Dschihadisten – kriminell, ungebildet und arbeitslos

Viele Dschihadisten werden von ausländischen Vermittlern rekrutiert. Diese zu schnappen, ist schwierig. Experten fordern schärfere Regeln und mehr Aufklärung.
Der stereotypische Dschihadist ist 18 bis 35 Jahre alt, wohnt in städtischen Ballungsräumen, ist Kind von Migranten, wenig gebildet, häufig arbeitslos, wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, konsumiert leichte Drogen und war schon vor der Radikalisierung kriminell.

Das zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). In der Schweiz gibt es 130 dschihadistisch radikalisierte Personen: Fast die Hälfte lebt von staatlicher Unterstützung, jeder Fünfte ist Konvertit.

Meist kommt er via Internet in Kontakt mit dschihadistischer Propaganda. "Dieser Konsum allein führt aber nur selten zur Radikalisierung", sagt Studienautorin Miryam Eser Davolio. Auch das gemeinsame Missionieren – wie etwa die Koran-Verteilungen der "Lies!"-Organisation – habe Einfluss. Aber vor allem persönliche Kontakte zu Gleichgesinnten gäben letztlich den Ausschlag.

CommentCreated with Sketch.8 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Rekruteure aus dem nahen Ausland

SVP-Nationalrat Walter Wobmann wollte die salafistische "Lies!"-Organisation landesweit verbieten, der Bund entschied 2017 anders. "Die Ergebnisse zeigen, dass ich recht hatte. Solches Missionieren ist brandgefährlich, aber die Behörden schauen weg." Er will neue Vorstöße lancieren. "Es braucht griffige Instrumente wie Einreisesperren, um gegen Hassprediger vorzugehen." Deren großen Einfluss hebt auch die Studie hervor: "Es sind vor allem Rekruteure aus dem nahen Ausland, die gezielt junge Menschen anwerben", sagt Autorin Eser Davolio.

So wie Hassprediger Mirsad O. aus Wien, der zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er Männer an den IS vermittelte und Anstifter zu Mord und Nötigungen war. Oder Bilal B.: Der Bosnier, dem Kontakte zur Winterthurer Islamistenszene nachgesagt werden, wurde 2015 wegen Anstiftung zu Terrorismus und Anwerbung von Terroristen zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Salafist unterstützte in Predigten Osama Bin Laden und soll Italiener und Bosnier für den IS rekrutiert haben.



Mirsad O. nannte sich Abu Tejma, wenn er predigte. Er wurde zu 20 Jahren verurteilt. (Bild: Screenshot YouTube)

Solche Vermittler knöpfen sich oft auch Konvertiten vor, die in der Schweiz mit 20 Prozent überproportional stark unter den Radikalisierten vertreten sind (siehe Interview unten). Die Konvertierung werde Jugendlichen zu einfach gemacht, sagt Islam-Kennerin Saïda Keller-Messahli. "Es reicht, das islamische Glaubensbekenntnis auszusprechen und schon ist man Muslim." Um Jugendliche besser zu schützen, sollte das Thema Konvertierungen in Schweizer Moscheen ganz offen besprochen werden – ebenso die Rolle der Rekruteure.

"Sie agieren raffiniert, sind kaum zu fassen"

Diese dingfest zu machen, sei äußerst kompliziert, sagt GLP-Nationalrat Daniel Frei: "Das Problem ist, sie überhaupt auf den Radar zu kriegen, weil sie oft strafrechtlich noch gar nicht erfasst sind." Nur anhand von vagen Vermutungen sei es für Nachrichtendienst (NBD) und Polizei schwierig, gegen sie vorzugehen. "Zudem agieren sie raffiniert, tarnen sich, reisen als unverdächtige Personen – Studenten oder Geschäftsmänner – ein", erklärt Frei.

Einige Rekruteure wirkten als Imam in Moscheen, sagt Saïda Keller-Messahli. Diese müssten besser überprüft werden. "Es braucht ein öffentliches Register der Imame in der Schweiz." Ein Bürger dürfe heute nicht einmal erfahren, welcher Imam in einem bestimmten Gefängnis als Seelsorger wirke. "Ein besonderes Augenmerk braucht es auch auf die Wanderprediger, die von Moschee zu Moschee in ganz Europa gehen und ihre radikalen Ansichten verbreiten – auch in der Schweiz", erklärt die Islam-Kennerin.

Einige Erfolge in Schweiz

Untätig ist die Schweiz aber nicht: Zahlreiche Prediger, die Gewalt verherrlichten, seien mit Einreiseverboten oder anderen Maßnahmen belegt worden, betont Daniel Frei. Auch Koranverteilungen habe es 2018 in der Schweiz nur noch vereinzelt gegeben. Das bestätigen Berichte des NBD.

Aber verstärkte Maßnahmen gegen die Radikalisierung könnten auch kontraproduktiv sein. "Betroffene können sie als Benachteiligung wahrnehmen, die sie in ihrer vermeintlichen Opferrolle bestärken", schreibt der NBD. Das könne zur Radikalisierung beitragen.

Spezielle Gefängnisse als Lösungsweg

Dass 40 Prozent der Radikalisierten in der Schweiz Fürsorgeleistungen beziehen, habe sie überrascht, sagt Studienautorin Eser Davolio. Ob die verbreitete Arbeitslosigkeit die Radikalisierung forciere oder sie eine Folge davon ist, wurde nicht untersucht. Walter Wobmann fordert diesbezüglich strengere Kontrollen und Kürzungen: "Wer unsere Gesellschaft ächtet, soll nicht noch von unserem Staat profitieren."

Eine weitere Stätte von Radikalisierungen sind Gefängnisse. Es sind zwar nur wenige Fälle bekannt: Diese zu erkennen, sei aber nicht einfach, heißt es in der Studie. Die ZHAW schlägt vor, das Gefängnispersonal gezielt für den Umgang mit Radikalisierten zu schulen oder zwei bis drei Strafvollzugsanstalten zu Kompetenzzentren mit dem Schwerpunkt auf dschihadistisch radikalisierte Insassen auszubauen.

"So könnten Resozialisierungsmaßnahmen bei diesen schnell greifen", sagt Eser Davolio. Zu viele Radikalisierte an einem Ort unterzubringen, berge aber auch Gefahren: "Eine Massierung wäre heikel. Man müsste genau abwägen, wie viele an einem Ort unterkommen sollen und wie man sie innerhalb der Anstalt separieren kann."



Miryam Eser Davolio ist Professorin am Departement für Soziale Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW):

Frau Eser Davolio, wie gehen solche Rekruteure konkret vor?

Meist kommt der Kontakt über Social Media zustande. Sie bauen anfangs eine unverfängliche Beziehung auf, bis sie dann gezielt versuchen, Einfluss zu nehmen, um die Person zu radikalisieren.

Warum suchen sich Rekruteure oft Konvertiten aus?

"Sie sind leichter beeinflussbar, weil sie noch wenig wissen und oft nicht zwischen heiklen radikalen und vertrauenswürdigen Aussagen unterscheiden können. Daher sind sie besonders sensibel für Rekrutierungsbemühungen. Zudem appellieren Rekruteure, Konvertiten müssten beweisen, dass sie richtige Muslime seien und können sie so für radikale Ansichten eher begeistern."

Was macht es so schwierig, Rekruteure dingfest zu machen?

Es muss ein nachweislicher Strafbestand vorliegen. Diesen zu beweisen, ist oft schwierig. Mit der 20-jährigen Haftstrafe gegen Mirsad O. setzte Österreich ein starkes Zeichen, das in Europa und auch der Schweiz Signalwirkung haben könnte.

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