Europas letzte vollständig integrierte Penicillin-Fabrik steht vor dem Aus. Der Sandoz-Standort im Tiroler Kundl kann mit der Konkurrenz aus China kaum mithalten. Dort werden dieselben Antibiotika zu deutlich niedrigeren Kosten produziert.
Die billigen Preise entlasten zwar die Gesundheitssysteme, bedrohen aber die Existenz des Werks. Es ist die einzige Anlage in Europa, die Penicillin vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt herstellt.
Müsste der Standort schließen, wäre Europa bei diesem lebenswichtigen Antibiotikum "vollständig abhängig" von China, sagte Standortleiterin Stephanie Jedner nach Angaben von n-tv, das sich auf die Nachrichtenagentur Reuters beruft.
Die Zahlen sind alarmierend: Chinas Anteil an den EU-Importen von Penicillin ist von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 86 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind die europäischen Exporte auf weniger als ein Fünftel ihres Höchststands geschrumpft.
Sandoz wirft China vor, den Markt mit billigen, staatlich subventionierten Wirkstoffen zu überschwemmen. Im März reichte der Konzern deshalb eine Antidumping-Beschwerde bei der EU-Kommission ein.
Ein großes Problem sind die hohen Energiekosten in Europa. Das Werk in Kundl mit seinen mehr als 2.000 Beschäftigten verbraucht laut Jedner so viel Strom wie die Großstadt Innsbruck. Die EU-Strompreise für die Industrie lagen 2025 fast 50 Prozent über dem chinesischen Niveau.
Sandoz-Chef Richard Saynor fordert ein Umdenken: "Ich finde es beunruhigend, dass wir eine Packung Antibiotika billiger verkaufen als eine Packung Ricola in der Schweiz oder einen Mars-Riegel in Großbritannien." Sein Appell: "Wir halten viele dieser Dinge für selbstverständlich – bis sie nicht mehr da sind."