Ungewollt komisch und bejubelt: La Straniera

Nanu! Gleich zwei Mal (am Dienstag und am Samstag) feiert die italienische Oper "La straniera" von Vincenzo Bellini Premiere im Theater an der Wien.

Gleich zwei Mal (am Dienstag und am Samstag) feiert die italienische Oper "La straniera" von Vincenzo Bellini Premiere im Theater an der Wien. Am Dienstag gabs Gelächter, wenn auch ungewollt, und viel Jubel für Primadonna assoluta Edita Gruberova, die ihr 47-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Am Samstag gibt's die zweite Premiere mit Marlis Petersen.
Zwei Premieren, zwei Besetzungen, eine Inszenierung. Die Rollen von Alaide und Arturo wurden doppelt besetzt. Am Dienstag startete Edita Gruberova (an der Seite von Dario Schmunck), am Samstag löst sie Marlis Petersen (mit Norman Reinhardt) ab.

Der deutsche Regisseur Christof Loy inszeniert die dramatische Liebesgeschichte nach dem Liberetto von Felice Romani steif und staatstragend. Es wird viel gejammert, gelitten und getrauert. Am Pult steht Paolo Arrivabeni. Sowohl Dirigent als auch Regisseur konnten das Publikum nicht begeistern. Dafür wurde Edita Gruberova in den Himmel gejubelt. 

Eine Live-Übertragung der Oper gibt's am 24. Jänner (19.00 Uhr) auf Ö1.

Die Besprechung der Premiere und den Grund, warum gelacht wurde, finden Sie auf der nächsten Seite

Ernster Regisseur + abstruses Libretto = ungewollte Lacher

Wenn ein Regisseur partout nicht freiwillig komisch sein möchte, nimmt sich die Inszenierung bisweilen die Freiheit, unfreiwillig komisch zu werden. Und so brach sich das Lachen im Publikum des Theaters an der Wien bei der gestrigen Premiere von "La Straniera" an so mancher Stelle Bahn, die von Regisseur Christoph Loy dafür nicht vorgesehen war. Zu abstrus ist das Libretto des Bellini-Werks.

Jedem Tod seine Trauerarie

"La Straniera" ist ein Stück, das man schlicht nicht ernst nehmen kann. Dabei dürfte das Libretto einer der Gründe sein, weshalb die 1829 uraufgeführte Oper sich bis heute nur selten am Spielplan findet. Alaide wird vom Bruder Valdeburgo beschützt, nachdem ihr Liebhaber, Spaniens König Philip, sie abserviert hat. Sie flüchtet und wandelt als "Fremde" fernab vom Hof. Ihr neuer Verehrer Arturo bedrängt die einstige Fast-Königin, der seine eigene Verlobte Isoletta für die Unbekannte sitzen lassen möchte. Im Streit ersticht der heißblütige Lover ihren Bruder als vermeintlichen Rivalen - oder eigentlich nicht, denn auf einmal taucht dieser wieder auf. Zur Strafe muss Arturo nun doch seine Verlobte heiraten, zieht dann aber zurück und ersticht sich lieber am Ende. Alaide darf also immer und immer wieder beeindruckende Trauerarien zum Besten geben.

Alaide und Isoletta wandeln wie Untote über die Bühne

Die Regie ist bis zur Erstarrung statisch. Das Dynamischste ist noch Gruberovas Schleier. Das theatralische Händeringen einzelner Figuren stellt den Höhepunkt der Bewegungschoreografie dar. Dass die beiden Frauenfiguren Alaide und Isoletta wie Untote einer untergegangenen Opernepoche über die Bühne wandeln, wäre ein an sich lohnender Interpretationsansatz, der aber nur temporär aufblitzt.

Hut ab für Gruberova: 47 Jahre auf der Bühne, jetzt ein neues Projekt

Anstoß zu dem Projekt mit ihrem Hausregisseur gab die 68-jährige Edita Gruberova, die am 18. Februar ihr 47-jähriges Bühnenjubiläum begeht. Auf der Zielgerade ihres Karrierewegs hat sich die Primadonna assoluta bemerkenswerterweise vor zwei Jahren nochmals an ein für sie neues Werk herangewagt, dessen szenische Premiere 2013 am Koproduktionspartner Zürich Premiere hatte, bevor es nun in Wien landete.

Lieben, leiden, hassen - alles exzessiv

Und Gelegenheit zum dramatischen Glänzen bietet "La Straniera" allemal. Lieben, leiden, hassen - alles ist hier übersteigert ins Exzessive. Die Figuren jammern ohne Unterlass über ihr Los - Bellini porträtiert nicht gerade die "Das Glas ist halb voll"-Typen. Im Zentrum steht dabei die von Gruberova interpretierte Alaide. Auch wenn das einer Blasphemie gleichkommt: Es wird durchaus deutlich, dass die 68-Jährige ihre Intonation mittlerweile oftmals mit Anlauf nehmen muss, auch hat die Höhe etwas Schneidendes dazubekommen. Als Zuschauer sorgt man sich bisweilen vor einem Absturz in den exponierten Passagen, der dann allerdings nicht erfolgt und freut sich über die guten Stellen in dieser vermutlich letzten szenischen Produktion der legendären Sängerin.

Tolle Bariton, lahmer Tenor als Liebhaber

Als absolute stimmliche Stütze der gesamten Gesellschaft kristallisierte sich indes der italienische Bariton Franco Vasallo als Valdeburgo heraus, der vom heimischen Bass Stefan Cerny als Richter ebenbürtig flankiert wurde. Trotz schnarrender Momente überzeugte auch Theresa Kronthaler als fragile und zugleich latent unheimliche Braut Isoletta mit starkem Vibrato, während ihr ungetreuer Verlobter Arturo von Dario Schmunck mit alles anderem als strahlendem Tenor die Frage aufwarf, weshalb ihm die Damen so zu Füßen liegen. Eine gewohnte Säule des Abends war der meist zu Genrebilder arrangierte Arnold Schoenberg Chor.

Dirigent: Bierernst statt Champagnerlaune, Jubel für Gruberova

Im Graben herrscht indes der vollständige Gleichklang mit dem Grundtenor der Inszenierung. Beim Dirigat von Paolo Arrivabeni am Pult des RSO herrscht eher Bierernst denn Champagnerlaune. So gab es auch vereinzelt Buhs für den Dirigenten und schwächeren Applaus für Loy und Schmunck. An den Jubel für Edita Gruberova kam indes keiner heran.

Mit großer Spannung können Opernfreunde nun dem morgigen Freitag entgegenblicken, wenn das Experiment zu erleben ist, dass die gleiche Inszenierung eine neuerliche Premiere feiert - mit Marlis Petersen in der Titelrolle an der Seite von Norman Reinhardt anstelle von Dario Schmunck. Die prototypische Schauspielsängerin tritt also an die Seite der archetypischen Koloraturdiva. Ein uneitler, lohender Vergleich, den die beiden Damen im steten Wechsel präsentieren werden.

(APA)

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