So viele geisteskranke Straftäter wie noch nie

Kerzenmeer nach dem Tod der kleinen Hadishat. Ihr Killer leidet an Schizophrenie, wurde als hochgradig geistig abnorm eingestuft. (Symbolbild)
Kerzenmeer nach dem Tod der kleinen Hadishat. Ihr Killer leidet an Schizophrenie, wurde als hochgradig geistig abnorm eingestuft. (Symbolbild)Bild: picturedesk.com
Viele "Heute.at"-User äußerten den Verdacht schon lange, nun ist es amtlich bewiesen: Noch nie zuvor wurden in Österreich so viele Täter in Anstalten eingewiesen wie jetzt.
Es war wenige Tage vor Weihnachten, als "Heute" zuerst über die Wende in einem aufsehenerregenden Mordfall in der Wiener Heurigengegend berichtete. Alois H. soll dort seinem Nachbarn Andreas U. an dessen Geburtstag eine Kugel in den Kopf gejagt haben. Es war eine Bluttat ohne erkennbares Motiv; die beiden Männer kannten einander nur vom Sehen. Am 19.12. war schließlich klar: Die Staatsanwaltschaft Wien wird gegen den Verdächtigen keine Mordanklage erheben, sondern nur einen Unterbringungsantrag stellen.

Wegen Psychose zurechnungsunfähig

Psychiaterin Gabriele Wörgötter kam nämlich zum Schluss, dass Alois H. zum Tatzeitpunkt an einer akuten Psychose gelitten habe und daher unzurechnungsfähig war. Er ist – wie berichtet – schon seit längerem nicht mehr im Gefängnis, sondern im Otto-Wagner-Spital untergebracht. "Putin", gab der Verdächtige später an, "sagte, ich soll möglichst rasch handeln." Sein Motiv? "Es ist meine Aufgabe, die Welt von schlechten Menschen zu befreien." Alois H. ist der Meinung, Staatspolizist zu sein: "Ich habe schon 400 Menschen getötet." Wegen seiner Geisteskrankheit kommt er nicht ins Gefängnis, sondern wohl bloß in eine Anstalt.

Psychotisch und schizophren

Der Fall um den Mord auf dem Parkbankerl im Döblinger Gemeindebau ist nur eine von vielen Taten in letzter Zeit, die erschreckende Parallelen aufweisen. In jeder der fürchterlichen Causen waren die Verdächtigen zuvor in den Wahnsinn gekippt – bestellte Gerichtssachverständige diagnostizierten später geistige Abartigkeiten höheren Grades. So war dies etwa beim U-Bahn-Stoßer von der Wiener U3 ("Ich musste es tun") oder der jungen Jennifer Z., die ihre Partnerin in einem Hotelzimmer mit einem Bademantelgürtel erdrosselt hat und sagte: "Ich dachte, ich habe die Pest und sie will mich vergiften."

CommentCreated with Sketch. zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Jetzt amtlich: Mehr Einweisungen als je zuvor

Die User von "Heute.at" äußerten schon lange den Verdacht, dass sich Fälle zurechnungsunfähiger Täter mehren würden. Nun ist dies amtlich durch Zahlen aus dem Justizministerium belegt. Demnach befanden sich am 1. Jänner 2000 218 Menschen im Maßnahmenvollzug, am 1. Jänner 2018 (dies sind die letzten offiziellen Werte, die vorliegen) schon 497. Ein Zuwachs von 128 Prozent, berechnete die "Kronen Zeitung". Ebenfalls massiv gestiegen, nämlich um 74 Prozent, seien die nach Paragraf 21/2 Untergebrachten. Sie gelten als hochgradig gestört, jedoch zurechnungsfähig. Sie verbüßen eine "normale" Haftstrafe, bleiben nach deren Ende aber so lange in einer Anstalt, bis sie als vollständig geheilt gelten. Der mutmaßliche Killer der kleinen Hadishat ist etwa so ein Fall – seine Anwältin legte aber Beschwerde ein und forderte ein drittes psychiatrisches Sachverständigengutachten an, da sie der Meinung ist, ihr Klient habe zum Zeitpunkt der Tat an einer schweren Schizophrenie gelitten.

"Viele waren schon vor ihren Taten auffällig"

Warum aber muss es immer erst zu entsetzlichen Gewaltverbrechen kommen, ehe jemand die seelischen Störungen der Delinquenten diagnostiziert? "Viele der Täter waren schon vor ihren Verbrechen auffällig und wurden in Kliniken behandelt", widerspricht Sigrun Roßmanith in der "Krone". Und erläutert: "Unsere derzeitige Gesetzeslage lässt es leider nicht zu, dass wir psychisch Kranke ausreichend lange in Kliniken behandeln", führt sie aus. Dabei wäre es wichtig, "Geisteskrankheiten bereits im Anfangsstadium umfassend mit Therapien und Medikamenten" zu behandeln.

Killerin spricht auf Medikamente an

Im Fall von Hotelmörderin Jennifer Z. war dies so. Wie "Heute"vergangene Woche berichtete, bekommt die 32-Jährige nun im Landesklinikum Mauer (NÖ) jene Hilfe, die sie so dringend benötigte, und sehe schon viel klarer. „Meine Mandantin ist mittlerweile mit Depotmedikamenten gut eingestellt und begreift die Tragweite ihres Handelns." Jennifer Z. vermisse ihre erdrosselte Partnerin Sarah D. ("Sie war so ein hübscher, guter Mensch") sehr und kann sich kaum verzeihen. "Irgendwann möchte sie der Familie ihres Opfers einen Entschuldigungsbrief schreiben", sagt Anwältin Wagner. Einstweilen war sie aber auf die Suche nach ihrem Kater "Hänsel" gegangen, da sie nicht mehr wusste, wo sie ihn in ihrem Wahn im Sommer 2018 abgegeben hatte. "Heute" konnte zumindest in dieser Angelegenheit ein Happy End herbeiführen.

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