Thiem und sein Problem im Kopf

Dominic Thiem: Tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt 
Dominic Thiem: Tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt Imago Images
Tennis-Ass Dominic Thiem gewährte vor dem Turnier in Doha tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt. Er wagt heute einen Neustart – im Kopf. 

Heute ist ein großer Tennis-Tag. Roger Federer, der Maestro im Sport mit dem gelben Filz, gibt nach 13 Monaten und zwei Knie-Operationen sein mit Spannung erwartetes Comeback. In Doha trifft der 39-jährige Schweizer auf Daniel Evans (GB). Zuletzt schlug Federer bei den Australian Open 2020 auf, verlor mit Leistenproblemen das Halbfinale gegen Novak Djokovic (SER) 6:7, 4:6, 3:6.    

Federer ist 403 Tage ohne Matchpraxis. Spielt er sofort wieder ganz oben mit? Spielt er überhaupt noch oben mit? "Meine Reise ist noch nicht zu Ende", sagt er. "Ich will die Besten bei den großen Turnieren besiegen." Sein Ziel 2021 ist vorerst Wimbledon. "Alles was bis dahin kommt, ist Aufbau."

Thiem legt einen Neustart im Kopf hin

Dominic Thiem ist topgesetzt beim Turnier im Wüstenstaat, wo unter dem Center Court ein riesiges Porträt von Stefan Koubek hängt. Der Davis-Cup-Coach gewann dort 2002 das Turnier und weil es das erste der Saison war, führte er plötzlich das Champions Race an, war quasi die Nummer eins der Welt. Thiem trifft heute in der schmucken Arena unweit vom Meer auf Aslan Karazew (RUS), der bei den Australian Open sensationell ins Halbfinale einzog. Nicht nur Federer, auch Thiem legt heute einen Neustart hin. Nicht körperlich, sondern im Kopf.

Bekannt ist das, weil Thiem nach einer dreiwöchigen Pause – wieder einmal – tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt gab. In Zeiten der nichtssagenden Floskeldrescherei von Sportlern ist das speziell und für die Fans wohltuend. Thiem lässt die Menschen nicht nur bei seinen Ballwechseln wie früher Thomas Muster mitfiebern, er gibt auch abseits des Platzes etwas von sich preis. In Doha sprach die Nummer vier der Tennis-Welt über sein neues Verhältnis zu Niederlagen und damit unweigerlich auch über die überraschenden Nachwehen seines größten Triumphes – den Sieg bei den US Open 2020.

"Ich habe mein Karriereziel erreicht", sagte Thiem damals als Grand-Slam-Sieger zurück auf österreichischem Boden. Nur einen Aufschlag entfernt von der Alten Donau, wo sonst Angestellte einer heimischen Bank sehr billig Tennisspielen können, wurde der zweite rot-weiß-rote Grand-Slam-Sieger empfangen. Er stand im roten Sand, weil die Pressekonferenz standesgemäß auf einem Tennisplatz stattfand. Thiem merkte man an, dass er in den letzten 50 Stunden nur zwei schlafen konnte. Auf die Zukunft angesprochen, sagte er aber mit klaren Gedanken: "Ich erwarte von mir, dass ich die großen Turniere und die großen Matches in Zukunft mit mehr Lockerheit angehen kann und dann noch besser spielen werde."   

Trainer Massu öffnete Thiem die Augen

Bereits ein paar Wochen später – bei den ATP-Finals in London – merkte Thiem nach dem Halbfinalkrimi gegen Novak Djokovic (SER), dass dem nicht so ist. Und wieder sprach er das Erlebte ganz offen an. "Ich war im Tiebreak des zweiten Satzes so nervös wie nie", gab Thiem zu. "Nach meinem ersten großen Titel in New York dachte ich, dass ich ein bisschen ruhiger sein würde, aber das war scheinbar ein Fehler." 

Thiem besprach das Thema damals auch mit seinem Coach Nicolas Massu. Der Chilene öffnete ihm die Augen. Auch nach seinen Olympiasiegen innerhalb von 24 Stunden in Einzel und Doppel 2004 in Athen sei für ihn nichts leichter geworden. 

"Ich habe mir die Latte selbst richtig, richtig hoch gesetzt" – Dominic Thiem

Diese Lehre hat Thiem jetzt auch für sich gezogen – und noch mehr. Die Australian Open trugen das ihre dazu bei. Zuerst die Quarantäne, dann die sportliche Abfuhr. Nach der Fünfsatz-Schlacht gegen Nick Kyrgios (AUS) setzte es im Achtelfinale gegen Grigor Dimitrow (Bul) eine Dreisatz-Pleite. 0:6 im dritten Satz. Thiem war niedergeschlagen in den Tagen danach. Das lag auch am ständig dahin köchelnden Streit mit Ex-Mentor Günter Bresnik. Diesen Konflikt räumte er aktiv aus dem Weg. Erstmals überhaupt sprach er mit seinem Ex-Trainer und Ex-Manager nach der Trennung im Frühjahr 2019. Eine Abschlagszahlung hat das Thema beendet.   

Als nächstes will er die Sache mit dem Kopf angehen. Seine Ansprüche haben sich verschoben. Siege wurden zur Pflicht, Niederlagen zur Enttäuschung. Diese simple Gleichung will er jetzt so nicht gelten lassen.

"Ich habe mir selber die Latte richtig, richtig hoch gesetzt", sagte er in Doha. "Das machte die ganze Sache schwierig. Ich bin aus Australien mit einem schlechten und traurigen Gefühl abgereist." Drei Jahre vorher wäre er nach einem Aus in der vierten Runde "heimgeflogen und hätte mich gefühlt wie der König und wäre topmotiviert in die nächsten Wochen gegangen".

Thiem ist ehrlich. Wahrscheinlich ist er deshalb bei den jungen Menschen im Land so beliebt. Er schaffte es in der Weltsportart Tennis zu den Besten – und lässt alle an seinen Zweifeln teilhaben.  

"An das muss ich mich gewöhnen, das ist ein Lernprozess" – Dominic Thiem

Es klang auch ehrlich, als Thiem davon sprach, dass andere Profis, die in der Jugend stets erfolgreich und im Rampenlicht gewesen waren, sich leichter zurechtfinden. Alexander Zverev zum Beispiel, den er in New York im Finale der US Open besiegte, hätte selten Probleme mit dem Selbstbewusstsein, meinte Thiem. "Ich bin ein bisschen langsamer in die Rolle reingewachsen. Und deshalb wird es für mich vielleicht ein bisschen länger dauern, mit dem Ganzen gut umzugehen", schlussfolgerte der 27-Jährige. Sein Vorsatz: "Ich werde versuchen, mit dem Druck, den ich mir meistens selber auferlege, besser zurechtzukommen. An das muss ich mich gewöhnen, das ist ein Lernprozess."

Thiem hat schon mehr hingekriegt. Seine Karriere ist wie eine Bergtour. Es geht stetig bergauf. Etappe für Etappe. Wenn er etwas aus dem Weg räumen muss, erzählt er das. Man stelle sich einmal vor David Alaba würde so tiefe Einblicke gewähren. Jetzt nicht nur beim Vertragspoker.  

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