Techniker haben in Wien die besten Jobchancen

Die Wiener Wirtschaft wünscht sich mehr Techniker (v.l.n.r.: WKW-Präsident Walter Ruck und Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky präsentieren Bedarfsanalyse)
Die Wiener Wirtschaft wünscht sich mehr Techniker (v.l.n.r.: WKW-Präsident Walter Ruck und Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky präsentieren Bedarfsanalyse)Bild: Denise Auer

Im Zuge einer Studie ging die Wirtschaftskammer der Frage nach, welche Jobs Wiens als wachsende Job am dringendsten benötigt. Dabei zeigt sich: Technische Berufe haben klar die Nase vorn.

Fundiert ausgebildete Mitarbeiter sind und bleiben für Wiens Wirtschaft ein zentraler Erfolgsfaktor. In welchen Bereichen aber der höchste Bedarf herrscht, wurde nun im Rahmen der "Bildungsbedarfsanalyse 2019" erhoben. Makam Research hat dafür 1.000 der größten Wiener Unternehmen mit 65.000 Mitarbeitern (das entspricht rund 15 % der Wiener Arbeitnehmer) befragt, wie sie die Entwicklung der Nachfrage nach Absolventen der verschiedenen Schulformen einschätzen.

Durchgeführt wird diese Studie seitens der WKW alle zwei Jahre. Heute, Montag, wurden die Ergebnisse der aktuellen Umfrage durch den Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien Walter Ruck und Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) in der Vienna Business School in der Schönborngasse (Josefstadt) präsentiert.

Wien sucht 12.400 Techniker

"Generell gilt, wer über eine solide Ausbildung verfügt, findet auch künftig gute Karrierechancen in den Wiener Unternehmen vor. Hervorragende Berufsaussichten haben aber vor allem Techniker", fasst Ruck die wichtigste Erkenntnis zusammen.

In den nächsten drei bis fünf Jahren suchen die Wiener Betriebe insgesamt 12.400 Techniker – und zwar aus allen Ausbildungswegen, Lehrlinge ebenso wie Absolventen von HTL, technischen Fachhochschulen und universitären Technik-Ausbildungen. An Absolventen von Fachhochschulen herrsche generell großes Interesse: Drei von zehn Betrieben wollen in den nächsten Jahren mehr davon beschäftigen.



Betriebe wünschen sich mehr Praxisbezug und Wirtschaftsnähe

In der Befragung wurden die Betriebe auch nach ihren Verbesserungswünschen an die Ausbildungseinrichtungen gefragt. Das Ergebnis: Die Betriebe wünschen sich mehr Praxisbezug und Wirtschaftsnähe in der Ausbildung – und zwar quer über alle Schul- und Hochschulausbildungen. Aus ihrer Sicht müssten sich die Lehr- und Studienpläne stärker an der Arbeits- und Lebenswelt orientieren. "Nur so kann die Ausbildung in Schulen und Hochschulen mit den Anforderungen der Wirtschaft Schritt halten", so Ruck.



"Die vorliegende Studie der Wirtschaftskammer Wien zeigt sehr deutlich, wo der Bedarf der Wiener Wirtschaft liegt: Sie wünschen mehr Technikerinnen und Techniker und vor allem mehr Schulen und Ausbildungsplätze mit Praxisbezug", ergänzt Czernohorszky. Dazu komme, dass Wien eine wachsende Stadt sei. Die Stadt reagiere darauf mit einem Ausbau des Angebots: "Wir haben allein in den letzten fünf Jahren 530 neue Klassen im Pflichtschulbereich geschaffen, jetzt braucht es auch neue Schul- und Ausbildungsplätze in Bundesschulen und zusätzliche Lehrstellen", so der Stadtrat.

Wien fordert mehr Geld für berufsbildende Schulen

Mehr Investitionen in Schulen und Ausbildungsplätze seitens des Bundes seien auf notwendig, weil die Gruppe der 15- bis 19-jährigen Wiener wird in den nächsten 15 Jahren um rund 10.000 Jugendliche wachsen wird. "Für diese Jugendlichen braucht es Ausbildungsplätze vor allem auch in berufsbildenden Schulen, wie HTL. Denn, wenn Jugendliche keinen Schulplatz finden und keine am Arbeitsmarkt brauchbare Ausbildung machen können, führt der Weg direkt in eine steigende Jugendarbeitslosigkeit", so Czernohorszky.



Betriebe klagen über Ausbildungsreife der Schulabgänger

Die Lehrlingsausbildung ist und bleibt für die Wirtschaft eine wichtige Schiene, um qualifizierte Fachkräfte heranzubilden. 27 % der derzeit ausbildenden Betriebe wollen in den kommenden drei bis fünf Jahren mehr Lehrlinge aufnehmen – in Summe bis zu 1800 Lehrlinge. Gesucht wird vor allem in den Branchen Tourismus/Gastro, Handel, Bauwesen, Technik.

Die Analyse zeige aber auch, dass Betriebe immer wieder über das unzureichende Bildungsniveau der Bewerber klagen. 53 % der befragten Betriebe beklagten, das Bildungsniveau der Bewerber habe sich in den letzten Jahren verschlechtert. Rund 600 Lehrstellen konnten 2018 mangels qualifizierter Bewerber nicht besetzt werden."Grund dafür sind Defizite bei den Grundkompetenzen", erklärt Ruck und fordert die Sicherstellung der Ausbildungsreife der Schulabgänger. "In der Lehrausbildung kann nicht nachgeholt werden, was davor versäumt wurde", so Ruck.

Digitale Kompetenzen als Schlüsselfaktor

In der Studie wurden auch die Auswirkungen der Digitalisierung abgefragt. 86 % der Wiener Unternehmen fühlen sich davon betroffen - je größer, umso stärker. Hohen Einfluss erwarten sie von den Themen Informationsgenerierung, Datensicherheit und Digitalisierung der Arbeitsprozesse. Das werde auch zu Änderungen an die Anforderungen an die Mitarbeiterkompetenz führen. Die Betriebe sehen künftig vor allem die Bereitschaft der Mitarbeiter zur Weiterbildung, den Bereich Qualitätssicherung, die Kreativität der Mitarbeiter und ihr Umgang mit digitalen Werkzeugen gefordert. "Digitale Kompetenzen werden noch stärker zum Schlüsselfaktor. Deshalb ist es wichtig, dass die Vermittlung von E-Skills in allen Ausbildungswegen gestärkt wird", betonte Ruck.



Wirtschaft sieht Fachmittelschulen als "kritisch"

Die Schulformen Polytechnische Schule/Fachmittelschule wird von der Wirtschaft kritisch gesehen: Zwei Drittel der Betriebe klagen über das schlechte Bildungsniveau der Absolventen. 43 % der Betriebe würden für das 9. Schuljahr eine Kombination von Schul- und Berufsausbildung bevorzugen. Drei von zehn halten es für wichtig, dass die Schulpflicht erst endet, wenn Mindest-Bildungsziele erreicht worden sind.



Etwas besser schneiden in der Bewertung der Betriebe die berufsbildende mittlere Schulen ab. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe beschäftigt Absolventen dieser Schulform. Die Nachfrage steigt moderat und etwas stärker nach Absolventen technischer als kaufmännischer BMS. Verbesserungspotenzial sehen die Unternehmen in mehr Praxisbezug – auch der Lehrer - und einer besseren Schulung der sozialen Kompetenzen.



Knapp zwei Drittel der befragten Betriebe beschäftigen AHS-Absolventen, ein Achtel will in den kommenden Jahren mehr davon aufnehmen. Verbesserungswürdig ist die Schulung der Sozialkompetenzen, mehr Berufsorientierung und mehr Wirtschaftsnähe in den Lehrplänen.

Vier von zehn der befragten Betriebe beschäftigen derzeit Absolventen der Handelsakademien (HAK), die Nachfrage wird um rund 10 % steigen. Verbesserungspotenzial orten die Unternehmen in mehr Praxisbezug, auch in der ­­­Lehrerausbildung, und in einer Aktualisierung der Lehrpläne nach den Anforderungen der Wirtschaft.

Betriebe wollen mehr HTL-Absolventen aufnehmen

In 40 % der Betriebe arbeiten derzeit HTL-Absolventen. Fast ein Viertel der Betriebe möchte in den nächsten drei bis fünf Jahren mehr HTL-Absolventen aufnehmen. Ein Fünftel sieht derzeit ein zu geringes Angebot, vor allem in der Informationstechnologie, der Informatik und der Elektrotechnik. 31 % der Betriebe sind mit der HTL in der jetzigen Form vollauf zufrieden – der höchste Zufriedenheitswert aller Schulformen.



Wunsch nach mehr Praxisbezug in Uni-Studien

Knapp die Hälfte der Betriebe hat FH-Absolventen im Mitarbeiterstab, sechs von zehn Unternehmen beschäftigen derzeit Universitätsabsolventen. Bei den FHs sind vor allem Absolventen der Ingenieurswissenschaften und Informatik begehrt. Bei den Uni-Studien sehen die Betriebe ein Überangebot bei klassischen Wirtschaftswissenschaften (42 %) und den Geistes- und Kulturwissenschaften (24 %) der Wiener Unternehmen ein Überangebot. Ein Unterangebot sehen die Betriebe hingegen vor allem bei Absolventen der Informatik und der Ingenieurswissenschaften (Technik).

Eine praxisbezogenere Ausbildung der Studenten und der Unterrichtenden sowie bessere Schulung der Sozialkompetenz sind die Verbesserungswünsche der Wirtschaft an die Unis.

Die gesamte Bildungsbedarfsanalyse findest Du hier zum Nachlesen.

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