12.30 Uhr (11.30 MESZ) sei die Stadt "vollständig" von russischer Militärpräsenz befreit, sagte Selenski in einem in Onlinenetzwerken veröffentlichten Video. "Danke an unser Militär!"

Die strategisch wichtige Stadt Lyman war seit dem Mai von russischen Truppen besetzt. Am Samstag drohte die ukrainische Armee während ihrer Gegenoffensive die Stadt einzukesseln. Rund 5.000 Putin-Soldaten sollen sich da noch im Ortsgebiet aufgehalten haben. Sich der großen Gefahr offenbar bewusst, blies die russische Armee-Führung zum Rückzug.

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Verheerendes Signal für Moskau

Die Rückeroberung Lymans ist der erste größere militärische Sieg der Ukraine seit der illegalen Annexion der besetzten Gebiete durch Russland. Es ist ein schwerer Schlag für Putin, der noch zuvor dem ganzen Westen gedroht hatte, russisches Staatsgebiet "mit allen Mitteln" verteidigen zu wollen.

Es könnte jetzt noch schlimmer für den mächtigsten Mann im Kreml kommen: Mit dem Fall von Lyman öffnet sich für die ukrainischen Truppen der Weg Richtung Kreminna und Swatowe. Beide Städte liegen im Gebiet Luhansk und gelten – speziell Swatowe – als wichtige Verkehrsknotenpunkte. Anfang des Sommers hatte die russische Armee das Gebiet Luhansk für "befreit" erklärt. Für Moskau wäre der Verlust dieser Orte ein verheerendes Signal.

Heftige Kritik innerhalb Russlands

In den Reihen von Putins eigener Armee bröckelt es bereits. Sein "Bluthund", der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow, äußerte auf seinem Telegram-Kanal scharfe Kritik. Der verantwortliche Generaloberst Alexander Lapin solle nach der Niederlage degradiert und als einfachen Soldaten an die Front zurück geschickt werden.

Die Probleme in Lyman seien laut Kadyrow schon vor zwei Wochen gemeldet worden. "Eine Woche später verlegt Lapin seinen Stab nach Starobilsk, mehr als 100 Kilometer von seinen Untergebenen entfernt, und verdrückt sich selbst nach Luhansk. Wie kann man operativ seine Einheiten befehligen, wenn man sich 150 Kilometer entfernt befindet", echauffierte sich der vollbärtige Tschetschenen-Führer.

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Der kremlkritische russische Politologe Abbas Galljamow hingegen erklärte süffisant: "Gestern haben sie Lyman 'für immer' an Russland angeschlossen, um heute (die Stadt) zu räumen".

"Beeindruckender Erfolg"

Die Rückeroberung Lymans sei deswegen noch "beeindruckender" als der Erfolg in Charkiw, weil im Gegensatz zu Charkiw Lyman von den russischen Truppen zu einem wichtigen Stützpunkt ausgebaut worden war, analysiert Militärhistoriker Phillips P. Obrien: "Die Ukrainer werden womöglich nie wieder eine Gegend finden, die [von den Russen] so schlecht verteidigt wurde wie Charkiw". Und: "Es scheint, als hätten sie viele Truppen [in Lyman] gehabt."

Kam Rückzug-Befehl von Putin persönlich?

Die Anordnung des Rückzugs soll dabei von Wladimir Putin selbst ausgegeben worden sein. Das zumindest ist die Einschätzung der Militärexperten des renommierten Institute for the Study of War (ISW). Sie sehen in der Flucht russischer Truppen aus der strategisch wichtigen ostukrainischen Stadt Lyman "mit ziemlicher Sicherheit" des Kreml-Despoten.

Weil zu diesem Zeitpunkt nur noch eine einzige Straße unter russischer Kontrolle, aber in ukrainischer Artillerie-Reichweite gewesen sei, dürften nach Experten-Schätzungen des britischen Verteidigungsministeriums sehr viele Soldaten dabei gefallen sein.

Was plant der Kreml-Despot?

Diese Verluste dürfte Putin bereit gewesen sein, in Kauf zu nehmen. Wie die laufende Verstärkung russischer Streitkräfte in den südlichen Regionen Cherson und Saporischschja zeigt, will er offenbar diese besetzten Gebiete weiter sichern. Der ukrainische Erfolg bei Charkiw dürfte ihn aber erzürnen, denn seine Armee führte nördlich des wichtigen Industriezentrums einen laut ISW "gescheiterten Bodenangriff" durch.

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Dieser sei aber an der originalen Staatsgrenze abgewehrt worden, lasse aber durchblicken, dass Putin weiter auch Gebiete, die jenseits der vier kürzlich annektierten obwohl noch nicht vollständig eroberten Regionen liegen, unter seine Kontrolle bringen will.

Zeit-Skala - so lange reicht der Ukraine-Konflikt zurück
Zeit-Skala - so lange reicht der Ukraine-Konflikt zurückAPA-Grafik / picturedesk.com
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