Tochter (13) starb qualvoll: Eltern bestreiten nun Mord

Prozessauftakt heute in Krems: Mutter und Vater müssen sich wegen Mordes verantworten. Sie hatten der schwer kranken Tochter (13) keinen Arzt gerufen.
Unter großem medialen Interesse startete heute der zweitägige Mordprozess gegen ein Elternpaar aus dem Bezirk Krems-Land – die Eltern hatten ihre schwer kranke Tochter nicht behandeln lassen ("Heute" berichtete).

Der in Usbekistan geborene Vater (39) und die Mutter (35), beide deutsche Staatsbürger, waren vor gut sechs Jahren mit ihren bis dahin sieben Kindern in den Bezirk-Krems gezogen und lebten von Familienbeihilfe und der Unterstützung der Gemeinde.

Beide Elternteile gehören seit der Geburt der Glaubensgemeinschaft "Gemeinde Gottes" (sie glauben nicht an die Evolutionstheorie, Gott hat die Welt erschaffen, Anm.) an, die Kinder durften nicht in den Kindergarten oder in die Schule, auch ein Arzt war tabu.

CommentCreated with Sketch.24 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Drama bereits 2017

Bereits im Jahr 2017 war ein Schreiben ans Jugendamt gegangen: "Es geht um eine Familie aus dem Örtchen X (Anm.: wird aus Datenschutzgründen nicht genannt). Die Eltern sind radikal konservativ christlich und haben Deutschland unter anderem verlassen, um der Schulpflicht zu entgehen. Sie verweigern aus Glaubensgründen auch jede medizinische Hilfe. Momentan ist eine ihrer Töchter, (...), sehr krank. Sie ist 11 Jahre alt, kann kaum mehr laufen und wiegt gerade mal 25 Kilogramm. Nachts schreit das Kind vor Schmerzen. Die Eltern wollen keinen Arzt, weil sie glauben, dass Gott das Kind heilen muss – oder auch nicht und dann ist es eben der Wille Gottes. Die Schwester der Mutter des Kindes wandte sich an die Behörden und ich hörte vorgestern von diesem Fall."



Daraufhin besuchte laut Anklage eine Sozialarbeiterin die Familie. Erst auf ihr Drängen wurde die 11-Jährige in lebensbedrohlichem Zustand ins Spital gebracht. Damals wog die Kleine nur noch 22 Kilogramm. Die medizinische Diagnose war sehr ernst: chronische Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsen-Entzündung: Hier von den netdoktor-Experten erklärt).

Das Mädchen wurde schließlich ins SMZ Ost gebracht und behandelt, ihr Zustand besserte sich. Nach nur acht Tagen wurde die Elfjährige auf Drängen der Eltern schließlich am 16. Juni 2017 entlassen. Die Eltern wussten Bescheid über die chronische Erkrankung, das arme Kind war bis zu ihrem Tod am 17. September 2019 nie wieder bei einem Arzt.

"Du musst sterben"

Die Eltern wussten laut Anklage, dass ihre Tochter Höllenqualen litt, Blut hustete und Atemnot hatte. Laut Anklage hätte die 13-Jährige in den zwei Jahren regelmäßig medizinisch überwacht werden müssen, hätte durch Diät und andere Maßnahmen ein annähernd normales Leben führen können. Kurz nach ihrem 13. Geburtstag, am 7. September 2019, klagte das Mädchen neuerlich über Bauchschmerzen, aß weniger. Am 16. September konnte die 13-Jährige nur noch bis zur Toilette gehen und Tee nippen. Die Eltern erklärten an diesem Tag ihrer Tochter, dass sie sterben müsse. Keiner rief einen Arzt oder dachte nur daran. Am 17. September fiel sie in ein diabetisches Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte.

Eltern sahen Tochter beim Sterben zu

Unfassbar: Die Eltern saßen die ganze Zeit neben dem Bett und sahen ihrer Tochter beim Sterben zu, fanden sich damit ab. Zum Zeitpunkt des Todes wog das Mädchen bei 160 Zentimetern Körpergröße nur noch 30 Kilogramm. Das Kind starb infolge einer Zuckerstoffwechsel-Entgleisung aufgrund der bereits 2017 diagnostizierten Bauchspeicheldrüsen-Entzündung.

Beide Elternteile wurden von der Staatsanwaltschaft Krems wegen Mordes angeklagt: Sie hätten die Grunderkrankung zwar nicht verursacht, ließen jedoch keine medizinische Behandlung zu. Der Vater meinte laut Anklage nach dem Tod seiner Tochter nur: "Und wenn Gott es so will, dass sie stirbt, dann soll man von außen nicht eingreifen. In der Evolution setzte sich nach Gottes Wille der Stärkere durch."

"War kein Mord"

Beim Prozessauftakt am heutigen Dienstag erschienen die 35-Jährige und der 39-Jährige bieder gekleidet mit Gerichtssaal. Er trug ein Hemd, eine schwarze Stoffhose und Gesundheitsschlapfen. Der Mann präsentierte sich vor Gericht als Missionar, gab an, in Afrika Brunnen gebaut zu haben. Die 35-Jährige wirkte älter als ihr tatsächliches Alter, war züchtig mit weiter Hose und Bluse gekleidet.

Staatsanwältin Kristina Resch schilderte nochmal die letzten dramatischen Stunden des Kindes: "Bei einer Größe von 1,60 Meter hatte das Mädchen nur noch 30 Kilo. Es war zu schwach, um zu essen, sich zu waschen oder sich anzuziehen. Die Angeklagten schauten nur zu und beteten. Dann wurde der Zustand des Kindes immer dramatischer. Doch selbst als das Kind in ein diabetisches Koma fiel, sahen die Angeklagten nur zu." Die Eltern sollen laut Anklage nur auf Gott vertraut haben, sich an den Händen gereicht und weiter gebetet haben. "Hätten sie nur einen Anruf getätigt, hätten wir heute keinen Mordprozess, sondern eine noch lebende 13-Jährige", so die Anklägerin.

Eltern räumen Fehler ein

Die Eltern räumten einen Fehler ein – sie hätten die Entscheidung Gott überlassen. Die Anwälte der Eltern, Rudolf Mayer und Zaid Rauf, unterstrichen nochmals: "Die Eltern haben gefastet, gebetet und auf Gott vertraut." Laut Anwälten läge zwar eine Vernachlässigung vor, aber kein Mord. "Es war eine Vernachlässigung mit Todesfolge", so Mayer.

Die Kernfrage für die Geschworenen ist: Haben sie sich mit dem Tod ihrer Tochter abgefunden? Der Prozess ist für zwei Tage anberaumt, da aber bereits Gerichtsgutachter Wolfgang Denk mit seiner Expertise fertig ist, könnte sich noch heute ein Urteil ausgehen. Im anderen Fall: Urteil nächsten Dienstag.

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Krems an der DonauNewsNiederösterreichKinderMord/TotschlagGericht

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