Sie kommt, wenn das Schicksal am härtesten zuschlägt

Elke Schmidl, Leiterin der Akutbetreuung Wien, hat einen harten Job.
Elke Schmidl, Leiterin der Akutbetreuung Wien, hat einen harten Job.Denise Auer
Von Tsunami bis Terror: Die Mitarbeiter der Akutbetreuung Wien kümmern sich um Angehörige von ermordeten oder verunfallten Personen.

Wenn Elke Schmidl (47) gemeinsam mit Polizisten vor der Türe steht, dann bricht für die Aufgesuchten gleich darauf die Welt zusammen. Denn Schmidl, Leiterin der Akutbetreuung Wien, kümmert sich mittels psychosozialer Betreuung um Angehörige, nachdem die Beamten die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen überbracht haben, aber auch um Augenzeugen oder Beteiligte eines Unfalles: "Die Todesursache kann ein Unfall sein, ein Mord, ein Selbstmord, aber auch ein Terror-Anschlag oder große Unglücke wie ein Tsunami", erklärt Schmidl im "Heute"-Interview.   

Zwei Mitarbeiter der Akutbetreuung sind immer in Bereitschaft, werden direkt von der Wiener Berufsrettung (die meist als erstes vor Ort ist) bei Bedarf angefordert und können sich sofort der Angehörigen annehmen: "Die Leute nehmen die Todesnachricht sehr unterschiedlich auf. Manche reden viel, manche schreien oder weinen sehr stark und andere wiederum sind ganz ruhig, oft sprachlos. Es gibt Personen, wo man warten muss, dieses Schweigen muss man aushalten können", erzählt Schmidl, die seit 2002 für die Akutbetreuung tätig ist und bereits rund 300 Einsätze absolviert hat. 

Die heile Welt der Angehörigen wird in einer Sekunde zerstört

Eines haben allerdings alle Situationen gemein: Die vermeintlich heile Welt der Betroffenen wird innerhalb weniger Sekunden zerstört: "Ich werde nie einen bestimmten Einsatz vergessen. Es war ein Samstag Vormittag, die Kinder saßen mit der Mutter beim Frühstück, der Vater war bei einem Unfall verstorben. Es war das typische Bild einer heilen Familienwelt, die mit unserem Besuch zerbrach", erinnert sich Schmidl. 

Zuerst verschaffen sich die Akutbetreuer einen Überblick, geben den Hinterbliebenen eine Struktur: "Wir sind meist drei, vier Stunden vor Ort. Als Erstes versuchen wir, den Angehörigen das Unbegreifliche begreifbar zu machen. Dann schauen wir: Wie sieht das Umfeld aus? Gibt es ein soziales Netz als Unterstützung? Welche Ressourcen sind vorhanden?", meint Schmidl, die als Ausgleich zu ihrem belastenden Job gerne mit dem Mountainbike oder im Wald unterwegs ist.

"Ich zeige Empathie, darf aber nicht mitleiden" - Elke Schmidl, Leiterin der Akutbetreuung Wien

Die Einsätze sind dabei eine Gratwanderung: "Ich zeige Empathie, darf aber nicht mitleiden mit den Angehörigen. Ich muss mich abgrenzen können, bleibe eher auf Distanz", so die 43-jährige Wienerin. Ein Vorhaben, das nicht immer leicht ist: "Immer, wenn Kinder beteiligt sind, ist es belastender. Man darf Kinder aber auch nicht unterschätzen. Wenn man versucht, etwas vor ihnen zu verbergen, gelingt es nicht. Am besten ist es, man beantwortet alle Fragen wirklich ehrlich", meint Schmidl. 

Die Akutbetreuung ermöglicht Kindern zudem, sich von dem toten Elternteil zu verabschieden: "Allerdings nur, wenn es zumutbar ist. Dann darf das Kind etwa noch die Hand berühren. Einmal habe ich zum Beispiel vierjährige Zwillinge zur Mutter ins Spital gebracht, die dort auf der Intensivstation lag, damit sie sich noch verabschieden können", berichtet Schmidl.

Großeinsätze wie beim Terror-Anschlag als Herausforderung

Besonders herausfordernd sind Großeinsätze wie nach dem Tsunami 2004 oder dem Terror-Anschlag in der Wiener City am 2. November 2020: "Beim Tsunami haben wir am Flughafen auf die Rückkehrer gewartet, das ging über Tage und auch Wochen. Und wir haben die Polizisten begleitet, um DNA-Spuren aus den Wohnungen zu holen, damit die Leichen identifiziert werden können. Auch der Terror-Anschlag war sehr prägend, zum Einen, weil es das erste Mal unter Covid-Bedingungen war, zum Anderen weil sich 25 von uns freiwillig für diesen großen Einsatz gemeldet haben", erzählt Schmidl.

Derzeit umfasst die Akutbetreuung Wien 55 aktive Mitarbeiter, rund 75 Prozent davon sind Frauen. Voraussetzung für die Bewerbung ist ein Mindestalter von 26 Jahren und ein Quellberuf im psychosozialen Bereich, der zusätzlich ausgeübt wird. Schmidl etwa kommt aus dem Onkologie- und Geriatrie-Bereich: "Man muss auf jeden Fall sehr belastbar und flexibel sein, über eine gute Teamfähigkeit verfügen und mit Strukturen umgehen können", erklärt die Abteilungsleiterin. Alle zwei Jahre gibt es 15 Ausbildungsplätze, die Bewerber müssen ein standardisiertes Auswahlverfahren durchlaufen. Die Ausbildung selbst dauert dann zwei Jahre.       

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