Österreich

Staatsanwalt: Angeklagter wollte Sex mit Julia Kührer

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:47

Fast 100 Zeugen, sechs Gerichtsgutachter und eine Anklage, die mörderisch spekuliert, aber inhaltlich wackelt: Am Dienstag startet am Landesgericht Korneuburg einer der spektakulärsten Prozesse des Jahres.

Fast 100 Zeugen, sechs Gerichtsgutachter und eine Anklage, die mörderisch spekuliert, aber inhaltlich wackelt: Am Dienstag startete am Landesgericht Korneuburg einer der spektakulärsten Prozesse des Jahres. Urteil am 24. September.

Riesen Medienrummel in Korneuburg: Bereits eine Stunde vor Beginn trafen Fotografen und Kameraleute auf dem weitläufigen Platz vor dem Justizzentrum ein. Der 51-jährige Angeklagte Michael K. erscheint pünktlich um 9 Uhr - flankiert von fünf Justizbeamten, im dunklen Anzug und nimmt neben seinem Verteidiger Platz.

Die verkohlte Leiche des Opfers wurde fünf Jahre später in einem Erdkeller des Beschuldigten gefunden.

"Angeklagter wollte Sex mit Julia"

Als Tatmotiv ortete der Staatsanwalt die "hochgradige, nach außen getragene Sexualität" des Angeklagten, der zu diesem Zeitpunkt unter keiner sozialen Kontrolle gestanden sei und sein sexualisiertes Verhalten auch nicht ausleben konnte. Zuvor war eine junge Tschechin vor ihm geflohen, eine andere Frau verließ ihn Mitte Juni 2006. Abgesehen von seiner Affinität zu jungen Frauen habe Julia Kührer ganz seinem bevorzugten Typ - schlank, dunkelhaarig - entsprochen. Es gebe "eine Reihe von Zeugenaussagen, dass sie ihm sehr gefiel und er Sex mit ihr wollte", sagte Christian Pawle.

Dass er sich für K.o.-Tropfen interessiert habe, bestritt er ebenso wie Internetabfragen zu Sex mit toten Frauen, Kindern und jungen Mädchen. "Ich hab' nur K.o.-Tropfen eingegeben, weil ich wissen wollte, was das ist, nachdem mir die Polizei gesagt hat, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren", erklärte er seine Web-Suche.

Zeugenaussagen, wonach er mehrmals junge Mädchen in der Videothek belästigt hätte, tat der 51-Jährige mit "nur Herumblödeln", "vielleicht einmal ein Klaps auf den Hintern" ab. Richter Neumar zitierte aus weiteren Aussagen, dass K. mit Frauengeschichten und auch mit seiner Männlichkeit angegeben habe. Er verwies auch auf eine lange Jahre zurückliegende Aussage einer Frau, die der Mann mit einer Pistole bedroht und eingesperrt haben soll. Der Angeklagte bestritt die Anschuldigungen und sprach von einem "abgekarteten Spiel".

Michael K. streitet Drogengeschäfte ab

Neben Mord wird dem 51-jährigen Wiener auch der "unerlaubte Umgang mit Suchtgiften" angelastet. Eine Zeugin hatte bei der Polizei ausgesagt, dass Julia Kührer eine seiner Kundinnen war und "Crystal Meth" sogar am Anwesen in Dietmannsdorf gekauft habe. Michael K. bestritt diese Vorwürfe am Montag. "Ich hatte mit Suchtgift noch nie etwas zu tun."

Gleichzeitig zeigte er sich geständig, seinem damals "guten Freund" - jenem Jugendlichen, der ein Verhältnis mit Julia Kührer hatte - erlaubt zu haben, Cannabispflanzen auf seinem Anwesen anzupflanzen. Auf die Frage des Richters, weshalb bei einer Untersuchung in seinem Wohnhaus in DVD-Hüllen Spuren von Drogen gefunden worden waren, antwortete der Angeklagte: "Was Kunden mit DVDs machen, das weiß ich nicht."

Tatort Videothek

Begangen haben soll er den Mord  in seiner Videothek in Pulkau. Der Angeklagte habe ihre emotionale Zwangslage ausgenutzt, um ihr sein sexuelles Interesse zu zeigen, so der Staatsanwalt. Kollitsch soll Julia einen wuchtigen Faustschlag ins Gesicht versetzt haben. Demnach brach ein Zahn ab, am Kiefer ließen sich Eindrückungen feststellen.

Die Leiche des Mädchens soll der Mann dann auf sein Grundstück im nahen Dietmannsdorf gebracht und dort mithilfe eines Molotow-Cocktails in Brand gesetzt haben, hieß es in der Anklageschrift. Es habe Hinweise auf den Einsatz eines Brandbeschleunigers gegeben. Um seine durch den Verwesungsgeruch angelockten Hunde abzuhalten, verbarrikadierte er den Kellereingang in der Folge mit einem Brett, so der Vorwurf. Kollitsch bestreitet die Tat.

Aber er wird durch eine Reihe von Indizien belastet. Sein Verteidiger, Farid Rifaat, verspricht "Überraschungen im Prozess"– und hofft, damit bei den Geschworenen zu punkten.

DNA-Spuren auf Decke

Auf der Decke, in die die Leiche eingewickelt gewesen war, fanden sich DNA-Spuren von zwei Personen, was bedeute, dass außer dem Beschuldigten noch jemand damit in Berührung gekommen war.

"Nicht schuldig"

Nach Monaten der emotionalen Belastung in U-Haft sehe sein Mandant dem Prozess positiv entgegen, weil er nun Gelegenheit habe, sich vor Gericht, in einem sachlichen, "ganz anderen" Klima als vor Ermittlern, zu äußern. Michael K. wird sich beim Prozess-Start "nicht schuldig" bekennen, teilte sein Verteidiger im Vorfeld mit. "Die Todesursache steht in keiner Weise fest, und es gibt keinen genauen Tatzeitpunkt", erklärte der Rechtsanwalt den Umstand, dass sein Mandant daher auch kein Alibi hat. Folglich werde er auf Freispruch für den Wiener plädieren.

 
Julia Kührer war am 27. Juni 2006 das letzte Mal gesehen worden, als sie am Nachmittag von der Schule in Horn kommend den Bus am Hauptplatz von Pulkau verließ. Intensive Ermittlungen blieben erfolglos. Knapp vier Jahre später rollte das Bundeskriminalamt den Fall neu auf, ging mehr als 150 Hinweisen nach und nahm vorübergehend drei Jugendliche fest.

Nach der Entdeckung des Skeletts von Julia Kührer Ende Juni 2011 wurde Michael K. erstmals festgenommen, mangels Tatverdachts aber wieder enthaftet. Er erklärte damals, Unbekannte hätten die Tote auf seinem Grundstück abgelegt. Wegen DNA-Spuren auf der verbrannten Decke, in die die Leiche gewickelt war, wurde der Wiener dann im vergangenen Dezember in U-Haft genommen. Die skelettierte Leiche des Mädchens wies Spuren von Gewaltanwendung auf, die Todesursache ließ sich aber gerichtsmedizinisch nicht mehr feststellen.

Lesen Sie weiter: Was bisher geschahChronologie:

27. Juni 2006: Die 16-jährige Julia Kührer aus Pulkau (Bezirk Hollabrunn) kommt von der Schule nicht mehr nach Hause: Um 12.45 Uhr stieg sie in Horn in den Bus, kam um 13.33 Uhr am Hauptplatz ihres Heimatortes Pulkau an und ging, so der Vorwurf, nicht direkt nach Hause, sondern zur Videothek. Dort wollte sie Suchtgift vom Angeklagten erwerben - sie litt unter der zwei Tage zurückliegenden Trennung von ihrem Freund, hatte in der Früh Streit mit ihrer Mutter, weil sie einen Psychologen aufsuchen sollte.

November 2006: Trotz intensiver Suche bleibt die Jugendliche verschwunden. Ein Ermittlungsteam des Landeskriminalamtes Niederösterreich (LKA NÖ) bearbeitet den Fall.

Jänner/Februar 2010: Das Bundeskriminalamt (BK) rollt den Fall neu auf.

März 2010: Neuerlich wendet sich die Polizei an die Öffentlichkeit. Mehr als 150 Hinweise gehen ein. Ein Jugendlicher liefert Hinweise zu drei Personen, mit Julia Kührer zuletzt gesehen worden sein soll.

10. Mai 2010: Die drei Jugendlichen werden festgenommen. Sie sollen, so die Polizei, bewusst Informationen zurückgehalten haben.

12. Mai 2010: Alle drei Festgenommenen werden enthaftet. Die Indizien reichen laut dem Haftrichter in Korneuburg nicht für einen hinreichend dringenden Tatverdacht aus.

4. August 2010: Eine neue Abbildung der Abgängigen, bei dem das Institut für Anthropologie der Universität Freiburg berechnet hat, wie Kührer vier Jahre nach ihrem Verschwinden aussehen könnte, bringt neue Hinweise - aber keinen Durchbruch.

11. April 2011: Das Bundeskriminalamt setzt 25.000 Euro Belohnung aus.

30. Juni 2011: In Dietmannsdorf (Bezirk Hollabrunn) in der Nähe des Wohnortes von Julia werden in einem Erdkeller Knochenteile gefunden. In den folgenden Tagen wird das vollständige Skelett entdeckt.

1. Juli 2011: Der 50-jährige Besitzer des Kellers und Verfügungsberechtigte über das Grundstück, der in Wien wohnt und die 16-Jährige kannte, wird festgenommen. Er leugnet jeden Tatzusammenhang. Unbekannte sollen die Tote auf seinem Grundstück abgelegt haben.

3. Juli 2011: Michael K. wird enthaftet. Der zuständige Richter sieht keinen Tatverdacht. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg bringt - ohne Erfolg - gegen die Enthaftung Beschwerde beim Oberlandesgericht ein.

5. Juli 2011: Im Zuge weiterer Ermittlungen am Fundort wird ein Teil einer verbrannten blauen Decke gefunden. Sie soll auf DNA-Spuren untersucht werden, die zum Täter führen können.

Jänner 2012: Die sterblichen Überreste Julia Kührers werden von der Staatsanwaltschaft Korneuburg freigegeben. Ernüchterndes Ergebnis der Gerichtsmedizin: Die Todesursache kann nicht festgestellt werden.

4. Februar 2012: Mehr als fünf Jahre nach ihrem Verschwinden und sieben Monate nach dem Auffinden ihrer skelettierten Leiche wird die Tote beigesetzt.

August 2012: Ermittler des BK suchen erfolglos Käufer einer Decke der Marke „Borbo Orion“, die neben der Leiche gefunden wurde.

5. Dezember 2012: Der bereits 2011 verdächtigte Michael K. wird erneut in Wien festgenommen. Auf dem verkohlten Deckenrest, das sich bei der Leiche Julias befand, wurden DNA-Spuren des mittlerweile 51-Jährigen sichergestellt.

Februar 2013: Die Staatsanwaltschaft Korneuburg schließt das Ermittlungsverfahren im Fall Kührer ab.

April/Mai 2013: Die Mordanklage wird fertiggestellt, der Zustellung folgt ein Einspruch, den die Verteidigung dann wieder zurückzieht.

Juli 2013: Der Prozesstermin wird fixiert. Das Landesgericht Korneuburg schreibt Verhandlungstage am 10., 11., 12., 17., 19., 20. und 24. September aus.

 

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen