"Falls jemand in nächster Zeit positiv auf Corona getestet wird: bitte melden! Ich bräuchte auch ein Zertifikat." Solche Posts tauchen in letzter Zeit vermehrt in den sozialen Medien auf und erhalten dort viel Zuspruch. "Wäre auch dabei… Corona-Party!", lautet einer der Kommentare. Oft sind es vor allem jüngere Menschen, die keine Angst haben vor Corona oder den Druck auf die Impfung nicht gerechtfertigt finden, die solche Aufrufe schalten oder verbreiten.
Einer von ihnen ist P. M.*. Er erklärt: "Normalerweise würde ich mich impfen lassen, so wie ich mich bisher gegen alles impfen ließ. Aber der Druck, der während dieser ganzen Pandemie von Medien und Staat auf einen niederprasselt, lässt eine Verweigerungshaltung in mir wachsen." Er habe immer an das Credo "My body, my choice" (Mein Körper, meine Wahl), geglaubt: "Doch wenn der Staat mich durch die Zertifikatserweiterung jetzt sozial isoliert, bleibt mir keine andere Wahl, als mich anstecken zu lassen, um an ein solches Zertifikat zu kommen."
M. glaubt, dass es vielen ähnlich gehe: "Vielen, mit denen ich spreche, geht es ebenfalls nicht einmal primär um den Impfstoff, sondern um den Zwang für etwas, über das jeder selber entscheiden sollte und bei dem es Ansichtssache ist, ob es schlimm ist oder nicht." Viele werden seinem Beispiel wohl folgen, glaubt M. "Ob das wohl wirklich das ist, was die Verantwortlichen wollen?"
Auch D. F.* schreibt auf Facebook: "Ich lasse mich lieber kontrolliert mit Corona anstecken für die Immunisierung und bekomme dafür das Zertifikat und dieselben Möglichkeiten wie Geimpfte." Er möchte wissen, ob es dafür Organisationen gibt, ein "Ansteckungszelt oder was ähnliches".
Das gibt es nicht. Und laut Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, ist eine absichtliche Infektion mit SARS-CoV-2 nicht nur keine gute Idee, sondern auch gefährlich: "Egal wie gesund sich jemand fühlt und wie alt die Person ist: Eine Ansteckung bringt immer ein Risiko mit sich, das nicht kontrollierbar ist." Erst kürzlich führte Martin Tramèr, Chefarzt Anästhesie am Universitätsspital Genf, gegenüber 20 Minuten aus, dass mittlerweile auch kerngesunde Menschen zwischen 20 und 30 Jahren wegen Covid-19 auf der Intensivstation liegen.
Das Hauptproblem ist laut Utzinger, dass im Falle eines schweren Verlaufs derzeit kein wirksames Medikament vorhanden ist. "Steckt sich jemand absichtlich an und erleidet dann einen schweren Verlauf, muss er oder sie mit einer Hospitalisierung und im schlimmsten Fall mit dem Tod rechnen. Auch das Risiko von Long Covid besteht. Das ist aus medizinethischer Sicht für die Gesellschaft und auch für die Menschen, welche den Patienten oder die Patientin dann pflegen müssen, schlicht nicht verantwortbar."
Utzinger versteht, dass gerade Menschen zwischen 20 und 30 das persönliche Risiko einer Covid-Infektion als gering einschätzen. Trotzdem kann er nicht nachvollziehen, weshalb sich jemand absichtlich anstecken lassen sollte: "Ich kann es nur wiederholen: Mit der Impfung steht jedem und jeder eine weitaus sicherere Option zur Verfügung, sich zu schützen. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis spricht klar für die Impfung."
Corona-Partys oder andere "Ansteckungs-Events" sind laut Utzinger noch aus einem weiteren Grund keine gute Idee: "Am Ende kann niemand mit Sicherheit sagen, ob er oder sie tatsächlich angesteckt wurde. Und dass dann tatsächlich sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich konsequent 14 Tage in Isolation begeben, scheint mir unrealistisch."
Die Gefahr bestehe, dass jemand keine Symptome aufweise und deshalb denke, dass er oder sie sich nicht angesteckt hat. "Begibt sich diese Person dann in die Familie, unter Freunde, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen oder in eine Menschenansammlung, ist ein Superspreader-Event nicht ausgeschlossen."