Thomas Unden, jener Arzt, der 2016 öffentlich verkündete, keine Asylanten und Flüchtlinge behandeln zu wollen, stand am Mittwoch wegen Wiederbetätigung vor Gericht.
Thomas Unden – dem Mann, der sich für einen der letzten Verwandten Hitlers hält – wird vorgeworfen, zwischen Oktober 2015 und Februar 2016 in Facebook-Einträgen sowie privatem Bildmaterial mehrmals gegen das Verbotsgesetz verstoßen zu haben. Bevor Richterin Nina Steindl den Angeklagten fragte, ob er sich schuldig bekennt, gab er den Anwesenden im Gerichtssaal zu verstehen, was er von der Anklage hält: Unden spielte den Ahnungslosen, der nicht wusste, wo sich die Anklagebank befindet.
Zuerst nahm der ehemalige Arzt Platz in den Reihen der Geschworenen, bis ihn die Gerichtsschreiberin daran erinnerte, am falschen Platz zu sitzen. Darauf hin spazierte Unden an der Anklagebank vorbei und setzte sich neben seinen Verteidiger. Erst als ihn die Richterin anwies, sich auf den Stuhl in der Mitte des Raumes zu setzen, konnte die Suche nach dem richtigen Platz erfolgreich beendet werden. Er bekannte sich "nicht schuldig".
Job weg und Schuldenberg
Unden hat einen erstaunlichen Karriereweg hinter sich. Vom zweifachen Doktor in Medizin und Philosophie sowie Dozententätigkeit und einer eigenen Arztpraxis wurde er 2012 erstmalig ein Medienstar in der ATV Reality Show "Das Geschäft mit der Liebe". Als er 2016 öffentlich erklärte keine Asylanten behandeln zu wollen, fiel er bei der Ärztekammer in Ungnade. Sie untersagten ihm weiterhin als praktischer Arzt tätig zu sein – seine Praxis verlor er. Nun bleibt ihm nur noch die Philosophie und 800.000 Euro Schulden.
"Soll ich mich jetzt selbst geißeln oder was?"
Philosophisch ausschweifend waren auch Undens Rechtfertigungen seiner Facebook-Tätigkeiten. Richterin Steindl und der Angeklagte befanden sich immer wieder am Rande eines hitzigen Streigesprächs. "Das (anm. die Vorwürfe) ist lächerlich! Sie müssen das im intendierten Kontext sehen. Hier wird ein Skandal fabriziert, wo keiner ist. Soll ich mich jetzt selbst geißeln oder was?".
Wenn es nach ihm geht, geht das Gericht sehr undiffernziert mit den geteilten Inhalten um. Die Gerichtsvorsitzende konterte: "Beantworten sie nur die Fragen – und nur die Fragen! Sie brauchen uns hier nicht ihr gesamtes Weltbild in aller Ausführlichkeit erklären." Nichts half, der 56-Jährige verlor sich erneut in kritischen Monologen über die Weltgeschichte und wieso er nichts mit der Nazi-Ideologie zu tun haben könne.
Zum Ausspruch "Meine Ehre heißt Treue" wiederholt der Angeklagte: "Das ist ein hoch humanistisches Ideal und das hat nichts mit den Nazis zu tun. Wer das ablehnt, lehnt auch das menschliche Existenzrecht ab." Ein Bild von ihm in Wehrmachtsuniform (inklusive Hakenkreuz) konnte Unden auch gut erklären: "Im Beisein meiner guten Freunde, die übrigens jüdisch sind, habe ich den Adolf gemimt. Ich kann Ihnen auch den Arafat machen, darin bin ich ziemlich gut."
"Ich wurde gehackt"
Tatsächlich können manche Facebook-Statusmeldungen Undens sachlich diskutiert werden, da sie keinen rechtsradikalen Hintergrund haben, wie etwa ein Artikel von den New York Times. Als es jedoch um einen Blog – eindeutig der rechtsradikalen Szene zuzuordnen – oder ein geteiltes Video (Inhalt: Eine Rede Hitlers) mit "Ich danke Adolf Hitler" kommentierte, soll der Beschuldigte einem Hackerangriff zum Opfer gefallen sein.
Der IT-Sachverständige Kurt Peter konnte nach eingehender Datenanalyse diese Vermutung nicht bestätigen: "Theoretisch ist es möglich, aber praktisch schließe ich das aus." Verteidiger Adrian Hollaender – der sein Plädoyer damit eröffnete, dass es absurd wäre als jüdisch-stämmiger Anwalt einen Neonazi zu verteidigen – betonte im Anschluss zu den Ausführungen des Sachverständigen: "Sie sagen jedoch, dass es technisch machbar ist!", deutet drauf hin, dass ein Hack-Angriff immer noch möglich ist.
Sieht sich als kritischen Geist
Seit Unden Berufsverbot erteilt wurde, sieht er sich einer öffentlichen Hexenjagd ausgeliefert. "Die von der Ärztekammer erklärten mir, 'wenn Sie Ihre Aussagen nicht öffentlich zurückziehen, dann war's das'", soll es geheißen haben. Selbst als seine Zukunft auf dem Spiel stand, wollte er seine Prinzipien nicht aufopfern.
Dann wurde der ehemalige Arzt dramatisch – eine bis zum Prozess unbekannte Geschichte sollte die Geschworenen umstimmen: "Um meine Praxis herum wurden 2016 plötzlich vier Flüchtlingsheime eingerichtet. Nachdem ich mich in meiner eigenen Praxis mit einem Tschetschenen prügeln musste, der mit einem Messer einen Krankenstand erzwingen wollte, hat es mir gereicht. Das wäre mein Ruin gewesen. Ich will niemanden behandeln, der noch nie einen Cent in die Kasse einbezahlt hat!"
Urteil
Für die Geschworenen dürfte der Arzt schon genug Verluste im Leben hingenommen haben. Sie entschieden: 1,5 Jahre bedingte Haft – nicht rechtskräftig.