So geht es den Wiener Kaffeehäusern wirklich

Ein zweiter Kaffee kann dein Lieblings-Kaffeehaus retten.
Ein zweiter Kaffee kann dein Lieblings-Kaffeehaus retten.iStock
Die Coronakrise hat uns vor neue Herausforderungen gestellt. Auch die Gastronomie wurde hart getroffen und Wiener Kaffeehäuser bangen um die Existenz.

Ganze zwei Monate lang ging Österreich im Frühjahr in den Lockdown. Mit Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Geschäfte, keine Touristen und das vorläufige Aus für die Gastronomie wollte man der Coronavirus-Pandemie entgegenwirken und die Wachstumskurve der Erkrankung so schnell wie möglich senken. Dann sollte alles - zumindest so weit wie möglich - wieder zum Normalbetrieb übergehen. Doch kann man von einem Normalbetrieb sprechen, wenn die Gäste im Kaffeehaus ausbleiben? Sei uns nun aus Angst oder aufgrund der Home-Office-Situation die Gästezahl ist - vor allem in den inneren "Büro"-Bezirken - stark zurückgegangen.

Gäste bleiben aus

Auf die Situation aufmerksam machte man im Sommer mit der Zweitkaffee-Kampagne. Kurze Clips mit einer Vielzahl an bekannten Künsterln aus Österreich, darunter Adele Neuhauser, Josef Hader und Nicholas Ofczarek, überbrachten mit Augenzwinkern die Botschaft "Ein Kaffee kann den Tag retten, zwei vielleicht das Kaffeehaus". "Uns ging es darum ein Bewusstsein zu schaffen und zu sagen: Leute, da ist eine Branche, der geht's nicht so gut und ihr könnt sie unterstützen, indem ihr drei Euro in einen zweiten Kaffee investiert und das hilft bereits", so Wolfgang Binder, Obmann der FG Wiener Kaffeehäuser.

Doch eine aktuelle Zwischenbilanz zeigt: Nach wie vor bleiben die Gäste aus, hinzu kommen neuerlich-verschärfte Corona-Maßnahmen und für den bevorstehenden Winter fehlt die Aussicht auf Besserung.

Wir haben mit dem Inhaber des Café Frauenhuber im 1. Wiener Gemeindebezirk über die derzeitige Situation gesprochen, wie viele Wiener Kaffeehäuser bald von der Bildfläche verschwunden sein werden und wie man dem entgegenwirken kann:

"Heute.at": Wie hat sich die Coronakrise auf die Wiener Kaffeehäuser ausgewirkt?

Wolfgang Binder: Mit einem Gäste- und damit natürlich auch einem Umsatzrückgang. Wir haben hier ein Gefälle vom Stadtrand in die Innenbezirke hinein. Am Stadtrand läuft es besser, aber umso näher man zu den Innenbezirken kommt, umso schwieriger wird es.

Wegen der ausbleibenden Touristen?

Natürlich, weil man in den letzten Jahren einerseits von den Touristen profitiert hat, aber vor allem auch aufgrund des Themas "Home Office". Wir im Café Frauenhuber hatten bisher etwa 70 Prozent Einheimische und 30 Prozent Touristen. Was wir merken, sind die ganzen ausbleibenden "Office"-Gäste, die schon vor dem Büro kommen, sich Mittags mit Kollegen oder Kunden treffen und auch nach dem Büro noch ein Stunderl auf einen Kaffee gehen. Man glaubt gar nicht, wie viele Büros hier im 1. Bezirk sind. Umso weiter man raus geht und umso größer die Schanigärten werden, umso besser war es über den Sommer, da die Leute natürlich das Freie gesucht haben.

Damit wird der Winter noch härter für die Wiener Kaffeehäuser?

Es ist mittlerweile von der Stadt die Genehmigung gekommen, dass man über den Winter die Schanigärten stehen lassen darf. Damit haben Gäste, die nicht ins Lokal kommen wollen, die Möglichkeit draußen Platz zu nehmen. Wir werden versuchen diese mit Decken und Wärmestrahlern so angenehm wie möglich zu machen. Ich glaube, die Leute brauchen einfach die Sicherheit, dass, wenn sie nicht drinnen sitzen wollen, sie doch fortgehen können und draußen etwas konsumieren können.

Aber wie kann man die Leute zurück ins Kaffeehaus - oder dessen Schanigarten - holen?

Aufgrund der derzeitigen Kommunikation ist natürlich eine gewisse Panik in den Köpfen der Leute und ich glaube, wir müssen einfach versichern: "Liebe Gäste, bei uns ist alles sicher!"

Die Angst, in Lokale zu gehen, ist somit übertrieben?

Bei aller Vorsicht, die man bei Corona walten lassen muss, schließlich brauchen wir dieses Virus nicht zu verharmlosen, sollten wir dennochein bisschen Hausverstand einsetzen und darauf vertrauen, dass auch der Gastronom alles menschenmögliche tut, damit sein Betrieb sicher ist. Weit über 90 Prozent meiner Kollegen sind wirklich bemüht ihren Betrieb sicher zu halten. Sie lassen ihr Personal wöchentlich testen, manche hatten die Maskenpflicht über den gesamten Sommer in ihren Betrieben und es werden natürlich die Tische desinfiziert. Wir haben alles, was uns aufgetragen wurde getan und eingehalten und mir ist nicht ein Fall bekannt, wo ein Gast in der normalen Gastronomie angesteckt wurde.

Wie kann die Regierung helfen?

Wir haben sehr viele Maßnahmen, die jetzt mehr oder weniger greifen, oder nicht greifen. Aber ich glaube, wir als Unternehmer können uns jetzt nicht nur darauf verlassen, dass uns die Regierung hilft. Es gehören immer zwei dazu. Man muss sein eigenes Päckchen nehmen und tragen, man kann sich nicht auf die Anderen verlassen. Ich habe viele Kollegen, die die Zeit genutzt haben, sich neu zu überdenken. Was kann ich mit Social-Media machen? Was kann ich mit Influencern machen? Also ich sehe in dem Ganzen auch etwas Positives. Es hat uns eigentlich gezwungen unsere Konzepte neu zu überdenken, uns die Fragen zu stellen: Was kann ich anders machen? Was kann ich dazu machen?

Welche Maßnahmen der Regierung schaden den Wiener Kaffeehäusern?

Abgesehen von einem zweiten Lockdown, wo ich der Hoffnung bin, dass er nicht kommen wird, da das der wirtschaftliche Supergau wäre, tut uns natürlich auch eine Maskenpflicht weh. Aber ich glaube, dass es hier auf den Gast ankommt, denn  wo soll er sich noch anstecken? Sobald er das Lokal betritt, hat er die Maske auf und nimmt sie erst am Tisch wieder ab. Hält man sich daran, geht das Risiko sich anzustecken meiner Meinung nach gegen Null. Und ich glaube, genau das müssen wir den Leuten suggerieren und ihnen vermitteln: Leute, wir halten die Maßnahmen ein, dann kann uns eigentlich nichts passieren.

Wie bereiten sich die Wiener Kaffeehäuser derzeit auf den schlimmsten Fall - sprich einen zweite Lockdown - vor?

Du kannst dich auf so etwas nicht vorbereiten. Wir haben natürlich aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns gelernt. Viele haben Betriebe haben das Modell der Kurzarbeit genützt, dies hilft aber nicht allen Häusern. Einige haben umgestellt auf Lieferung und Abholung, dort kann ich wieder Arbeitsplätze erhalten, aber auch darauf ist nicht jeder Betrieb ausgelegt.

Wie viele Wiener Kaffeehäuser mussten seit dem Lockdown zusperren?

Wir rechnen bis Mitte nächsten Jahres mit rund 30 Prozent Schließungen.

Warum erst so spät?

Über den Sommer ist es aufgrund der Schanigärten halbwegs gut gelaufen. Etwa 80 Prozent bauen über den Winter, dem klassischen Kaffeehausgeschäft, ihre Reserven für den nächsten Sommer auf. Jetzt haben wir aber viele Steuerstundungen, wir haben die Überbrückungskredite, wo nächstes Jahr die ersten Raten fällig werden und weniger Umsätze. Das heißt, irgendwann wird sich das für viele Betriebe nicht mehr ausgehen.

Wie kann hier die Regierung auch hier wieder gegenwirken?

Ich hoffe, dass sich die Regierung auch hier, etwas zum Thema Steuerstundungen noch einfallen lässt. Und was man wirklich ändern muss, ist das Insolvenzrecht.

Helfe ich mehr, wenn ich Essen oder Trinken bestelle?

Da derzeit die Mehrwertsteuersätze auf fünf Prozent angeglichen sind, hilft uns alles! Jeder Euro, den ein Gast hineinbringt hilft, einen Arbeitsplatz zu behalten.

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