Balint (38): "In Ungarn gelten wir als Verbrecher"

Heute startet die Wiener Wohnungslosenhilfe wieder ihr Winterpaket. Bis 30. April stellt die Stadt rund 1.400 Schlafplätze zur Verfügung.

Noch sind die Temperaturen mild, doch der nächste Winter kommt bestimmt. Um für die kalte Jahreszeit gewappnet zu sein und allen Wohnungslosen in Wien ein Angebot machen zu können, laufen seit Monaten die Vorbereitungen für das Winterpaket 2018/2019. Ab heute stehen rund 1.400 Schlafplätze offen.

"In der vergangenen Wintersaison wurden 3.287 Personen, davon 577 Frauen im Rahmen des Winterpakets versorgt, Tendenz steigend", erklärte Fonds Soziales Wien-Geschäftsführerin Anita Bauer am Montag in der Wärmestube "Obdach Apollogasse" (Neubau). Aufgrund der klirrenden Kälte wurden zudem eine Auslastung bis zu 100 Prozent der Plätze erreicht.

Das zeige die Notwendigkeit der Maßnahme, aber auch, dass der Bedarf steigt. Um dem gerecht zu werden, baut die Stadt ihr Angebot weiter aus. "Heuer haben wir die Kapazität des Winterpakets für Einzelpersonen von 888 auf 936 erweitert. Mit dem Regelbetrieb zusammengenommen stehen insgesamt 1.389 Schlafplätze bereit. Gemeinsam mit den 700 Plätzen in Wärmestuben und Tageszentren ist das das umfassendste Angebot seit Bestehen des Winterpakets", unterstrich Bauer.

Winterpaket-Nutzer über Angebot dankbar

"Die Stadt Wien ist hier international ein echtes Vorbild", sind sich auch die Wohnungslosen Balint O. (38) und Geza F. (51) einig. Die beiden Ungarn sind Besucher im "Obdach Apollogasse" und freuen sich, dass sie hier tagsüber wieder Zuflucht finden können. "In Ungarn wird man als Obdachloser wie ein Verbrecher behandelt. Wenn dich die Polizei zum dritten Mal erwischt, landest du vor Gericht", erzählt Balint gegenüber "Heute".

Bisher haben die beiden in Parks oder unter Brücken übernachtet. Vor allem Balint (seit August ohne Unterkunft) sieht in den Angeboten der Stadt seine einzige Zuflucht. Doch, auch wenn sie in der Apollogasse für die nächsten Monate so etwas wie ein Zuhause gefunden haben, wünschen sich beide "einen Job und einfach ein normales Leben", wie Balint erklärt. Der Kunststudent und Fremdenführer (in englischer und italienischer Sprache) würde ebenso wie der gelernte Schweißer Geza wieder gerne arbeiten, denn "niemand lebt gerne auf der Straße".

Winterpaket steht allen Wohnungslosen offen

Das Winterpaket der Wiener Wohnungslosenhilfe (eine Kooperation zwischen Fonds Soziales Wien, Obdach Wien GmbH, Wiener Roten Kreuz, Caritas, Samariterbund Wien, Volkshilfe Wien und Johanniter) ist ein Notpaket und bietet den Obdachlosen in Wien eine Übernachtungsmöglichkeit. Damit sollen Wohnungslose von der Straße geholt werden. "In Wien soll niemand frieren oder gar erfrieren. Daher steht das Angebot allen von Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffenen Personen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Sozialanspruch, offen", betonte Bauer.

Auch Plätze in Wärmestuben wird ausgebaut

Erweitert wird neben den Nachtquartieren (mit 118 Schlafstellen ein Plus von 38 im Vergleich zum Vorjahr) auch das Angebot in den Wiener Wärmestuben: Im heurigen Winter soll es rund 210 zusätzliche Plätze geben, ein Plus von 50 Plätzen gegenüber dem Winter 2017/2018. In den derzeit vier Wärmestuben (ein Zusatzangebot zu den bestehenden Tageszentren) können sich Wohnungslose tagsüber aufwärmen, duschen, Wäsche waschen und schlafen. Auch für das leibliche Wohl mit warmen Getränken und Essen wird gesorgt.

Kapazitäten werden nach Bedarf geöffnet

"Die Kapazitäten des Winterpakets und der Wärmestuben werden ergänzend zu den rund 153 Nachtquartieren und den 300 Plätzen in den neuen Chancenhäusern, die ganzjährig zur Verfügung stehen, schrittweise auf- und wieder abgebaut", so Bauer. Dabei beobachte man die Wetterlage genau, um flexibel und schnell bedarfsgerechte Angebote zu machen.

75 Millionen Euro für Wohnungslosenhilfe

2017 wandte die Stadt Wien rund 75 Millionen Euro für die Wiener Wohnungslosenhilfe auf, davon gingen mit 7,5 Millionen Euro zehn Prozent an das Winterpaket. "Insgesamt wurden damit in allen Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe rund 11.100 Personen betreut", so Bauer. Für die heurigen Saison rechnet sie mit höheren Ausgaben, da eben auch die Nachfrage steige.

Die Mehrheit stellten im Winter 2017/2018 mit rund 25 Prozent der "Besucher" österreichische Staatsbürger, auf den Plätzen folgten Rumänen, Slowaken und Ungarn. "Die Verteilung der Nationalitäten bleibt hier relativ konstant", erklärte Bauer.

Angebote werden länger und von mehr Frauen in Anspruch genommen

Der Großteil der hilfesuchenden Wohnungslosen (35 Prozent) benutzte in der vergangenen Saison die Einrichtungen des Winterpakets kurzfristig (bis zu zehn Tage), 21 Prozent kamen an über 100 Tagen. "Aber auch hier sehen wir, dass die Tendenz steigt", erklärt Bauer.

Einen Anstieg gibt es auch bei der Gruppe der obdachlosen Frauen zu beobachten: "Der Anteil der von uns betreuten Frauen ist um rund 16 Prozent gestiegen. Das ist aber, ohne zynisch sein zu wollen, auch ein Erfolg, weil es zeigt, dass unsere Angebote gut sind und gut angenommen werden", erklärte die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Obdach Wien GmbH, Monika Wintersberger-Montorio.

"Wenn es kalt wird, sind wir da"

Die Wärmestube "Obdach Apollogasse" im Areal des ehemaligen Sophienspital (Neubau) geht heuer in das dritte Jahr. Ab heute stehen hier täglich zwischen 9.30 und 16.30 Uhr rund 50 Schlafplätze zur Verfügung. "Unser Team kümmert sich ganztags um die Besucher, hilft bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder wenn jemand krank ist. Es ist wichtig, dass wir da sind, wenn es kalt wird", so Projektleiterin Brigitte Grone.

Spenden werden gerne angenommen

Wenn auch Sie helfen möchten, können Sie das Obdach Wien mit ihrer Spende (IBAN: AT18 2011 1296 5118 1000, BIC: GIBAATWW, Verwendungszweck "Winter"). Für 50 Euro kann schon ein Schlafsack, eine Isomatte sowie Lebensmittel finanziert werden.

Wenn Sie eine Jobmöglichkeit für Balint oder Geza kennen, senden Sie bitte ein E-Mail an lokalredaktion@heute.at. (lok)

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