Ausgezeichnete Autorin

Štajner: "Weibliche Wut wirkt immer noch verstörend"

Tamara Štajner ist auf Erfolgskurs. Mit "Heute" spricht sie über ihren Roman "Luft nach unten", Literaturpreise und Mutter-Tochter-Beziehungen.
Anna Wallinger
10.08.2026, 06:00
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Für die Autorin Tamara Štajner könnte es karrieretechnisch gerade nicht besser laufen. Erst vor Kurzem wurde die Schriftstellerin für ihren Text "Haus Nr. 5" mit dem Exil-Literaturpreis 2026 ausgezeichnet. Ihr Roman "Luft nach unten" landete im August außerdem auf Platz eins der ORF-Bestenliste. Darin blickt die Autorin tief in eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung – und spricht im "Heute"-Interview über Scham, Kinderwunsch und die Frage, warum wütende Frauen noch immer anecken.

"Der Preis ist für mich nicht selbstverständlich, genauso wie die deutsche Sprache für mich nicht selbstverständlich ist. Ich musste sie für mich entdecken und neu vermessen", erzählt die aus Slowenien stammende Autorin.

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Dass Österreich Schriftstellerinnen und Schriftsteller würdigt, die aus anderen Ländern kommen, sieht sie als große Stärke der heimischen Literaturszene. Sie vergleicht sie mit einem Garten, in dem "verschiedenste exotische Pflanzen Raum haben". Genau diese Vielfalt mache österreichische Literatur international.

Štajner selbst bewegt sich zwischen Sprachen und Kulturen. Erst im Frühjahr veröffentlichte sie einen Roman in Slowenien. Denn auch dort sei die Neugier auf Geschichten aus anderen Ländern groß: "Sie genießen es, zum Beispiel von Geschichten aus Wien zu lesen, die ihnen eine Slowenin erzählt."

Zurück an den Ort der Kindheit

In "Luft nach unten" führt Štajner ihre Protagonistin Iva zurück an den Ohridsee, an den Ort ihrer Kindheit. Anlass ist der Tod ihres geliebten Kindermädchens Marija, mit dem Iva einst mehr Zeit verbrachte als mit ihrer eigenen Mutter. Als sie auf Marijas Grabstein einen zweiten Namen entdeckt, beginnt sie, einem lange verborgenen Familiengeheimnis nachzuspüren. Gleichzeitig beschäftigt Iva ihre eigene mögliche Zukunft als Mutter: Gemeinsam mit ihrem Freund Felix versucht sie, ein Kind zu bekommen.

Wenn die eigene Mutter zur Wunde wird

Ivas Mutter ist fürsorglich, kann ihrer Tochter gegenüber aber gleichzeitig brutal sein. Sie hat genaue Vorstellungen davon, wie eine schöne Frau auszusehen hat – und lässt Iva diese Ideale schmerzhaft spüren.

"Ivas Mutter versteht zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass sich Kinder viel mehr merken, als man glaubt – vor allem emotionale Dinge", sagt Štajner. Die Ursache für das Verhalten der Mutter sieht sie auch in deren eigenem Selbstbild: "Sie findet sich selbst nicht gut genug, nicht schön genug." Weil sie diese Gefühle nicht ausdrücken könne, projiziere sie ihre Unsicherheit auf ihre Tochter. "Dahinter versteckt sich allerdings eine tiefe Scham."

Als Iva später nach Wien geht, um Musikerin zu werden, verliert die Mutter zudem etwas, das ihr besonders wichtig ist: die Kontrolle über ihre Tochter.

Ein Brief zwischen Wut und Liebe

"Die Mutter-Tochter-Beziehung sehe ich als Herz des Romans", sagt Štajner. Besonders deutlich wird das in einem Brief, den Iva an ihre Mutter schreibt, aber nie abschickt. Dieser bewege sich "von Brutalität und Gewalt hin zur Liebe". Für die Autorin steckt darin vor allem eines: "eine tiefe Sehnsucht und ein großer Liebesbeweis".

Und auch Štajner selbst steckt in diesen Zeilen. "In den Briefen an die Mutter steckt einiges von mir", verrät sie. Autobiografisch sei der Roman deshalb aber nicht. Ivas Geschichte sei nicht eins zu eins ihre eigene.

Was sie hingegen sehr wohl kennt, sind die Gefühle dahinter. "Ich schreibe nicht aus der Realität heraus, aber nah an der Realität." Das gelte auch für die emotionalen Zustände rund um den unerfüllten Kinderwunsch.

Mit einem Augenzwinkern denkt Štajner dabei sogar schon an die Zukunft: "Wenn ich mal eine Tochter bekomme, dann kann ich ihr dieses Buch zum Lesen geben", lacht sie.

Warum darf er liebenswert sein – und sie nicht?

Spannend findet Štajner auch die Reaktionen auf Iva und deren Freund Felix. Obwohl Felix unzuverlässig ist und lügt, werde er von einem großen Teil der Leserschaft als sympathisch wahrgenommen. Iva hingegen gelte schnell als "anstrengend, gemein und oft sogar unerträglich".

Für die Autorin wirft das eine größere Frage auf: Wie unterschiedlich bewerten wir das Verhalten von Männern und Frauen? "Bemerkenswert ist, welche verstörende Wirkung die weibliche Wut immer noch mit sich bringt", sagt Štajner.

Felix wiederum kämpft – ähnlich wie Ivas Mutter – mit Scham und der Angst, nicht zu genügen. Seine Strategie ist das Schweigen. Doch gerade das wird zum Problem: "Felix will Iva nicht verletzen, aber genau mit den Worten, die er nicht ausspricht, verletzt er sie viel mehr."

Dass Männer und Frauen unterschiedlich mit Gefühlen und Kommunikation umgehen, will Štajner allerdings nicht auf einfache Geschlechterklischees reduzieren. Offene Kommunikation sei weniger eine Frage des Geschlechts als der Sozialisierung. Männer und Frauen würden nach wie vor unterschiedlich erzogen – auch wenn das Bewusstsein für die negativen Folgen patriarchaler Strukturen langsam wachse.

Und vielleicht liegt genau darin die Stärke von "Luft nach unten": Ivas Geschichte ist sehr persönlich und spezifisch – und erzählt gleichzeitig von Gefühlen, die weit über diese eine Familie hinausgehen.

"Ich glaube, die Beziehung zwischen Iva und ihrer Mutter ist zwar eine ganz spezifische, aber gleichzeitig auch eine universelle", sagt Štajner. "Hier werden sich hoffentlich viele Frauen wiederfinden."

{title && {title} } wall, {title && {title} } 10.08.2026, 06:00