Am Sonntag war der Südtiroler in der Wiener Stadthalle noch der strahlende Sieger, gewann den Tennis-Klassiker in der Wiener Stadthalle und galt nicht nur deshalb beim Masters von Paris-Bercy als absoluter Titelkandidat. Allerdings entschied sich Sinner am Donnerstag zu einem vielbeachteten drastischen Schritt: Der 22-Jährige stieg freiwillig aus dem Turnier aus.
Sinner verzichtete damit auf das Achtelfinal-Duell gegen den Australier Alex de Minaur, der zog kampflos in die Runde der letzten Acht ein und bekommt es nun mit dem Russen Andrej Rublew zu tun.
Der Grund für den Rückzug des Weltranglisten-Vierten sind die fragwürdigen Spielansetzungen beim letzten 1000er-Turnier des Jahres. Sinner musste in seinem Zweitrunden-Spiel gegen Mackenzie McDonald in der Nacht zum Donnerstag eine echte Nachtschicht einlegen. Erst um 2.37 Uhr machte der Italiener den Aufstieg perfekt, setzte sich mit 6:7 (6), 7:5 und 6:1 durch. Schon um 17 Uhr hätte der Südtiroler für sein Achtelfinal-Duell gegen de Minaur wieder auf dem Court stehen sollen. Das war Sinner zu viel.
"Ich hatte weniger als zwölf Stunden Zeit, mich auszuruhen und mich auf das nächste Spiel vorzubereiten", rechnete der 22-Jährige vor. Nach dem Aufstieg stand noch eine obligatorische Pressekonferenz auf dem Programm. "Ich muss die richtige Entscheidung für meine Gesundheit und meinen Körper treffen", erklärte Sinner, der sich nun auf die ATP-Finals in Turin und den Davis Cup konzentrieren möchte – wichtigere Turniere für den Weltranglisten-Vierten.
Auch Österreichs Tennis-Star Dominic Thiem musste in seinem Erstrunden-Duell eine ähnliche Nachtschicht einlegen und verwertete den Matchball gegen den Schweizer Routinier Stan Wawrinka erst um 2.22 Uhr. Vor seinem Duell mit Boris Beckers Schützling Holger Rune hatte der Lichtenwörther aber einen Tag Pause.
Mit dem freiwilligen Rückzug setzte Sinner jedenfalls ein starkes Zeichen, der Südtiroler erhielt viel Zuspruch. Konkurrent Casper Ruud, die Nummer acht der Welt, schrieb etwa: "Bravo, ATP", und meinte in Richtung der Verantwortlichen: "Was für ein Witz!" Vasek Pospisil ergänzte: "Die ATP hat sich noch nie um die Spieler gesorgt." Der Kanadier ist in der von Novak Djokovic gegründeten Organisation vertreten, die die Spielerinteressen gegen die ATP durchsetzen möchte. "Im Jahr 2018 habe ich um 00.45 Uhr ein Spiel beendet und sollte dann um 13 Uhr bereits wieder spielen, kein Scherz. Alles, was man mir damals sagte, war: Das liegt im Rahmen der Regeln", so Pospisil. Der 33-Jährige spielte, erlitt einen Bandscheibenvorfall und musste neun Monate lang pausieren. Ein ähnliches Schicksal will Sinner nun vermeiden.
Kritiker halten dem Südtiroler aber entgegen, dass der Sieger des letzten Masters des Jahres immerhin 836.355 Euro verdienen könnte.