Tausende verstecken sich im Dschungel vor Luftangriffen

Myanmars Militärjunta setzt nach dem blutigen Wochenende die Gewalt gegen ihre Bevölkerung fort. Im Kayin-Staat fliegt sie Luftschläge.

Die Militärs in Myanmar lassen die Gewalt gegen das eigene Volk weiter eskalieren. Am Montag wurden landesweit mindestens 14 Menschen erschossen, und auch am Dienstag soll es Medienberichten zufolge wieder mehrere Tote gegeben haben. Und dies, nachdem die ausufernde Gewalt dieses Wochenende weltweit für Entsetzen gesorgt hatte: 100 Menschen und mehr starben bei landesweiten Protesten gegen die Machtübernahme der Junta. Unter den Toten waren Berichten zufolge mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 15 Jahren – tragischerweise werden Kinder seit Ausbruch der Gewalt im Februar immer wieder von Soldaten erschossen, selbst in der Sicherheit ihres Zuhauses.

Im Kayin-Staat im Osten Myanmars fliegt das Militär seit dem Wochenende Luftangriffe gegen Zivilisten. Viele sind Angehörige der ethnischen Minderheit der Karen, gegen die das Militär nicht erst seit dem Militärputsch vom Februar, sondern schon seit Jahren brutal vorgeht. Die Luftangriffe sind möglicherweise Vergeltung für eine Attacke der Nationalen Befreiungsarmee der Karen auf einen Außenposten des Militärs. Der Guerillagruppe zufolge wurden dabei zehn Soldaten getötet und acht gefangen genommen.

"Maschine kehrte zurück & ließ vier Bomben fallen"

Bei den Luftschlägen wurden im Papun-Distrikt mindestens drei Menschen getötet und acht Personen verletzt, so die Hilfs- und Untergrundorganisation "Free Burma Rangers", die auch der UN berichterstattet. "Etwa elf Kilometer von der thailändischen Grenze entfernt begann am Samstagnachmittag ein Flugzeug der Armee die Region auszukundschaften. Am Abend, zwischen 20:20 und 20:30 Uhr, kehrte die Maschine zurück und ließ vier Bomben fallen", so Gründer Dave Eubank gegenüber "20 Minuten". Bis in den Montag hinein seien seither Luftschläge geflogen worden. "In dieser Region sind über 2000 Menschen aus ihren Häusern geflohen und verstecken sich im Dschungel". Insgesamt seien im Kayin-Staat 12.000 Menschen vertrieben worden.

Weist Thailand Flüchtlinge zurück?

Viele Flüchtlinge sind jetzt auf dem Weg nach Thailand, wo sie gemäß den Aussagen von Menschenrechtsorganisationen jedoch nur bedingt willkommen geheißen werden. So hätten thailändische Sicherheitskräfte viele von ihnen an der Grenze gestoppt und zurückgeschickt. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP im Grenzort Mae Sam Laep konnte zudem sehen, wie Soldaten einer paramilitärischen Einheit zweimal versuchten, ein Boot mit sieben Insassen am Grenzfluss abzuweisen. Es landete schließlich doch, Ersthelfer und Dorfbewohner kümmerten sich um die Verletzten. Ein Mann hatte Striemen und offene Wunden am Rücken, ein anderer sagte, durch eine abgeworfene Bombe habe er Splitter in den Beinen. Krankenschwestern versorgten die beiden und testeten sie auf das Coronavirus.

Dass Flüchtlinge aus dem benachbarten Myanmar nicht in sein Land gelassen werden, bestreitet der thailändische Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha: «Wir werden sie nicht zurückweisen», versicherte er am Dienstag. Es gebe aber auch bisher keinen so großen Ansturm von Flüchtlingen. Jeder, der vor den jüngsten Luftangriffen des Militärs geflohen sei, werde aufgenommen. Viele hätten aber auch so über die Grenze kommen wollen, ohne in einer Notlage zu sein. Diese Leute habe man gebeten, wieder umzukehren, sagte Prayut. "Wir haben sie gebeten, wir haben keine Gewalt angewendet."

"Müll ist auch eine Waffe, um Widerstand zu leisten"

In Myanmars ehemaliger Hauptstadt Yangon (früher Rangung) läuft derweil ein "Müllstreik". Die Organisation "Clean Yangon", die normalerweise dabei hilft, die Straßen Yangons sauber zu halten, hat die Bürger auf Facebook aufgefordert, möglichst viele Abfälle mitten auf den Straßen abzuladen. "Müll ist auch eine Waffe, um Widerstand gegen die Junta zu leisten", hieß es. "Lasst uns Müllbeutel und anderen Unrat aus unseren Häusern auf die Straße werfen."

Auch in zahlreichen anderen Regionen des früheren Birma sind wieder Proteste mit tausenden Teilnehmern aufgeflammt. Beobachter sind sich einig: Die Militärjunta hat den Widerstand im Land unterschätzt.

Rebellengruppen drohen Militärjunta

Vier bewaffnete ethnische Gruppen drohten derweil, die Bevölkerung zu unterstützen, sollte die Junta die Gewalt nicht beenden. Die neue Militärführung müsse die politische Krise lösen und auf die Forderungen der Bevölkerung eingehen, so die Rebellengruppen. Wenn das Militär diese Forderungen nicht erfülle und weiter töte, dann werde man den Menschen dabei helfen, sich selbst zu verteidigen.

Im Vielvölkerstaat Myanmar leben 135 staatlich anerkannte Ethnien. Besonders im Kayin-Staat im Norden und im Shan-Staat im Osten kommt es schon lange zu immer neuen Kämpfen zwischen dem Militär und bewaffneten Gruppen. Mehr als 20 ethnische Gemeinschaften kämpften landesweit schon lange vor dem Umsturz für mehr Autonomie und Selbstbestimmung.

Schätzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zufolge sind bislang mindestens 510 Menschen durch die Gewalt des Militärs ums Leben gekommen. Beobachter gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

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