Gleich drei Bundesländer machen gegen den geplanten Ausbau des Atomkraftwerk Dukovany mobil. Wien, Niederösterreich und Oberösterreich fordern nun den europaweiten Atomausstieg.
Nur 32 km von der (nieder)österreichischen Grenze entfernt, steht das tschechische Atomkraftwerk Dukovany. Laut aktuellen Plänen soll die Anlage um zwei weitere Reaktoren erweitert werden. Dagegen machen nun die Bundesländer Wien, Niederösterreich und Oberösterreich mobil. Das AKW sei schon jetzt mit massiven Problemen behaftet und weise eine Reihe ungelöster Sicherheitsfragen auf.
Heute, Mittwoch, brachten die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ), der oberösterreichische Umwelt-Landesrat Rudi Anschober (Grüne) und Niederösterreichs Landeshauptmann-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) im Rahmen einer Pressekonferenz ihre massiven Bedenken vor.
Veraltetes AKW mit hohem Sicherheitsrisiko
Die vier bestehende Reaktoren des AKW Dukovany seien Druckwasserreaktoren zweiter Generation aus sowjetischer Entwicklung und wiesen keine Schutzhülle auf. "Die machen immer wieder Probleme. So gibt es immer wieder außerplanmäßige Abschaltungen wegen kaputter Rohrleitungen oder Generatoren", erklärte Landesrat Anschober.
In dieselbe Kerbe schlug auch Pernkopf: "Die Uralt-Reaktoren sind am Ende ihrer ursprünglich geplanten Laufzeit angekommen, dennoch wurde das Betriebsende bis in die 2030er Jahre verschoben", kritisierte der Politiker.
Die Atomkraft sei keine nachhaltige Energieform, Tschechien solle sich "vielmehr an uns ein Beispiel nehmen und auf sichere, erneuerbare Energie umsteigen. 100 Prozent Strom aus erneuerbarer Energie ist möglich, in Niederösterreich haben wir dieses Ziel schon erreicht", betonte Pernkopf, der an den tschechischen Nachbarn folgendes ein Angebot machte: "Wir helfen Tschechien gerne, Wind- und Wasserkraft, Photovoltaik und Biomasse auszubauen und dafür aus der Atomkraft auszusteigen."
Unfälle könnten dramatische Auswirkungen haben
Heftige Kritik übte auch Wiens Stadträtin Sima. "Jetzt geht es den Betreibern darum, den grenznahen Standort mit zwei weiteren Reaktoren mit einer elektrischen Gesamtleistung von bis zu 2400 MW zu erweitern. Dukovany steht nur 85 Kilometer von unserer Stadt entfernt, zusätzliche Reaktoren verdoppeln die Gefahr von Unfällen, die auch dramatische Auswirkungen auf Wien haben können."
Das Vorantreiben des Dukovany-Ausbaus sei unverantwortlich,
betonte Sima. "Die Stadt Wien arbeitet gemeinsam mit allen Bundesländern und vielen Städten in Europa intensiv für einen europäischen Atomausstieg und den Ausbau erneuerbarer Energien", so Sima.
Resolution gegen Dukovany-Ausbau
Erst am vergangenen Montag wurde beim Anti-Atom-Gipfel im Wiener Rathaus von Vertretern aller politischer Parteien und NGOOs eine Resolution zu Dukovany unterzeichnet. Darin werden verstärkte Anstrengungen zur Schließung der bestehenden Reaktoren am Standort Dukovany eingefordert. Im Falle absehbarer staatlicher Subventionen der Tschechischen Republik soll eine Klage gegen die Bewilligung der Staatsbeihilfen durch die EU-Kommission beim Europäischen Gerichtshof eingebracht werden.
Gravierende Probleme des AKW Dukovany
Die Vertreter der drei Bundesländer listen eine Reihe von Faktoren und Sicherheitsmängel auf, die als besonders problematisch gewertet werden. Dazu zählen:
Die Gefahr durch Parallelbetrieb:
Die geplante Errichtung neuer zusätzlicher Reaktoren am Standort, die im aktuellen Verfahren sehr ungenau definiert seien, würden eine Gefährdung Österreichs vergrößern. Bei Parallelbetrieb der alten und neuen Reaktoren trete jedenfalls eine Erhöhung des Risikos ein.
Mangel an Kühlwasser:
Besonders kritisch sei die Versorgung mit ausreichend Kühlwasser am Standort Dukovany. Trotz des fortschreitenden Klimawandels und der unsicheren Prognosen für die zukünftigen Niederschläge habe sich der Betreiber nur unzureichend mit dieser für die Betriebssicherheit essentiellen Frage beschäftigt.
Höhere Risiken durch zu geringe Kühlwasserkapazitäten seien jetzt schon durch den Klimawandel zu befürchten. Dies würde durch die zusätzlichen Reaktoren weiter massiv verschärft. Schon jetzt werde auf Grund der knappen Wassermengen im Fluss Jihlava das im AKW entstehende radioaktive Wasserstoffisotop Tritium über Verdampfung abgeleitet und nicht wie sonst üblich verdünnt über das Wasser.
Gefahr durch Erdbeben:
Schon bei den bestehenden Reaktoren musste wegen der Erdbebengefährdung nachgerüstet werden. Dass ein solcher Standort daher aus Sicht der Erdbebengefährdung nicht optimal sein kann, sei evident.
Mangelnde Wirtschaftlichkeit:
Die beiden AKW-Neuprojekte Hinkley Point C (Großbritannien) und Paks 2 (Ungarn) zeigen, dass Kernenergie wirtschaftlich nicht mehr darstellbar sei. Dieser Umstand habe in jüngster Zeit nicht nur zum Quasi-Bankrott von Kernkraftwerk-Errichtern (AREVA, Toshiba/Westinghouse) geführt, sondern auch zur Schließung der Atomsparte innerhalb langjährig in diesem Bereich tätiger Unternehmen, wie beispielsweise Siemens.
Auch in Tschechien werde nach der gescheiterten Ausschreibung zu Temelin immer mehr Stimmen laut, die eine staatliche Finanzierung der Neubauten verlangen.
Europaweite Vernetzung gegen Atomkraft
"Wir haben jetzt die historische Chance, den Grundstein für ein Europa ohne hochriskante Atomkraft zu legen, indem wir absolut unwirtschaftliche Neubau-Projekte stoppen und klare Laufzeitbeschränkungen europaweit festlegen. Ich habe dazu die Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomausstieg gegründet – als Antwort auf die immer noch starke Atomlobby in der EU", betonte Anschober.
Mittlerweile seien Regionen mit rund 50 Millionen Einwohnern in der Allianz vertreten. Als Arbeits-Standort wurde zuletzt Oberösterreich festgelegt – "wir sind somit noch stärker die Antiatom-Drehscheibe Europas", so Anschober.
Der Landesrat erinnerte an die, von ihm eingebrachte Nichtigkeitsklage gegen die Subvention des britischen AKW-Projektes Hinkley Point. Am 12.Juli wird das Europäische Gericht darüber entscheiden. "Dieses Grundsatzurteil könnte der Einstieg in den europaweiten Atomausstieg werden. Denn ohne Subventionen gibt es keine neue AKWs in der EU - und damit auch kein Ausbau von Dukovany, da neue AKW völlig unwirtschaftlich sind", so Anschober.
(lok)