Welt

"So rettete ich meine Familie nach Österreich"

Meine Familie lebt in der Ukraine. Ich brachte alle in Sicherheit. Ein Abenteuer zwischen vielen Autofahrten, wenig Schlaf und einer Lasagne.

Teilen
"<em>Heute</em>"-Reporter Jörg Michner rettete seine Familie aus der Ukraine
"Heute"-Reporter Jörg Michner rettete seine Familie aus der Ukraine
privat

Meine Cousine (46), die mit ihrem Mann (52) und Sohn (25) im Westen der Ukraine lebt, schreibt mir Freitagfrüh: "Julia* und Anna fahren heute zur Grenze." Ihre Schwiegertochter (25) und deren Kind (3) sind damit "offiziell" auf der Flucht. Ihr Sohn darf das Land nicht verlassen, Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen in den Abwehrkampf. Ein Teil der Familie ist bereits in Ungarn, darunter mein Cousin Alexander (38). Er bittet mich am Nachmittag: "Komm zu mir." Er hat ein Zimmer in einem Hotel in Budapest. Ich setze mich ins Auto, nach drei Stunden Fahrt treffe ich ihn und seine Nichte Oksana (18), pandemiebedingt zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren. Wir essen blitzschnell zu Abend, dann fahren Alexander und ich mit meinem Auto drei Stunden zur ukrainischen Grenze.

An einer Tankstelle etwa 20 Kilometer davor warten wir und hoffen, dass Julia es über die Grenze schafft. Schließlich ist sie da. Julia und Anna haben die Frau eines Arbeitskollegen von Alexander und deren zwei Söhne, etwa 9 und 15 Jahre alt, mit. Wir werden auch sie nach Österreich bringen. Ein zweites Auto mit einer Freundin von Julia samt Sohn (2) ist ebenfalls dabei. Alexander nimmt mit meinem Auto eine weitere Familie mit, Julias Freundin und ihr Bub folgen. Sie fahren zu einem Hotel nahe Debrecen, wo Alexanders Mutter (74), seine Frau (31) und sein Sohn (6) mit einem Auto warten. Alexander wird sie holen und nach Budapest kommen. Julias Freundin und ihr Bub bekommen das Hotelzimmer, das bis Montag bezahlt ist.

Dreijährige hat Angst 

Doch sie kennen niemanden in Ungarn, sind auf sich allein gestellt. Ich rufe eine gute Freundin in Budapest an, sie hilft, bevor ich fragen kann, und bietet an: "Die zwei können bei mir wohnen." Es ist nach zwei Uhr, als ich mich ans Steuer von Julias Auto setze, um zum Hotel in Budapest zu fahren. Sie war zehn Stunden lang unterwegs, ist todmüde. Anna schläft bereits. Die Arme wird nicht verstehen, was los ist, sage ich. "Doch, fast alles", antwortet Julia. "Sie hat mich gefragt, ob Soldaten kommen und wir überleben werden." Es ist keine Frage, die ein dreijähriges Kind stellen sollte. Ich sage Julia, sie soll auch schlafen, gegen halb sechs kommen wir beim Hotel an, wo Oksana mit Alexanders Auto wartet. Doch er selbst wird erst in eineinhalb Stunden da sein, also legen wir uns im Zimmer aufs Ohr.

Als er endlich mit allen eintrifft, schicke ich ihn ins Bett und frage an der Rezeption, was Frühstück für alle kostet: "Nichts. Es ist das Mindeste, das wir für unsere ukrainischen Freunde tun können." Nach drei Stunden wecke ich Alexander und wir fahren mit unserem Konvoi aus vier Autos los. Bei der Einreise nach Österreich gibt es 3G-Kontrollen, wir stehen eine Stunde im Stau. Danach bringen wir die befreundete Frau und ihre Kinder nach Parndorf, wo ihre Verwandten aus Bratislava warten. Nach vier Stunden kommen wir bei mir zu Hause an. Meine Frau hat Matratzen von vielen unglaublich hilfsbereiten Freunden organisiert und Lasagne gekocht.

Noch drei Familienmitglieder in der Ukraine

Wir sind alle erleichtert, doch noch sitzen drei Familienmitglieder in der Ukraine. Wir wollen sie gerne hierher bekommen. Doch meine Cousine und ihr Mann möchten eigentlich nicht weg: "Es muss doch jemand auf Haus und Wohnungen aufpassen." Außerdem wollen sie ihrem Land helfen. Nicht nur, weil sie Ärzte sind. Bei einem Videoanruf zeigt er mir sein Gewehr: "Wenn russische Soldaten kommen: peng, peng."

*alle Namen geändert