Talk: Verena Altenberger als liebende Junkie-Mutter

Eine der stärksten Szenen im Film, komplett improvsiert: Altenberger und eine herausragender Jeremy Miliker
Eine der stärksten Szenen im Film, komplett improvsiert: Altenberger und eine herausragender Jeremy MilikerBild: Polyfilm

Unendliche Liebe und unstillbare Sucht. Eine Kombi, die im Fall von Helga Wachter und ihrem Sohn das Meisterwerk "Die beste aller Welten" hervorbringt. Altenberger im Interview:

Eine Kindheit im Drogenrausch seiner Mutter, ein Leben am finanziellen Limit – und trotzdem ist es für einen Buben "Die beste aller Welten". 20 Jahre später verfilmte Adrian Goiginger seine eigene Geschichte. Entstanden ist ein Liebesfilm und ganz harter Brocken, der das Leben als schonungslos ehrlichen Kraftakt zeigt. "Meine drogensüchtige Mutter war die beste" der Welt, so der Regisseur. Wir und Verena Altenberger ("Magda macht das schon". "Die Hölle") glauben ihm. Der Talk:

„Heute": Zwischen dem harten Tobak vor der Kamera und dem Regisseur dahinter herrscht ein unglaubliches Naheverhältnis. Wie wirkte sich das auf den Dreh und die Stimmung am Set aus?

Altenberger: Eine der ganz großen Leistungen unseres Regisseurs Adrian Goiginger ist es, die Geschichte so zu erzählen, dass sie den Zuschauer komplett einnimmt. Zugleich wahrte er während der Dreharbeiten aber die nötige Distanz, sonst hätten wir ja nicht professionell arbeiten können. Er sprach am Set nicht von seiner Mutter, sondern von der Rolle „Helga".



„Heute": Die Dialoge zwischen Mutter und Kind wirken extrem echt und natürlich. Haben Sie beide da auch viel improvisiert?



Altenberger: Ja, sehr. Ich wusste, was ich textlich in der Szene unterbringen sollte und hab das teilweise in meine Worte gepackt. Jeremy hatte kaum Textvorgaben, er redet quasi durchgehend frei Schnauze. Vieles war nicht geplant und Regisseur Adrian Goiginger hat sich auch für beide Seiten Überraschungen ausgedacht. Zum Beispiel nur Jeremy instruiert und mich dann spontan darauf reagieren lassen. Eines der schönsten Komplimente, die unser Regisseur mir machen konnte: „Verena, genau so hätte meine Mama das auch gesagt."



„Heute": Wie haben Sie diese starke Bindung zu „Ihrem" Buben hergestellt? Die Nähe ist im Film fast greifbar…



Altenberger: Ich habe bereits ein halbes Jahr vor dem Dreh begonnen, mich zweimal pro Woche mit Jeremy zu treffen. Er war bei mir, wir haben gekocht, geredet, ferngesehen… Dabei war ich immer viel mehr Helga, als Verena. Das waren oft nur Nuancen, aber die waren ganz essentiell.



„Heute": Wie kann man sich das vorstellen?



Altenberger: Ich habe zum Beispiel einen festen Händedruck, Helga einen eher schwachen. Ich hab Jeremy immer so begrüßt, wie Helga es getan hätte. Mit der Zeit habe ich angefangen, Szenen, wie sie ähnlich im Film vorkommen würden, zu inszenieren. Als Jeremy zum Beispiel einmal Hunger hatte, habe ich gesagt, die gewünschten Nudeln könne ich mir erst leisten, wenn wir die Pfandflaschen zurückgebracht haben. Bei Drehbeginn waren wir dann schon sehr eng, wirklich wie Mutter und Sohn.



„Heute": Eine Rolle, in die Sie viel investieren mussten…



Altenberger: Ja, extrem viel. Ich wollte sie aber unbedingt und ich wusste, dass sie eine große Fallhöhe hat. Es wäre fatal gewesen, eine starke Sucht schwach zu spielen. Deshalb hab ich mich nicht nur der optischen Veränderung hingegeben, sondern ich musste auch lernen, Heroin wirklich zu verstehen.



„Heute": Ist Ihnen das gelungen?



Altenberger: So gut es eben aus der Beobachterperspektive geht. Zuerst habe mit Ex-Junkies gesprochen, mich bei Ärzten bezüglich der Symptome informiert: Wann werde ich müde, wann bekomme ich Herzrasen, wann schwitze ich? Das ist wesentlich. Am schwierigsten war es aber für mich, den simplen Alltag einer heroinabhängigen Mutter zu verstehen. Mir war einfach ganz lange nicht klar, wie es funktionieren kann, dass eine Mutter süchtig ist und ihren Buben trotzdem morgens pünktlich weckt und in die Schule schickt. Dafür musste ich direkt in die Drogenszene rein. Ich habe am Hauptbahnhof Junkies angesprochen und ihnen vom Film erzählt. Ich war ehrlich, habe gesagt, dass soll kein Film mit erhobenem Zeigefinger werden, kein grausiger Film über die schlimme Drogensucht. Meine größte Hilfe war, dass ich sehr schnell auf offene Ohren gestoßen bin. Viele der Süchtigen haben mir ihre Geschichten erzählt, mich zu sich nach Hause eingeladen, und mich ein Stück weit an ihrem Alltag teilhaben lassen. So konnte ich mir diese Lebenswelt immer besser vorstellen.

„Heute": Unreine Haut, schlechte Zähne – wie haben Sie sich körperlich in eine Süchtige verwandelt?



Altenberger: Schon Monate vor Drehbeginn habe ich begonnen, mir Beine und Achseln nicht mehr zu rasieren, die Brauen nicht zu zupfen, meine Haare nicht mehr zu pflegen. Ich habe auch sieben Kilo abgenommen. Den Rest hat dann unser Maskenbildner Tim Scheidig übernommen.



„Heute": Welche Szene mit Jeremy ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?



Altenberger: Ich liege am Boden und studiere Stellenanzeigen. Das folgende Gespräch mit Jeremy entstand völlig spontan. Ein Kind, das unbedingt Abenteurer werden will, kann nicht verstehen, warum seine Mama überhaupt nicht weiß, wer oder was sie sein will. Sein Nachhaken und mein nicht gespieltes Nachdenken über seine Fragen haben mich meiner Figur nochmal ein großes Stück näher gebracht.



„Heute": Jeremy drehte viele heftige Szenen in der Drogenhölle (er raucht, ihm wird „Alkohol" eingeflößt) – wie sehr hat das den Buben mitgenommen?



Altenberger: Das müsste man Jeremy selber fragen, aber ich kann sagen: Wir haben alles dafür getan, dass das Set ein großer Abenteuerspielplatz für Jeremy wird. Vom Catering über die Schauspielerer bis zur Regie. Wir wussten: Das Spielen muss ihm vor allem Spaß machen, er muss sich wohl fühlen.

„Heute": Kann eine Mutter trotz Heroinsucht und deren Konsequenzen für ihr Kind die beste Mutter der Welt sein?



Altenberger: Adrian sagt, dass es in seinem Fall so war. Und ich glaube ihm.

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