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So reagieren Österreichs Rechte auf die "RDR"-Doku

Die Pro7-Doku "Rechts. Deutsch. Radikal" beleuchtet die rechte und rechtsextreme Szene in Deutschland. Das lässt auch Österreichs Rechte nicht kalt.

Rene Findenig
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Von vielen sozialen Medien gebannt: Identitären-Kopf Martin Sellner sieht in der Doku "Verräterinnen".
Von vielen sozialen Medien gebannt: Identitären-Kopf Martin Sellner sieht in der Doku "Verräterinnen".
picturedesk.com

Mit der Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal" ist Journalist Thilo Mischke ein Aufreger und Aufwecker gelungen. Der Berliner recherchierte nicht nur 18 Monate lang über, sondern innerhalb rechter und rechtsextremer Gruppierungen in Deutschland – und versuchte, mit den Beteiligten in Dialog zu kommen. Senderchef Daniel Rosemann nannte das entstandene Werk "die wichtigste Dokumentation der letzten Jahre auf Pro7". Bemerkenswert: Die Doku wurde komplett ohne Werbeunterbrechungen ausgestrahlt.

"18 Monate Recherche - Völlig wertlos"

Nicht nur in Deutschland ist das Echo im Spektrum groß und scheint Rechte empfindlich zu treffen. In Österreich spottet der von vielen sozialen Medien gesperrte IB-Kopf Martin Sellner in einem Video auf einem alternativen Portal über das Werk ("einige Szenen hielt ich nicht aus (...) es war mehr als langweilig"), äfft mehrmals das Weinen der rechten YouTuberin Lisa Licentia in der Doku nach und bezeichnet sie als "Laienschauspielerin". Sellner hoffe, dass wenige die Doku gesehen hätten, um ihr nicht eine "blödsinnige Quote" zu geben. Er selber sei von Mischke um ein Gespräch für die Doku 2019 gebeten worden sei, "es kam Gott sei Dank nicht dazu" – er wird darin allerdings namentlich genannt.

Der Sellner-Vertraute Roman Möseneder, Mitglied des Rings Freiheitlicher Jugendlicher und Schreiber für unter anderem rechte Medien – er soll ebenfalls um ein Treffen für "Rechts. Deutsch. Radikal" gebeten worden sein und gibt an, "rausgeschnitten" worden zu sein, bilanziert: "18 Monate Recherche - Völlig wertlos." Er spottet ebenfalls über die in der Doku vorkommende YouTuberin Licentia: "Habt ihr schon mal vor 3 Kameras in verschiedenen Perspektiven & verkabelt ganz zufällig zu weinen begonnen?", schreibt er auf Twitter. In einem Livestream zur Doku bilanzierte Möseneder, dass der Film den Rechten "nicht geschadet" habe, vor allem zur Identitären Bewegung sei die Optik "sehr gut" gewesen. 

"Schmieriges Flenn- und Opfertheater"

Mit Möseneder kommentierte auch IB-Kader Edwin Hintsteiner die Doku. Er beklagt, man habe versucht, die AfD mit "dem ganzen Narrensaum" ins selbe Boot zu stecken. Die Doku sei "hochgepusht" worden, zeige aber, dass es eine Unterstützung "metapolitischer Kräfte" brauche und "wir die Möglichkeit hätten, mit dieser metapolitischen Unterstützung einen Druck von unten aufzubauen". IB-Anhänger und Vlogger Friedrich Langberg kommentierte und "analysierte" mit IB-Kopf Sellner die Doku – übrigens bevor sie sie laut dem Videoauftritt überhaupt gesehen hatten – als "vorhersehbar, was da alles gesagt wird, was da zusammengeschnitten wird". Gemeinsam mit Sellner bettelte er darum, den "Katastrophenjournalisten" (Zitat von Sellner) "kein bisschen Quote" zu geben und sich "den Krempel" ja nicht anzusehen.

Journalist Thilo Mischke recherchierte für "Rechts. Deutsch. Radikal" 18 Monate in rechtsextremen Kreisen.
Journalist Thilo Mischke recherchierte für "Rechts. Deutsch. Radikal" 18 Monate in rechtsextremen Kreisen.
Pro7

Sellners Video wird auch von Martin Lichtmesz, eigentlich gebürtig Semlitsch, einem Publizisten und Übersetzer der Neuen Rechten, auf Twitter geteilt. Zu der darin vorkommenden Ex-IB-Aktivistin und YouTuberin Licentia schreibt er, dass das "schmierige Flenn- und Opfertheater" ekelerregend sei, da Licentia sich nun als rechte Aussteigerin gebe, zuvor aber "selbst aktiv Haß, (sic!) Verleumdung, Mißtrauen (sic!) und Zwietracht gesät" habe. 

"Braunes Nest mit einer interessanten Mischung"

Die Doku könnte auch zu neuen Enthüllungen in den österreichischen rechtsextremen Kreisen führen. Ein Hinweis zur Dokumentation habe die Plattform "FPÖ Fails" – die anonymen Betreiber dokumentieren rechtsextreme und rassistische Auftritte freiheitlicher Politiker – "zu einem braunen Nest mit einer interessanten Mischung geführt: Neonazis, Identitäre, NPD, AfD und FPÖ".

"Wir sprechen da von unzähligen Nazis, die sich selbst als Nazis bezeichnen, Profilbilder mit SS/Wehrmachtsuniformen, unzähligen einschlägigen Zahlencodes wie 14 - 18 - 88. Und mittendrin ein FPÖ-Funktionär, bei dem es uns auch nicht wirklich wundert", heißt es am Mittwoch auf Twitter. "FPÖ Fails" plant dabei offenbar eine baldige Veröffentlichung.

Wir können die nachher immer noch alle erschießen. (...) Oder vergasen."

Mischke recherchierte für seine Doku vielerorts: Bei einem Rechtsrockkonzert in Sachsen, bei Pegida in Dresden, bei rechtsextremen Boxern und Nachwuchs-Netz-Extremisten, "freien" YouTubern und der AfD. Und Mischkes sachlicher Fragestil lockt die Rechten aus der Reserve – sei es ein überrumpeltes "Da stehen Buchstaben" auf die Frage nach einem "HKNKRZ"-Schriftzug auf einem "Fanartikel"-Beutel einer extremen Kleinpartei oder ein "Weil es Stärke ausstrahlt" auf die Frage nach  der Fraszination der rechten Ideologie an einen Nachwuchs-Extremisten.

Szene aus "Rechts. Deutsch. Radikal": "HKNKRZ"-Merchandise einer Kleinstpartei in Dortmund.
Szene aus "Rechts. Deutsch. Radikal": "HKNKRZ"-Merchandise einer Kleinstpartei in Dortmund.
Pro7

Die wohl erschütterndste Szene liefert ein Zusammentreffen des ehemaligen rechten YouTube-"Aushängeschilds" Lisa Licentia mit einem damaligen hohen AfD-Granden, dem Ex-Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Christian Lüth. Als Gedächtnisprotokoll nachgesprochen, soll sich Lüth dabei über den Zuzug von Migranten nach Deutschland gefreut und gesagt haben: "Weil, dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal!"

"Ich weiß kaum wo ich anfangen soll, zu 'reparieren' was ich zuvor zerstört habe"

Licentia selbst galt lange als Vorzeige-Rechte. Die Mutter dreier Kinder beteiligte sich lange vor allem in den sozialen Medien an der rechtsextreme Szene und fiel vor allem mit Islamfeindlichkeit und Video-Berichten von Rechten-Demonstrationen auf. Mit ihren Videos lockte sie innerhalb kürzester Zeit Tausende Fans an, war auch bei der als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung (IB) aktiv und Teil der AfD-"Konferenz für freie Medien", einem Aufmarsch extrem rechter YouTuber und Influencer. Heute ist Licentia zur Zielscheibe der IB geworden. Die junge Frau brach laut eigenen Angaben mit der Szene, weil sie den Identitären mit ihrem aus der Türkei stammenden Vater nicht "deutsch" genug und die IB zu chauvinistisch sei.

In der Doku selbst bricht Licentia nach der AfD-"Konferenz" in Tränen aus:  Erst jetzt habe sie begriffen, dass sie für die Zwecke der AfD und der Rechten benutzt worden sei und sei massiven Bedrohungen von links und rechts ausgesetzt. Auch in Österreich und schon vor "Rechts. Deutsch. Radikal": Dort soll ihr Szene-Ausstieg und TV-Auftritt schon Mitte des Jahres durchgesickert sein, worauf sich rechtsextreme YouTuber und Influencer wochenlang an der "Verräterin" mit Videos und Texten abarbeiteten. "Ich weiß kaum wo ich anfangen soll, zu "reparieren" was ich zuvor zerstört habe. Ich möchte nicht, dass ihr mir verzeiht, mir zuhört oder sonst was. Ihr könnt mich ignorieren, ich verstehe das alles. Ich möchte nur sagen, dass ich mich geändert habe", schreibt Licentia nach der Doku auf Twitter. Viele ihrer Videos hat sie mittlerweile selbst gelöscht.