So unzufrieden sind Österreichs Pflegekräfte

"Wo drückt der Schuh?" wollte die AK im Rahmen einer Umfrage wissen. Die Ergebnisse zeigen, dass es bei den Rahmenbedingungen hapert.
Um mehr über die Arbeitssituation der vielfältigen Gesundheitsberufe zu erfahren, hat die AK Wien von Mitte Oktober bis Ende Dezember 2018 eine Online-Befragung unter dem Titel "Wo drückt der Schuh?" durchgeführt.

Über 17.000 Mal wurde der Fragebogen ausgefüllt. Die Ergebnisse zeigen, dass es mehr als eine schmerz­hafte Druckstelle gibt.

Rahmenbedingungen



Einmal mehr zeigt sich laut der AK-Studie: Angehörige der Gesundheitsberufe sind mit ihrem erlernten Beruf grundsätzlich zufrieden. Sie mögen ihre Arbeit. Der Knackpunkt sind eindeutig die Rahmenbedingungen.

CommentCreated with Sketch.14 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Große Unzufriedenheit herrsche etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei der Anerkennung durch andere, bei der Unterstützung durch Vorgesetzte und dem Einkommen. Innerhalb der Berufsgruppen fühlen sich Arbeitnehmer in Krankenhäusern und Pflegeheimen am meisten benachteiligt. Sie sind bei acht von zwölf Faktoren deutlich unzufriedener als die Kollegen aus anderen Bereichen. Die Arbeiterkammer ortet daher akuten Handlungsbedarf.

Überstunden, Arbeitszeit



Die Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeit sei ein Dreh-und Angelpunkt für die Zufriedenheit. Befragte, die regelmäßig genauso viele Stunden arbeiten, wie sie mit dem Arbeitgeber vereinbart hatten, waren in allen Bereichen deutlich zufriedener als jene, die von regelmäßigen Mehr- und Überstunden berichteten.

Eingehaltene Dienstpläne ermöglichen immerhin planbare Arbeitszeiten, ein planbares Privatleben und damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nur bei vier von zehn Befragten wird das vereinbarte Arbeitsausmaß regelmäßig eingehalten. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) sagten, dass sie regelmäßig mehr Stunden pro Woche als vereinbart arbeiten müssen.

Aus Sicht der AK ist diese Dauerbelastung durch Mehrarbeit ein unhaltbarer Zustand. Die permanente Überanstrengung gefährde die Gesundheit der Beschäftigten und stelle ein Sicherheitsrisiko für Patienten dar.

Jüngeres und männliches Personal unzufriedener



Die Ergebnisse der Studie zeigen laut AK außerdem, dass der Nachwuchsmangel in Gesundheitsberufen wohl auch an oben genannten Arbeitsbedingungen liegt. "Die Arbeitsplätze sind nicht attraktiv genug. Es hapert aus Sicht der jungen Menschen beim Arbeitszeitausmaß, der Dienstplangestaltung, den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch beim Einkommen", heißt es.

Auch zeigten sich in der Befragung Männer deutlich unzufriedener als Frauen. Die Unterschiede waren bei den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und beim Einkommen am größten.

Gedanken über Jobwechsel



Diese Unzufriedenheit führt laut Umfrage auch dazu, dass ein Viertel aller Befragten zumindest einmal im Monat – und fünf Prozent gar täglich – über eine Kündigung nachdenkt.

"All das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um ausreichend Personal in unseren Krankenhäusern oder Pflegeheimen zu sichern. Junge Menschen brauchen planbare Arbeitszeiten, gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, attraktive Einstiegsgehälter und interessante berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Ältere Berufstätige brauchen Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, länger und gesund im Beruf zu bleiben. Imagekampagnen allein werden da nicht weiterhelfen", erklärte AK-Präsidentin Renate Anderl im Zuge der Präsentation der Umfrage.

Sofortmaßnahmen gefordert



Besonders in den drei Bereichen Einkommen, Personal und Sicherstellung der Finanzierung bestehe dringend Handlungsbedarf. Was die Bezahlung betrifft, fordert die Arbeiterkammer eine finanzielle Anerkennung der Qualifikationsniveaus und der Verantwortung in der Praxis, sowie eine Angleichung der Löhne in der Langzeitpflege an jene in den Krankenhäusern.

Um eine erste unmittelbare Entlastung für das Personal in den Gesundheitsberufen zu schaffen, werden Programme zur Umsetzung von österreichweit 20 Prozent mehr Personal in Krankenanstalten und in der Langzeitpflege gefordert.

Mehr Geld für Pflege



In den Entwürfen der Regierung für das Krankenanstalten-Arbeitsgesetz sieht die AK statt einer Entlastung allerdings eine weitere Belastung: "Denn die vorgeschlagene Neuregelung der Rufbereitschaft sieht eine Verkürzung der täglichen Ruhezeit vor", betont Anderl. Bei Arbeiten während der Rufbereitschaft soll der nächste Dienstantritt schon nach fünf statt wie bisher elf Stunden erlaubt sein. Endet eine Tätigkeit während der Rufbereitschaft etwa um 2 Uhr nachts, wäre ein Dienstantritt um 7 Uhr früh möglich.

Außerdem appelliert die AK an die Regierung, für eine solide Finanzierung zu sorgen. "Wir brauchen keine Lippenbekenntnisse, sondern Geld. Es muss uns allen klar sein, dass Investitionen in bessere Rahmenbedingungen für die Gesundheitsberufe keine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit sind. Es gibt nichts Wichtigeres als unsere Gesundheit, wer hier auf der Kostenbremse steht, gefährdet damit buchstäblich Leben", warnt Anderl.

Regierung kündigte Reform an



Die zuständige Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) hat bis zum Jahresende ein Konzept für Neuerungen im Gesundheits- und Pflegewesen versprochen. Zusätzlich sind Imagekampagne für den Pflegeberuf und Gespräche mit Hilfsorganisationen, Interessenvertretungen und Ländern geplant.

Die Reform solle in drei Schritten ablaufen: Organisation, Imageverbesserung des Pflegeberufs und Finanzierung. "Es muss eine Motivation für junge Menschen geben, in den Pflegeberuf einzusteigen", hatte die Ministerin Anfang des Jahres angekündigt.

Lesen Sie dazu: "Daheim statt Heim" – das ist der Pflege-"Masterplan" >>>

(ek)

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