Starke Filme und ein Regisseur unter Hausarrest

Das Festival Cannes hatte einen gelungenen Start, bei dessen Filmen starke Storys wichtiger waren als berühmte Stars.

Lieber große Filme als große Namen: So könnte das inoffizielle Motto der heuer nur spärlich mit Topstars ausgestatteten Filmfestspiele von Cannes lauten. Im Wettbewerb um die Goldene Palme mit seinen 21 Filmen treten zehn Cannes-Neulinge an, deren Arbeiten zum Teil nur eingefleischten Cineasten ein Begriff sind.

Zur Eröffnung gab's am Dienstag Abend aber jenen Star-Rummel, der für Cannes so typisch ist. Die Palmen-Jury, der neben Präsidentin Cate Blanchett auch die Schauspielerin Kristen Stewart und der Regisseur Denis Villeneuve ("Blade Runner 2049") angehören, nahm als ersten Film den Psychothriller "Everybody Knows" in Augenschein. Der ist mit den spanischen Hollywood-Stars Penélope Cruz und Javier Bardem prominent besetzt, die hier voll Wonne wieder einmal in ihrer Muttersprache spielen.

"Everybody Knows"

Auch Regisseur Asghar Farhadi genießt in der Filmwelt einen hohen Ruf. Der Iraner ("The Salesman") hat schon zwei Mal den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen. Bei seinem Spanien-Projekt "Everybody Knows" scheint er es genossen haben, einmal die strengen Moral- und Kleidungsvorschriften seiner Heimat zu umgehen. Wunderschöne Frauen, meist mit offenen langen Haaren, und stolze Männer spielen ein Spiel voll Sinnlichkeit, aber auch krimineller Energie.

Penélope Cruz tritt als Mutter einer Teenagerin auf, die während einer rauschenden Hochzeit plötzlich verschwindet – sie wurde entführt. In ihrer Not bittet die Frau ihren Ex-Freund (Javier Bardem; im wirklichen Leben der Ehemann von Cruz) um Hilfe bei der Suche nach der Tochter – und bei der Bereitstellung des geforderten Lösegelds von 300.000 Euro.

"Everybody Knows" ist ein spannend inszenierter Thriller, der höchstens ein wenig darunter leidet, dass einige Handlungsstränge allzu durchschaubar geknüpft sind. Kein Meisterwerk, aber ein solider Film, der gewiss sein Publikum finden wird – nicht zuletzt wegen der berühmten Hauptdarsteller.

Mit der Galapremiere von "Everybody Knows" endete die gewohnte Starparade des Festivals aber vorerst wieder. Im Wettbewerb gingen am Mittwoch Filme an den Start, die weitab vom Kino-Mainstream angesiedelt wird.

Neue Gesichter

Zu den neuen Gesichtern von Cannes zählt etwa der Ägypter A. B. Shawky, der gleich mit seinem ersten Film "Yomeddine", ins Starterfeld der Goldene-Palme-Kandidaten eingeladen wurde. Der 33-jährige Regisseur Shawky erzählt eine harte, aber höchst eindrucksvolle Geschichte. Es geht um das Schicksal eines Lepra-Patienten, der von der Krankheit geheilt, aber auch mit vielen Narben entstellt ist.

Der Russe Kirill Serebrennikov ist mehr für seine Inszenierungen am (Bolshoi-)Theater als beim Film bekannt, doch sein Wettbewerbsbeitrag „Leto" wurde mit stehenden Ovationen bedacht. „Leto" schildert die Bemühungen einer Gruppe von jungen Musikern, im sowjetischen Leningrad der 1980er Jahre eine Punk-Karriere in Gang zu bringen. Der Zusammenprall der quirligen Musiker mit dem trägen Staatsapparat jener Zeit sorgt zwangsläufig für viele komische Momente.

Regimekritiker unter Hausarrest

Gar nicht komisch ist allerdings die persönliche Situation des Regisseurs. Der regimekritische Kirill Serebrennikov wurde vor einigen Monaten wegen des Vorwurfs der Veruntreuung öffentlicher Gelder in Hausarrest genommen. Bald wird ein Gerichtsverfahren beginnen; Serebrennikov droht eine jahrelange Haftstrafe. Nach Ansicht vieler Beobachter ist an den Vorwürfen nichts dran - die Affäre sei ein Versuch, einen kritischen Geist verstummen zu lassen.

Bei der Gala-Premiere von "Leto" blieb ein symbolischer Platz für den abwesenden Regisseur leer. Cannes-Programmchef Thierry Frémaux zitierte aus einer zynisch anmutenden Wortmeldung von Wladimir Putin, der das Festival wissen ließ, er würde in der Angelegenheit ja gerne helfen. "Aber Kirill Serebrennikov hat ein Problem mit der Justiz, und die Justiz in unserem Land ist unabhängig".

Mit dem Iraner Jafar Panahi gibt's noch einen weiteren Regisseur im Wettbewerb, dessen Kommen nach Cannes höchst zweifelhaft ist. Am Samstag hat Panahis neuer Film „Se Rokh" („Drei Gesichter") Premiere, den der regimekritische Filmemacher quasi im Untergrund drehte - seit 2010 steht er offiziell unter einem zwanzigjährigen Berufsverbot.



Nicht nur das Festival, sondern auch viele Künstler appellieren an den Iran, Jafar Panahi zur Galapremiere beim Festival ausreisen zu lassen. Sein Landsmann Asghar Farhadi, der Regisseur des Eröffnungsfilms "Everybody Knows", sagte in Cannes: "Es ist ein sehr seltsames und schwer zu akzeptierendes Gefühl für mich, dass ich nach Cannes reisen konnte, Jafar Panahi aber nicht. Ich habe großen Respekt für seine Filme und hoffe, dass es ihm noch ermöglicht wird, zu kommen".

Gunther Baumann, Cannes

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