Szene

Und jetzt eine Portion Freistätter für Erik & Erika

Heute Redaktion
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Von diesem jungen Mann werden Sie noch einiges hören. Vier Filme in einem Jahr, darunter Reinhold Bilgeris Biopic "Erik & Erika". Markus Freistätter im "Heute"-Interview:

Wer hätte das gedacht. Innerhalb von fünf Jahren spielte sich Markus Freistätter (28) vom Theater in der Josefstadt über das Theater der Jugend bis hin zu "Soko Donau" und den "Cop Stories". 2015 spielte außerdem in "Alma – A Show Biz ans Ende" von Paulus Manker mit. 2017 dürfte aber ein ganz besonderes Jahr im Leben des Jungschauspielers sein, denn innerhalb eines Jahres durfte sich der Mime regelrecht beim Film austoben.

Als Frau eine Sensation - als Mann ein Skandal

Hinzu kommt, dass Freitsätter heuer auch Botschafter für den "Life Ball" sein darf - noch dazu mit seinen ehemaligen "Josefstadt-Kollegen", Direktor Herbert Föttinger und ESC-Sonnenschein Nathan Trent - als "Familie Trapp". Am 2. März startet aber erst einmal Reinhold Bilgeris berührendes Biopic über den Ski-Weltmeister Erika(a) Schinegger, der von der Ski-Sensation zur PR-Sensation wurde.

Die Laune der Natur mit dem "Y"-Chromosom

Und das alles nur, weil die Laune der Natur dem armen Mädl einen Streich gespielt hat. Bis zum 19. Lebensjahr dachte Erika Schinegger, sie sei eine Frau. Erst durch einen zufälligen Test für die Winterspiele in Grenoble entdeckte man ein "Y"-Chromosom bei der Weltmeisterin. Was folgte war ein sprichwörtlicher Alptraum für den Menschen, der einfach nur Skifahren wollte. Vom Skiverband verbannt musste sich Erika zahlreichen, schmerzhaften Operationen unterziehen, bis sie schließlich das wurde, was sie organisch immer war: Ein Mann!

"Der kalte Schnee hat ihr Herz erwärmt"

Diese nicht gerade einfache und zutiefst intime Rolle spielt Freistätter mit Bravour! In seinen Augen spiegelt sich erdrückende Einsamkeit gepaart mit extremer Unsicherheit wieder. Gleich zu Beginn des Filmes taucht man bei Schneetreiben mit dem so schönen Satz von Ulrike Beimpold "Der kalte Schnee hat ihr Herz erwärmt" in die Geschichte ein.

Authentisch, unglaublich nah und ehrlich legt Freistätter seine "Doppelrolle" an. Der Film besticht durch unglaublich schöne Bilder, großartige Schauspieler, ein exzellentes Buch und einen Regisseur, der weiß, wie man den Zuseher fesselt. Ungelogen ist dieser Film ein kleines "Kunstwerk". Ganze drei Jahre lang hat Markus Freistätter sein Herzblut in diesen Film gesteckt. "Heute" traf den Schauspieler im "Café Jelinek" zum Interview:

"HEUTE": Markus, wie sind Sie eigentlich an die Rolle des Erik/Erika herangegangen?

Markus Freistätter: Ich hatte zunächst einmal wahnsinniges Glück, denn ich hatte fast ein Jahr Zeit. Das war ein Geschenk. Vorbereitet habe ich mich zunächst ganz klassisch - angefangen mit Biografien zu lesen, DVDs anzuschauen bis hin zu Archivmaterial durchforsten. Der ORF hat mir da liebenswerterweise jede Menge Archivmaterial zur Verfügung gestellt. Es gibt von Kurt Meier eine Doku-Verfilmung über Erik Schinegger und die hab ich fast auswendig gelernt. Bis hin wo ich Erik Schinegger persönlich besucht hab und viel mit ihm gesprochen habe. Es gab ein vorbereitetes Konzept: Sein Leben! Und in diesem Rahmen konnte ich mich austoben. Darin hatte ich viel Freiraum.

"HEUTE": Inwiefern hat Ihnen Erik Schinegger dabei geholfen?

Markus Freistätter: Mit allem. Ich war bei ihm zu Hause und wir haben acht Stunden lang nur geredet. Ich durfte ihn alles fragen - bis ins kleinste private Detail. Informationen, die ich im Film nicht verwendet hab, die aber für mich wichtig waren, wie ich Dinge gesehen und gespielt hab. Und natürlich habe ich auch ein halbes Jahr sehr viel trainiert. Ich habe 5 Kilo zugenommen, ich hab Muskeltraining gemacht, weil ich ja einen Sportler spiele: Ich hatte ein Skitraining auf historischen Skiern.

"HEUTE": Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Reinhold Bilgeri?

Markus Freistätter: Er hat mir sehr geholfen. Wir haben viel geredet im Vorfeld, geprobt und irgendwann hat er gesagt: "Markus, es ist alles gut, und jetzt mach dein Ding draus" Jetzt möchte ich, dass du dem Erik eine Portion Freistätter reindrückst!"

"HEUTE": Eine Herausforderung, oder?

Markus Freistätter: Im ersten Moment befreiend, weil man dann nicht nur nach dem Schema "Ich möchte mich bewegen wie Erik" oder "Ich möchte sein wie Erik" spielt.

"HEUTE": Aber Sie haben schon versucht sich an die reale Person Erik Schinegger anzulehnen?

Markus Freistätter: Nicht bewusst, das ist eigentlich mehr von selbst passiert.

"HEUTE": Was glauben Sie ist das Geheimnis, wie man eine Rolle vom Papier zum Leben erweckt?

Markus Freistätter: Wenn ich das so einfach sagen könnte. Da spielen ganz viele Faktoren mit. Wie eine Geschichte zum Leben erweckt wird ist wohl gerade das Spannende, sowohl am Theater als auch beim Film. Wenn man ein Drehbuch bekommt, es liest und sich dann ein halbes, dreiviertel Jahr später am Set trifft, dann macht man es einfach, es lebt es automatisch. Das sind vor allem auch Dinge, die man von Aussen sagen kann, der Zuseher, der Regisseur.

"HEUTE": Gab es im Laufe der Dreharbeiten eine besondere Situation für Sie?

Markus Freistätter: Es gab einen großartigen Moment für mich bei den Dreharbeiten und für meine Hauptpartnerin, Marianne Sägebrecht. Wir haben eine bestimmte Szene geprobt und dann gedreht. Da hat es sich trotzdem noch wie eine Probe angefühlt. Daraufhin haben wir uns kurz besprochen, zwei Sätze, zwei Wörter geändert, nicht mehr. Und plötzlich war es keine Probe mehr. Dann hat's gelebt - für uns! DAS war für mich besonders in diesen sieben Wochen der Dreharbeiten mit Marianne, mit allen Kollegen. Aber Marianne und ich haben uns so sehr vertraut, wir haben es gelebt. Das war richtig schön.

"HEUTE": Marianne Sägebrecht spielt ja im Film eine wichtige Figur für Erik.

Markus Freistätter: Wenn nicht sogar die Wichtigste. Marianne spielt die Klosterschwester, die sich sehr um Erik gekümmert hat und auch sofort verstanden hat, dass Erik ein Mann ist. Und ihm dann geholfen hat, das auch durchzuziehen und ihm durch den ganzen Prozess zur Seite gestanden ist.

"HEUTE": Und wie war es, neben dem großen Cornelius Obonya zu spielen?

Markus Freistätter: Großartig! Ich habe ja bereits 2015 mit Cornelius Obonya für "Cop Stories" gedreht. Er hat sich gleich daran erinnert. Das fand ich sehr respektvoll. Die Arbeit mit ihm war großartig, er hat ja auch einen unglaublich guten Humor - und das auch am Set. Wir hatten Drehtage, die sehr, sehr lustig waren, aber immer im Rahmen! Er ist ein Mensch mit einem unglaublich respektvollen Umgang mit Kollegen und Kolleginnen.

"HEUTE": Was war denn die größte Herausforderung beim Dreh für Sie? Gab es eine Situation wo Sie zu sich gesagt haben "Das ist jetzt schwierig für mich"?

Markus Freistätter: Ich glaube die Kombination aus ganz vielen Dingen. Es gab keine bestimmte Situation. Sich selbst Freiraum zu geben und zu spielen!

"HEUTE": War das für Sie nicht unangenehm mit Perücke und Frauenkleidern?

Markus Freistätter: Nein, gar nicht. Man verbringt sehr viel Zeit in der Maske und man ist ja in einem intimen Rahmen. Viele, viele Stunden, wo man von Erik auf Erika und umgekehrt geschminkt wird. An manchen Tagen sogar mehrmals.

"HEUTE": War Erika für Sie vor der "Richtigstellung", wie sie es laut Erik Schinegger titulieren, eigentlich anders als Erik?

Markus Freistätter: Sagen wir so: Das Bewusstsein des Menschen ist ein anderes, die Figur ist ja die selbe. Es geht nur um das Bewusstsein der Situation. Das war natürlich schon spannend und herausfordernd das tageweise zu switchen. Wo bin ich, was weiß ich schon von mir, was weiß ich noch nicht.

"HEUTE": Sind Sie bei Castings noch nervös?

Markus Freistätter: Das kommt ganz darauf an. Bei "Erik & Erika" zum Beispiel gar nicht. Nicole Schmied hat für den Film gecastet und ich war komischerweise gar nicht nervös. Aber ich kenne diese Nervosität natürlich gut, egal ob beim Theater oder Film. Man stellt sich dieser Jury, jemand bewertet einen, was man auch lernen muss. Denn sie bewerten nicht dich als Person, das ist ganz wichtig!

"HEUTE": Sie haben vorhin kurz Moritz Bleibtreu angesprochen. Ist er eine Art Vorbilder für Sie?

Markus Freistätter: Vorbilder habe ich eigentlich keine, vielleicht ist es mehr eine Art Inspiration. Es gibt einfach Schauspieler wie zB. Moritz Bleibtreu, die ich unglaublich schätze und deren Arbeit ich gut finde.

"HEUTE": Heißt, Sie würden gerne einmal mit Moritz Bleibtreu drehen?

Markus Freistätter: (lacht) Ja, ich würde sehr gerne auch einmal mit Moritz Bleibtreu drehen.

"HEUTE": Haben Sie eigentlich so eine Art Traumrolle?

Markus Freistätter: Nein, es gibt bei mir nicht DIE eine Rolle, sondern ich möchte mich in diesem Beruf weiterentwickeln und austoben können. Einfach verschiedene Figuren und Geschichten erzählen. Sich immer wieder in neue Geschichten fallen lassen können, selber als Schauspieler über Grenzen gehen zu können und dadurch immer wieder neue Seiten an sich zu entdecken, darum geht's mir.

"HEUTE": Wie war es für Sie nach Ende der intensiven Dreharbeiten? Ist man da nicht traurig wenn es vorbei ist? Viele Schauspieler fallen ja danach in eine Art Loch?

Markus Freistätter: Es ist immer so, dass man durch eine Produktion, egal ob bei Bühne oder Film, in eine Art "Familie" kommt. Und natürlich ist es danach immer ein kurzes Loslassen. Man findet diese Menschen aber immer wieder, nur in anderen Konstellationen - sofern man den Beruf weitermachen darf. Ja, es ist immer ein Abschied nehmen und es ist nicht immer leicht, aber es gehört vollkommen dazu. Und das ist gut so.

"HEUTE": Sie hatten ja dann das große Glück , kurz darauf bereits den nächsten Film zu drehen. Wieder mit einer Hauptrolle.

Markus Freistätter: Genau! Ich hatte direkt danach, also zwei Monate nach Drehende zu "Erik & Erika" meine zweite Kinoproduktion ("Die letzte Party deines Lebens"). Da haben wir dann auch nochmal sieben Wochen gedreht. Ein komplett anderes Thema: Ein Horrorfilm!

"HEUTE": Glauben Sie an die Zukunft des österreichischen Horrorfilms?



Markus Freistätter: Auf jeden Fall!

"HEUTE": Wie ist es denn eigentlich, bei einem richtigen Horrorfilm mitzuspielen? Gruslig?

Markus Freistätter: Es kann sehr technisch sein, ein Gemetzel zu drehen, mit Schlägerein und mit Toten - Großartige Maske übrigens! Man blickt plötzlich hinter die Kulissen und sagt sich "Ah, so schaut das also aus!" Wenn man das dann danach ansieht ist man trotzdem noch gefesselt und das ist das Schöne daran.

"HEUTE": Sie waren auch in echt schon einmal beim "X-Jam", richtig?

Markus Freistätter: Ja, ich war selber auf Maturareise beim "X-Jam 2010", was für mich natürlich sehr sehr spannend war, alleine die Tatsache, dass ich sieben Jahre danach auf "X-Jam" einen Horror-Thriller drehe (lacht).

"HEUTE": Und wann war eigentlich wirklich die "Letzte Party Ihres Lebens"?

Markus Freistätter: Mal überlegen, das ist nicht lange her aber ich bin kein großer Partylöwe.

"HEUTE": Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?

Markus Freistätter: (überlegt lange!) Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke eigentlich nicht so weit in die Zukunft (überlegt)...ich hoffe wieder hier - mit einem Interview mit Ihnen! (lacht).

"HEUTE": Na das hoffe ich auch.

Markus Freistätter: Man kann ja den Lauf der Dinge nicht immer beeinflussen. Man kann und soll natürliche seinen Weg verfolgen und gewisse Ziele anstreben, aber auch mit dem arbeiten was kommt. Also wo sehe ich mich in fünf Jahren? Ich hoffe mit mir glücklich, gesund und mit meiner Familie.

"HEUTE": Abschließend: Was würden Sie jungen Schauspielern noch mit auf den Weg geben?

Markus Freistätter: Man soll nie aufgeben! Man soll gewisse Entscheidungen wie bei Castings oder Vorsprechen niemals persönlich nehmen. Man muss auch mit sich selbst weitestgehend zufrieden und glücklich sein,wenn man nach Hause kommt. Es ist kein 08/15-Job. Angst ist auch nicht gut. Eine gute Portion Mut und Respekt sind ganz wichtig. Und: Man soll und muss an sich arbeiten, kämpfen und das Ziel nicht verfehlen. Schauspiel ist eine ganz, ganz wunderbare, riesengroße Achterbahn. Man weiß nie, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Es ist ein wunderbarer Beruf und ich würde diese Achterbahn ungern verlassen.

"HEUTE": Lieber Markus, das werden Sie nach diesem beeindruckenden Film sicher nicht. Vielen Dank für das Interview.

Markus Freistätter: Ich danke!

"Erik & Erika" startet am 2. März in den heimischen Kinos.

Prädikat: Höchst Sehenswert!