Wiener Innenstadt wird für Gastronomen unleistbar

Das ehemalige Café Griensteidl wurde unter neuem Namen als Café Klimt wieder eröffnet. Im März 2019 sperrt auch dieses zu.
Das ehemalige Café Griensteidl wurde unter neuem Namen als Café Klimt wieder eröffnet. Im März 2019 sperrt auch dieses zu.Bild: picturedesk.com
Das frühere Café Griensteidl wird ein "Billa". Trotz zahlreicher Interessenten fand sich niemand für eine Übernahme des Traditions-Kaffeehauses. Grund dafür sind horrende Mieten.
Das ehemalige Café Griensteidl am Michaelerplatz wird in den kommenden Monaten zur Supermarkt-Filiale umgebaut – eine Entwicklung, die vielen Liebhabern der Wiener Kaffeehaus-Kultur gar nicht schmeckt.

Eine Frage steht wie ein rosa Elefant im Raum: Warum wird es nicht als Café unter neuem Besitzer fortgeführt? Einen prominenten Interessenten hätte es sogar gegeben – doch machten ihm die horrenden Mietpreise einen Strich durch die Rechnung.

"Der Platz ist großartig. Wunderschön für ein Kaffeehaus", sagt der bekannte Wiener Cafetier Berndt Querfeld im Interview mit dem "Kurier". Allerdings auch für den Inhaber mehrerer Lokale an Top-Standorten, wie etwa das Café Landtmann, viel zu teuer.

Die Übernahme durch Querfeld sei an den "Mietvorstellungen des Eigentümers" gescheitert. Bei einer angenommenen Miete von 150.000 Euro im Monat – eine Summe die sogar unter der verlangten Miethöhe liegen soll – müsste er im Schnitt mindestens 12.500 Tassen Kaffee à 4 Euro am Tag verkaufen, um auch nur ansatzweise in Richtung schwarzer Zahlen zu rutschen, rechnet er vor. "Das ist für uns nicht darstellbar", so Querfeld.

Das Café Griensteidl in Wien war im späten 19. Jahrhundert ein berühmtes Künstlerlokal. Das Kaffeehaus befand sich am Michaelerplatz im Palais Dietrichstein, gegenüber der Hofburg. Das Café Griensteidl, 1847 eröffnet, wurde rasch ein Treffpunkt für Wiener Literaten. Hier verkehrten Persönlichkeiten von Franz Grillparzer bis Georg von Schönerer. Das Café war auch ein Hauptquartier der Arbeiterbewegung und ihrer Führungsfiguren, u.a. Victor Adler und Friedrich Austerlitz.
Laut "Kurier" hätten sich auch internationale Gastroketten für den Standort interessiert, jedoch sich dagegen entschieden. Wohl aus ähnlichen Bedenken.

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Für Stefan Krejci, Immobilienexperte bei Remax, ist das keine Überraschung: An den absoluten Spitzenplätzen in Wien liegen die Mieten für Handelsflächen bei rund 400 Euro pro Quadratmeter, exklusive der Betriebskosten. "Das geht sich für die Gastronomen nicht mehr aus, das ist klar", wird Krejci zitiert.

Die Bundeshauptstadt liegt damit deutlich über den restlichen Landeshauptstädten. Allerdings sind auch in Linz, Innsbruck und Graz die Handelsmieten in den guten Lagen tendenziell stärker gestiegen.

"Dies hat unter anderem dazu geführt, dass teilweise die wirtschaftliche Leistbarkeit der Mieten in den Top Lagen erreicht ist, und daher verschiedene Handelsunternehmen in gute Lagen in der Nähe ausweichen", informiert das Makler-Netzwerk in einer Aussendung.

Die Folge: Geschäftsflächen in Innenstädten sind nur noch für größere Konzerne leistbar, denen es mehr darum geht gesehen zu werden, als mit jeder Filiale gut zu verdienen. Klassische Familienbetriebe werden immer weiter Richtung Stadtrand gedrängt.

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(rcp)

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