So will Wien Kaffeehauskultur am Leben halten

Kehrt in die Kaffeehäuser wieder die alte Normalität zurück?
Kehrt in die Kaffeehäuser wieder die alte Normalität zurück?imago images
Das Untergehen der Wiener Cafés stellt für Gerald Matt eine "Horrorvision" dar. Er ruft zu Solidarität auf, um die Kaffeehauskultur zu retten.

Der große österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schwärmte in seinen Memoiren "Die Welt von gestern" vom Wiener Kaffeehaus: "Eine Institution besonderer Art, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Ein demokratischer, jedem für eine Schale Kaffee zugänglicher Club." Viele Kunstmetropolen haben Opernhäuser, Theater und Kunstmuseen, doch nur Wien hat sein Kaffeehaus. Künstler von Hundertwasser im Hawelka bis Thomas Bernhard im Braunerhof lebten und arbeiteten in ihrem Kaffeehaus. Wiens Kaffeehaus ist gleichzeitig öffentliches Wohnzimmer und zweite Heimat der Wiener, ein Ort, an dem Politik und Geschäfte gemacht werden, Liebesgeschichten ihren Anfang und ihr Ende nehmen und natürlich Kaffee vom Einspänner bis zum Franziskaner serviert wird.

Die Kaffeehauskultur in der Krise 

Wiens Cafés haben so manche Krise – von der Stehkaffee-Invasion der 50er bis hin zu den Immobilienspekulationen der letzten Jahre – überstanden. Die Corona-Epidemie und die nicht mehr endenden Lockdowns bedrohen nun jedoch ihre Existenz. So hilfreich Umsatzersatz und Kurzarbeit bislang waren, nun geht es den Kaffeehäusern zunehmend an den Kragen. So musste das 1907 eröffnete Wiener Jugendstilcafé Ritter in Ottakring – Fußballlegende Ernst Happel war Stammgast – Insolvenz anmelden. Ich höre von Kaffeehäusern, die ihre Mietzahlungen eingestellt hatten – ob nun zu Recht oder Unrecht – und mit Räumungsklagen bedacht wurden. Da drängt sich ein Verdacht auf: Nutzen Vermieter die Not der Stunde, um nach der Krise profitabler vermieten zu können? Droht eine Horrorvision wahr zu werden: Ein Supermarkt im Café Landtmann, ein Luxus-Fetzengeschäft im Café Braunerhof und eine McDonald's-Filiale im Café Prückel?

Was jetzt nottut, ist Solidarität. Über eine private Initiative, die versucht, den Kaffeehäusern über die schwierige Zeit der Epidemie zu helfen, werden wir noch berichten. Es liegt aber auch an uns – jenen, die wie ich an der "Kaffeehaussuchtkrankheit" (wie Thomas Bernhard sie nannte) leiden – die Wiener Kaffeehauskultur zu retten. Und zwar, indem wir den Lokalen durch gehäufte Besuche die Treue erweisen, sobald sie wieder öffnen. Es geht um Wiens Lebensqualität.

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