"Thermometer zerbrach, vergiftete mich mit Quecksilber"

Ulrich Lintl (43) von der Selbsthilfegruppe Amalgam-Quecksilber
Ulrich Lintl (43) von der Selbsthilfegruppe Amalgam-QuecksilberDenise Auer
Die Symptome einer Quecksilber- oder Amalgam-Vergiftung sind oft schwer zu erkennen. Zwei Betroffene erzählen von ihrem langen Leidensweg. 

Die Symptome sind diffus und vielfältig – bei Ulrich Lintl (43), Mit-Organisator der Selbsthilfegruppe Quecksilber-Amalgam in Wien, begann alles mit 13 Jahren: "Ich litt unter Müdig- und Antriebslosigkeit, hatte Gelenksschmerzen. Mehrere Untersuchungen brachten jedoch nichts zutage", erzählt der Wiener.

Mit 18 Jahren nahm der heute 43-Jährige dann sein Schicksal selbst in die Hand: "Ich ließ eine Magen- und Darm-Spiegelung durchführen, die brachte kein Ergebnis. Auch der Verdacht eines chronischen Müdigkeitssyndroms (CFS) bestätigte sich nicht. Doch eine Haarmineral-Analyse zeigte, dass ich massive Mineral-Mängel hatte", so Lintl. 

"Die Entgiftung war zäh und ein langwieriger Prozess" - Ulrich Lintl, Selbsthilfegruppe Quecksilber-Amalgam

Die endgültige Diagnose wurde schließlich anhand eines 24-Stunden-Urintests gestellt: "Mir wurden Chelatbildner (beschleunigen die natürliche Ausscheidung von im Körper angesammelten Schwermetallen, Anm.) gegeben, dann wurde der Urin in ein Spezial-Labor in die USA geschickt", erinnert sich Lintl. Das Ergebnis: eine massive Quecksilber-Vergiftung.

Der Wiener startete daraufhin sofort mit einer Entgiftungs-Therapie – doch der Erfolg setzte nur langsam ein: "Es war sehr zäh und ein langwieriger Prozess. Ich habe über viele Jahre immer wieder leichte Fortschritte gemacht. Meine Darmflora zum Beispiel war komplett beschädigt, die musste ich erst wieder in Schwung bringen", meint Lintl. 

Die Ursache: Ein zerbrochenes Fieberthermometer

Der 43-Jährige dachte lange über die Ursache der massiven Quecksilber-Vergiftung nach: "Es ist definitiv nicht von meinen Plomben. Es gibt eigentlich nur einen Vorfall, der mir einfällt. Als achtjähriges Kind habe ich einmal ein Fieberthermometer zerbrochen – über einem dampfenden Schnellkochtopf. Dabei dürfte ich die giftigen Dämpfe eingeatmet haben. Es hat dann aber fünf Jahre gedauert, bis die ersten Symptome aufgetreten sind", so Lintl.

Von Pontius zu Pilatus aufgrund ihrer unklaren Symptome lief auch Marianne M. (60): "Ich war ein sportlicher Mensch, habe mich gesund ernährt. 2012 begannen dann die Symptome – mir hat von Kopf bis Fuß alles weh getan. Ich hatte Schwellungen und einen Schleier vor den Augen, ständiges Brennen im Hals, Hautausschlag, enorme Mundecken und mein Kopf fühlte sich an wie in einem Schraubstock. Ich wurde immer schwächer und wusste, da stimmt etwas nicht."

"Ich hätte einen schweren allergischen Schock erleiden können" - Marianne M., Betroffene

Eine Gesundenuntersuchung ergab enorm schlechte Leberwerte: "Ich konnte mir das nicht erklären. Ich hab' zwar gerne ein Glaserl Wein am Abend getrunken, aber das war's", meint die 60-Jährige. Ein Allergietest brachte schließlich Gewissheit: "Bei den Schwermetallen, sprich Quecksilber, habe ich total ausgeschlagen. Wenn ich mit Amalgam in Berührung gekommen wäre, hätte ich einen schweren allergischen Schock erleiden können."

Die Wienerin vermutet, dass sie beim Ausbohren von mehreren Amalgam-Plomben die Quecksilber-Dämpfe über die Nase aufgenommen hat: "Die Abstände zwischen der Entfernung der einzelnen Plomben war offenbar zu kurz. Mein Körper konnte das Gift nicht abbauen." Nach der Diagnose startete sie sofort ein umfangreiches Entgiftungsprogramm: "Ich hab' fast alles, von Akupunktur bis zu Laser-Behandlungen, ausprobiert. Mein Immunsystem wurde zudem für zwei Wochen komplett hinuntergefahren, da ich so stark vergiftet war." 

Vergiftungs-Symptome können sich erst nach Jahren zeigen

Da noch nicht alle Amalgam-Plomben entfernt waren, suchte Marianne M. zudem einen Zahnarzt, der Wert auf besondere Schutzmaßnahmen legt: "Ich ließ mich nur noch mit einer Tauchermaske behandeln, damit ich die Dämpfe nicht einatmen kann. Außerdem wurde ich ausgetestet, welches Zahnmaterial ich am besten vertrage." Laut Marianne M. kann die Ausbohrung der Amalgam-Plomben jahrelang her sein, bis sich die Symptome bemerkbar machen: "Die Ärzte wussten lange nicht, was ich habe, es gibt leider nur sehr wenige, die eine Schwermetall-Vergiftung erkennen können."

Vier Jahre dauerte es, bis Marianne M. komplett von ihren 13 Amalgam-Plomben befreit war: "Die Diagnose hat mein Leben verändert, ich habe es komplett umgekrempelt. Ich färbe mir die Haare nicht mehr, esse viel vegetarisch, verzichte zum Beispiel auf Thunfisch. Ich achte jetzt genau darauf, was in Kosmetika und Arzneien drinnen ist", so die Wienerin.

"Eine chronische Quecksilber-Vergiftung wird nicht anerkannt" - Ulrich Lintl und Marianne M., Betroffene

Etwa 60 bis 80 Betroffene aus dem Wiener Großraum wurden in der Selbsthilfegruppe Quecksilber-Amalgam bereits betreut – eine Gemeinsamkeit haben alle: Es dauerte oft sehr lange, bis die Diagnose feststand: "Die Schulmedizin und die Behörden sprechen nur über eine Akutvergiftung. Leider äußert sich die chronische Quecksilber-Vergiftung sehr unklar, betroffen sind meistens Organe wie Leber, Niere oder das Rückenmark. Aufgrund dieser diffusen Symptome wird sie nicht anerkannt", kritisieren Lintl und Marianne M. 

Sie fordern, dass die chronische Quecksilber-Vergiftung ernst genommen wird: "Es muss mehr präventiv gearbeitet werden. Wir wollen daher Amalgam-freie Plomben, deren Kosten zur Gänze von der Krankenkasse übernommen werden. Auch  Quecksilber-haltige Produkte im Alltag gehören weg", so Lintl und Marianne M.

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