Sie legt den Wienern gerne Steine in den Weg

Gabriele Stuhlberger ist eine von wenigen Steinmetzmeistern, die die Kunst der Terrazzo-Verlegung beherrschen. "Heute" hat sie in ihrem Atelier besucht.

Es heißt, Handwerk hat goldenen Boden. Im Atelier Miromentwerk von Steinmetz-Meisterin Gabriele Stuhlberger in der Wiedner Hauptstraße (Wieden) ist der Boden aus Stein, genauer gesagt, aus tausenden kleinen Steinen: Stuhlberger ist Steinmetzmeisterin und hat sich zusätzlich auf die Kunst der Terrazzo-Verlegung spezialisiert. Damit legt sie den Wienern im wahrsten Sinne des Wortes Steine in den Weg.

Derzeit gibt es rund 100 Steinmetzbetriebe in Wien, dazu zählen Bau- und Friedhofssteinmetze, Kunststeinerzeuger und Terrazzomacher. Das Erlernen des Handwerks erfordert Zeit und Geduld, erzählt Stuhlberger. Am Anfang steht eine dreijährige Lehre, wer will kann sich in einem vierten Ausbildungsjahr zum Steinmetztechniker schulen lassen. Um Steinmetz-Meister zu werden, sind dann weitere Praxisjahre notwendig.

Der Steinmetz-Betrieb Miroment Ing. Helmut Stuhlberger e.V. ist ein Familienbetrieb, erzählt die Steinmetz-Meisterin. "Mein Großvater hat das Unternehmen 1925 gegründet. Auch ich war schon früh von Steinen begeistert und habe sie schon als Kind gesammelt", so Stuhlberger, die den Betrieb seit dem Jahr 2000 als Alleininhaberin führt.

Terrazzo nach traditioneller Handwerkstechnik ist ein langlebiger, beanspruchbarer und pflegeleichter Bodenbelag mit vielfältigen Mustermöglichkeiten, der absolut ohne chemische Zusatzstoffe hergestellt wird.

Zunächst muss ein Unterboden mit guter Qualität geschaffen werden, auf den dann in Handarbeit Natursteinchen in unterschiedlicher Körnung und Farbe aufgezogen und mit einem sogenannten Terrazzo-Pracker dicht eingearbeitet wird.

Das traditionelle Handwerk der Terrazzo-Verlegung zeichnet sich dadurch aus, dass nur Naturmaterialien wie Marmor verwendet werden und keine Kunststoffe zum Einsatz kommen. Der verbindende Mörtel wird dann kleinteilig mit Hilfe eines Terrazzohobels "aufgelegt". Als letzter Schritt wird die Oberfläche mit einer rund 80 Kilogramm schweren Walze geglättet. Nach Erhärtung wird mehrmals geschliffen, so dass eine fast fugenfreie Oberfläche entsteht.

"Steinaltes" Handwerk

Das Handwerk der Steinmetze zählt zu den ältesten beruflichen Traditionen. Schon im alten Ägypten schlugen Steinmetze Blöcke zum Bau der Pyramiden aus dem Fels. Auch der Beruf des Terrazzo-Verlegers blickt auf eine tausendjährige Geschichte zurück. "Schon in Pompeij, dem alten Rom und dem gesamten Mittelmeerraum gab es Terrazzoböden", erinnert Stuhlberger. "Im Grunde hat sie die Arbeit seither nicht verändert. Der einzige Unterschied ist, dass wir jetzt elektronischen Strom verwenden können", schmunzelt die Expertin.

Tausende Terrazzo-Böden in Wien

Auch in Wien gibt es zahlreiche Terrazzoböden: In Stadtpalais, Museen, öffentlichen Gebäuden und in nahezu jedem Gründerzeithaus. "Ich würde mir wünschen, dass diese alten Böden mehr Beachtung finden. Oft werden sie einfach weggestemmt, wenn neue Leitungen verlegt werden müssen. Viele Schäden, die dabei entstehen wären zu verhindern, wenn das Bewusstsein größer wäre", berichtet Stuhlberger.

Um dem Handwerk wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, initiierte die Steinmetzmeisterin die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNECSO. Mit Erfolg, seit März 2017 zählt die Terrazzo-Verlegung in traditioneller Handwerkstechnik zum immateriellen Kulturerbe in Österreich .

Die Hochblüte des Terrazzo-Bodens beginnt in Wien mit der Ringstraßenära, als Arbeiter aus der k.u.k.-Monarchie bei der Errichtung der Prunkbauten beteiligt waren. Im Jugendstil war Terrazzo neben Bodenplatten aus Keramik einer der wichtigsten Bodenbeläge. Ab den 1920er Jahren und besonders dann in den 1950er und 1960er Jahren wurde Terrazzo bei der Errichtung von Gemeindebauten häufig für Stiegenhäuser, Küchen, Toiletten und Bäder verwendet.

Terrazzo-Verlegung ist Wissenschaft für sich

Die Verlegung eines Terrazzobodens ist arbeitsintensiv und verglichen mit anderen Bodenbelägen kostspieliger, sodass sich gegenwärtig nur mehr wenige Menschen dafür entscheiden. 1970 gab es noch 35 Terrazzofirmen in Wien, seit einigen Jahren ist Terrazzomacher kein eigener Lehrberuf mehr.

"Obwohl das Handwerk der Terrazzo-Verlegung ein eigener Beruf ist, gibt es für die Ausbildung von Lehrlingen einfach zu wenig Aufträge", erklärt Stuhlberger. Dadurch bestehe die Gefahr, dass das Wissen um die Terrazzoherstellung in traditioneller Handwerkstechnik verloren gehe, befürchtet Stuhlberger, die sich durch die Aufnahme als UNESCO Kulturerbe positive Auswirkungen erhofft.

Denkmalpflegepreis für Sanierung des Terrazzo-Bodens im Otto Wagner Pavillon zu Hietzing

Weitere Aufmerksamkeit für das althergebrachte Handwerk erhofft man sich in der Branche auch durch den Denkmalpflegepreis, mit dem die Bundesinnung alle zwei Jahre herausragende handwerkliche Leistungen im Bereich der Restaurierung und Denkmalpflege würdigt.

Aus den elf eingereichten österreichischen Projekten wurden im Jänner 2018 vier ausgewählt, die jeweils mit dem ersten Preis prämiert wurden. Darunter war auch Steinmetzmeisterin Stuhlberger, die heuer für die Sanierung des Terrazzobodens im Otto-Wagner Pavillon des "k. u. k. Allerhöchsten Hofes" in Hietzing ausgezeichnet wurde.

Terrazzoboden in der kaiserlichen Haltestelle zu Hietzing

Der Hietzinger Bau entstand im Zuge der Errichtung der Wiener Stadtbahn durch Otto Wagner als Pavillon für Kaiser Franz Joseph und den "Allerhöchsten Hof". Nach der Vollendung der Bauarbeiten im Jahr 1899 erhielt das Gebäude ein repräsentatives Äußeres und eine kostbare Innenausstattung im Jugendstil.

Der denkmalgeschützte Pavillon, der sich im Besitz der Wiener Linien befindet, wurde im Vorjahr grundlegend saniert. "Vor der Revitalisierung wies der originale Terrazzoboden im Vestibül eine starke Aufwölbung auf. Durch Frosteinwirkung und die Feuchtigkeit des Wienflusses wurde der Untergrund unter dem Terrazzo stark geschädigt," erklärt Stuhlberger.

Steinmischungen in detektivischer Kleinarbeit nachgebaut

Dennoch war es der Terrazzo-Expertin möglich, rund Dreiviertel des Original-Terrazzobodens zu erhalten, der Rest wurde neu hergestellt. "Wir haben in detektivischer Kleinarbeit die Materialien und Steinmischungen nachgebaut, damit der Boden nun wieder als Einheit strahlen kann", so Stuhlberger.

In Detailarbeit wurde der Terrazzoboden im Vestibül neuverlegt. Nach der Sicherung der Originalmaße und Proben des Altbestandes wurde der Untergrund neu ausgeführt. Anhand von Musterplatten wurde die ursprüngliche Terrazzomischung nachgeahmt und die Verlegung der feingliedrigen, schwarzen und hellen Bordüren getestet. "Besonders die feinen, nur zwei bis zweieinhalb Zentimeter breiten Bordüren waren eine Herausforderung. Dabei kam beim Terrazzomörtel nur die originale Mischtechnik ohne Kunstharze oder sonstige chemische Zusatzmittel zum Einsatz.

"Terrazzo hatte schon immer einen festen Platz im Bauwesen. Ich hoffe, dass die Listung unserer Kunst als immaterielles UNESCO-Kulturerbe und der Denkmalpreis dazu beiträgt, dass Terrazzo mehr Anerkennung in der Öffentlichkeit findet", so Stuhlberger. Es ist auf jeden Fall Wert hin und wieder zu darauf zu achten, was den Wienern tagtäglich zu Füßen liegt.

Otto Wagner-Pavillon ab 17. März geöffnet

Wer nun Lust bekommen hat, den kaiserlichen Pavillon in Hietzing zu besuchen, kann das ab 17. März tun. Ab dann ist der Bau an den Wochenenden von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 18 Uhr wieder für Besucher zugänglich.

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