Witwe mit Kofferraum voller Stoff nach Wien unterwegs

Friederika Kalchmair (94) vor ihrer Stoff-Spende an das Projekt "Baharat" des Wiener Hilfswerks.
Friederika Kalchmair (94) vor ihrer Stoff-Spende an das Projekt "Baharat" des Wiener Hilfswerks.Helmut Graf
Die große Liebe brachte Friederika Kalchmair zum Schneidern. Nach dem Tod ihres Ehemannes spendet die 94-jährige den Stoff an das Wiener Hilfswerk.

Vor kurzem trat Friederike Kalchmair mit ihrer Tochter Maximiliane eine besondere Reise an. Mit vollgepacktem Auto fuhren sich von Oberösterreich nach Wien, um Gutes zu tun. Wären die beiden in eine Polizeikontrolle geraten, hätten die Beamten wohl einige Fragen gehabt. Denn der Kofferraum war voll gepackt mit Stoff.

Zum Glück waren es keine illegale Substanzen, sondern harmloser, aber dennoch wertvoller Textil-Stoff. Dieser war über Jahrzehnte Teil von Friederikes Leben. Nun, nach dem Tod ihres Gatten, spendete sie diesen an das "Baharat" des Wiener Hilfswerks. 

2. Weltkrieg und der Wunsch nach einer eigenen Schneiderei

Begonnen hat alles mit dem damals 18-jährigen Maximilian Kalchmair, der in den 2. Weltkrieg eingezogen wurde. Als er schließlich wieder nach Hause zurückkehrte, begann der Schneidermeister sich wieder seiner Arbeit mit dem geliebten Stoff zu widmen. Doch der Wunsch, eine eigene Schneiderei zu eröffnen, sollte nicht in Erfüllung gehen. Nach Kriegsende wurde er als Lehrer in die Berufsschule Wels einberufen. 

Das Schicksal und die Liebe

Doch das sollte sich als Glücksfall herausstellen: In Zusammenarbeit mit dem Heimatwerk entwarf er dort die bis heute berühmte Welser-Tracht. Und er traf auf Friederike "das fesche Mädl aus dem Gebirge", das ihn mit ihrem Talent fürs Zither spielen und die Schneiderei verzauberte. Die beiden verliebten sich und gründeten eine Familie. 

Die soziale Ader der Kalchmair

Schon damals unterstützte das Traumpaar mit ihren talentierten Schneiderkünsten viele soziale Projekte. So bekamen die Kinder von St. Isidor und Schulkinder aus dem Mühlviertel von ihnen selbstgeschneiderte Kleidung zu Weihnachten. Auch im Ausland waren Friederike und Maximilian engagiert. Das Ehepaar sammelte etwa zahlreiche Nähmaschinen für eine Missionsstation in Brukina Faso. 

"Ein Teil von mir lebt so nun weiter"

Nach dem Tod von Maximilian im Vorjahr, blieben nicht nur viele schöne Erinnerungen, sondern auch unzählige Stoffe. Zudem stellte sich Witwe Friederike viel Fragen. Etwa, was denn von ihr einmal bleiben würde, wenn auch sie eines Tages nicht mehr ist. Als sie von dem Projekt "Baharat" des Wiener Hilfswerks hört, zögert sie keine Sekunde und entscheidet, was mit den geliebten Stoffen geschehen soll.

"Ein Teil von mir lebt nun so weiter: Das ist ein sehr schöner Gedanke."

"Auf genau so eine Gelegenheit habe ich gewartet. Ich konnte mich von den Stoffen nicht trennen, weil sie zeit meines Lebens ein Teil von mir waren. Aber jetzt unterstütze ich ein soziales Projekt, in dem Menschen mit Freude aus alten Sachen Neues erschaffen. Ein Teil lebt so von mir weiter, das ist ein schöner Gedanke", erzählt Friederike. 

Unter den Stoffballen war auch ein Stück "wahres Stoffschätzchen" aus dem Jahr 1953. Dieses soll zu einem ganz besonderen Unikat verarbeitet werden. 

Trainingsprojekt für subsidiär Schutzbedürftige

Das Projekt "Baharat" ist ein Trainingsprojekt, bei dem Menschen, die in Österreich subsidiären Schutz bekommen haben, die Erfordernisse des österreichischen Arbeitsmarktes kennenlernen. Dabei arbeiten Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen. Neben Café, Friseurladen und Änderungsschneiderei ist bei "Baharat" auch eine Upcycling-Werkstatt dabei.

Das Projekt wird vom Wiener Hilfswerk durchgeführt und vom Fonds Soziales Wien aus den Mitteln der Stadt gefördert.

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