"Tell Me Why" im Test: Das emotionalste Game 2020

Die Entwickler von "Life is Strange" legen ein weiteres komplexes Story-Game vor, das schwierige Themen anspricht.

Lange Zeit galt Telltale Games als Goldstandard was narrative Games angeht. Die Spiele hatten simple Mechaniken, oft hakelige Technik und einen zweckmäßigen Grafikstil, doch die Episoden-Games glänzten mit emotionalen Geschichten. Doch nach den gelungenen Anfängen mit "The Walking Dead" verlief man sich in allzu vielen Lizenzumsetzungen, die sich alle nach demselben Schema spielten. Es folgte schließlich die Insolvenz.

Obwohl der Name Telltale nun von einem neuen Studio getragen wird, hat die französische Spieleschmiede Dontnod längst das Erbe angetreten. Genau genommen übertrumpften die Entwickler des neuen Xbox- und PC-exklusiven "Tell Me Why" mit ihrem meisterhaften "Life is Strange" bereits die Telltale-Kollegen, als diese noch viele Episoden ihrer Game-Serien pro Jahr veröffentlichten.

Dontnod widmet sich immer wieder ernsten, herausfordernden Themen, etwa psychischer Gesundheit, Rassismus und moralischen Dillemas. In "Tell Me Why" befasst sich das Studio mit Tyler, einem Transgender-Protagonisten. Und das auf eine so einfühlsame Weise, dass das ganze Medium Videospiel in gewisser Weise einen Schritt nach vorne macht.

Dontnod

Eine Reise in die Vergangenheit

Die Zwillinge Tyler und Alyson waren zehn lange Jahre voneinander getrennt, die Freude des Wiedersehens wird aber von dem Anlass getrübt. Sie müssen das Haus ihrer verstorbenen Mutter verkaufen. Und damit kommen die Erinnerungen zurück. An jenes tragische Ereignis, das ihren Tod verursacht und die Geschwister vor all den Jahren auseinander gerissen hat. Dontnod versteht es meisterhaft, die Bindung von Tyler und Alyson darzustellen. Sie ist glaubhaft und wirkt nie aufgesetzt. Immer wieder werden Blicke in die Vergangenheit gewährt, in denen man die beiden zusammen aufwachsen sieht.

Spätestens bei den Rückblenden wird auch klar, dass Tyler besonders ist. Er ist ein Transmann, wurde also in einem weiblichen Körper geboren. "Tell Me Why" fokussiert sich nicht unangenehm auf diesen Aspekt seiner Geschichte. Er wird nicht verschwiegen, aber auch nicht plakativ herausgekehrt. Die Entwickler verzichten zudem zur Gänze auf Klischees, sondern zeichnen Tyler als voll verwirklichten Charakter. Und sie gehen behutsam mit Themen wie Transphobie und Deadnaming – also der Ansprache einer Person mit einem Namen, den sie abgelegt hat – um. Alyson hat ihre eigenen Kämpfe zu bewältigen. Sie leidet an psychischen Erkrankungen und Angstzuständen, mit denen sie im Laufe der drei Kapitel des Games zurechtkommen muss.

Suspense mit Logiklöchern

Die Beziehung von Tyler und Alyson trägt das gesamte Spiel. Die Suche nach der Wahrheit hinter dem Tod ihrer Mutter ist leider nicht ganz so stark. Zwar kann das Game mit jeder Menge Suspense aufwarten, einige Szenen wirken dann aber doch recht gehetzt. Man bekommt fast das Gefühl, dass doe Story in vier Episoden mehr Zeit zum Atmen gehabt hätte.

Noch dazu – und hier werden natürlich keine Spoiler verraten – klaffen in der Geschichte immer wieder Logiklöcher, was besonders schade ist, weil sich Dontnod bei der Erschaffung der Welt und der Charaktere solch große Mühe gegeben hat.

Interessant sind die Entscheidungen, die man immer wieder treffen muss. Sie sind subtil, aber beeinflussen den Spielverlauf. Eine besonders interessante Idee steckt hinter den Kindheitserinnerungen. Denn Tylers und Alysons Versionen der Ereignisse divergieren öfter mal. Das ist durchaus realistisch, denn das menschliche Erinnerungsvermögen ist hochgradis subjektiv. Als Spieler kann man sich in diesen Fällen aussuchen, welche Fassung der Vergangenheit wohl näher an der Wahrheit liegt.

Fazit

"Tell Me Why" ist nicht ganz so stark wie andere Dontnod-Werke, allen voran "Life is Strange", aber demonstriert dennoch eindrucksvoll, welch komplexe Themen man auch in Videospielen mit der nötigen Seriosität behandeln kann. Dabei wird das Game vor allem von den wunderbar geschriebenen Dialogen und Beziehungen der Figuren zueinander getragen. Es ist das wohl emotionalste Spiel des Jahres.

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