Ein anonymes Schreiben landete in den Briefkästen einer Basler Liegenschaft in der Schweiz. Der Verfasser bezeichnet sich als Opfer des als Kinderschänder angeprangerten Mannes.
"Es ist nun endlich an der Zeit, dass diese Pädophilen zur Rechenschaft gezogen werden", steht auf Flugblättern, die im Januar in den Briefkästen einer Kleinbasler Liegenschaft verteilt wurden. Bei den Beschuldigten handelt es sich um Mitarbeiter einer namentlich genannten Firma, die dort ansässig ist. Ebenfalls namentlich genannt wird ein Angestellter, der sich "2017 an kleinen, wehrlosen Jungen vergriffen" haben soll.
Es folgt ein Aufruf an weitere Geschädigte, sich an die Medien oder die Polizei zu wenden, "damit diese endlich reagieren". Gezeichnet ist das anonyme Schreiben mit "einer der genötigten Jungen". Es handle sich um eine Aufklärungsaktion, heißt es weiter.
Firma suchte Gespräch mit Nachbarn
"Das ist kein Bubenstreich mehr", heißt es seitens der betroffenen Firma. Sie dementiert die Vorwürfe, die im anonymen Schreiben geäußerst werden. Sowohl das Unternehmen als auch der beschuldigte Mitarbeiter hätten Anzeige erstattet. "Wir haben sogar die Flyer abgegeben, damit sie forensisch untersucht werden können", sagt ein Kadermitglied gegenüber 20 Minuten.
Die Flyer landeten auch in den Briefkästen von Familien. "Ich ging von Tür zu Tür, um mit den Nachbarn zu sprechen. Dort wohnen Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen", so das Kadermitglied. "Wir können uns das überhaupt nicht erklären", heißt es. Der Mitarbeiter im Visier des Unbekannten verbringe sehr wenig Zeit in der Schweiz, weil er beruflich im Ausland unterwegs sei.
Staatsanwaltschaft weiß von nichts
Es ist unklar, ob das Flugblatt auch in weiteren Liegenschaften im Quartier verteilt wurde. Bei der Basler Staatsanwaltschaft ist der Fall aber offenbar noch nicht angekommen. "Das von Ihnen zugestellte Schreiben ist für die Staatsanwaltschaft neu", teilte Kriminalkommissär Peter Gill am Mittwoch auf Anfrage mit. Man werde den Inhalt auf strafrechtliche Relevanz prüfen.
Ähnlicher Fall in Solothurn
Im Oktober vergangenen Jahres wurde im Kanton Solothurn ebenfalls eine Person öffenlich wegen Pädophilie angeprangert. Dort hingen die Flyer an Busstationen in der Wohngemeinde des Beschuldigten. Er wurde nicht nur namentlich genannt, inklusive Adresse, sondern es wurde auch ein Bild von ihm gezeigt. Der Wortlaut des Schreibens ist über weite Strecken identisch mit jenem auf dem Basler Flugblatt.
Der im solothurnischen Angeprangerte war vor Jahren wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen verurteilt worden. Er hatte im Alter von 20 eine 15-jährige Freundin, wie Medien damals berichteten. Laut einem Gutachten ist er aber nicht pädophil.
Ermittler tappen im Dunkeln
Die Solothurner Kantonspolizei erstattete in der Folge Anzeige gegen Unbekannt wegen Drohung, übler Nachrede und Verleumdung. Zum Prozess ist es aber bis dato nicht gekommen. "Die Anzeige ist bei der Staatsanwaltschaft hängig", wie diese auf Anfrage bestätigt. (red)