Schutzhundesport

Verschwinden mit dem Verbot auch beliebte Hunderassen?

Beinahe alle Tierschutz-Organisationen beharren auf ein Verbot des Schutzhundesports – doch die Konsequenzen sind weitreichender als gedacht. 

Christine Kaltenecker
Verschwinden mit dem Verbot auch beliebte Hunderassen?
Laut den Tierschützern, unterstützt von Tierschutzminister Johannes Rauch steht der Gebrauchshundesport bald vor dem Aus. 
Getty Images/iStockphoto

Der Österreichische Kynologenverband (ÖKV) war zwar sehr bemüht, schaffte es aber bisher noch nicht, den Tierschützern zu erklären, warum man so sehr auf ein Weiterführen des sogenannten Schutzhundesports beharrt. Laien verstehen die Aufregung sowieso nicht und erklären sich eher zum Tierschutz, als zum Dachverband aller Hundeverbände in Österreich. Man kann also vielleicht wirklich bald davon ausgehen, dass der Vielseitigkeitssport aus Österreich verschwindet. Viel zu groß ist die Angst vor dem "aggressiven" Hund, der am Platz zum Killer ausgebildet würde – vor allem seit dem Todesfall im oberösterreichischen Naarn durch den American Staffordshire Terrier "Elmo" der zumindest im Hinterhof in Berührung mit dem "Gebrauchshundesport" kam.

Um hier jedoch keine einseitige Berichterstattung zu erzeugen, folgte "Heute" einer Einladung von Problemhundetrainer, Gebrauchshundeausbildner und ÖKV-Mitglied Georg Sticha in Langenzersdorf zum Interview: 

Herr Sticha, Sie sind seit Jahren Hundetrainer für Problemhunde und dem kritisch beäugten Gebrauchshundesport in Österreich. Erzählen Sie doch unseren Lesern bitte, wie Sie zu diesem Hundesport kamen und weshalb Sie bis heute dabei geblieben sind.

Georg Sticha: Im Jahr 1982 holte ich mir einen Rottweiler namens "Iwan" aus dem Wiener Tierschutzhaus, der gar nicht wusste, wie er sich in unserer Gesellschaft benehmen sollte. Nachdem ich mit den damaligen Ausbildungsmethoden der Hundeschulen nicht einverstanden war, suchte ich nach einem Training das meinem Hund tierschutzkonform gerecht wird und seine Bedürfnisse stillt und kam zum ersten Mal in Berührung mit dem Schutzhundesport. Der Gebrauchshundesport trainiert nicht nur die drei Disziplinen wie Fährte, Gehorsam und Schutz, sondern auch die körperliche und geistige Gesundheit des Hundes. Aus meiner Sicht ist dieser Sport die Königsdisziplin der Hundeausbildung und schafft glückliche Hunde mit ausgeglichenen Gesichtern, die in unserer Gesellschaft unauffällig und wohlerzogen auftreten. 

Der Gebrauchshundesport besteht aus drei Teilen: Der Fährtensuche, der Unterordnung und dem Schutzhundesport. Auch nur einen Teil davon zu verbieten, würde den gesamten Sport in Österreich obsolet machen, stimmt das?

Ja. In der internationalen Prüfungsordnung des FCI (Fédération Cynologique Internationale) gibt es klare Vorschriften bezüglich dieser Sportart, welche nicht, wie von den Kritikern behauptet, auf Angriffsverhalten gegen Menschen abzielt. Würden die Vorwürfe stimmen, wären Turniere und Wettbewerbe für den sogenannten "Helfer" und alle Beteiligten viel zu gefährlich. Da jedoch noch nie jemand ohne dem Jutegegenstand gebissen wurde, sind die Vorwürfe diverser Tierschützer ad absurdum zu führen. 

Georg Sticha mit seiner Hündin "Akira".
Georg Sticha mit seiner Hündin "Akira".
©privat

Weshalb hat der Gebrauchshundesport solch große Auswirkungen auf die Zucht von den – eben – sogenannten "Gebrauchshunden" und was würde ein Verbot für Konsequenzen nach sich ziehen?

Da gerade in der Gebrauchshundezucht - vor allem für unsere Behörden, wie Polizei, Militär und Zoll - nur die wesensfestesten, motiviertesten, aber auch gehorsamsten Hunde zur Zucht herangezogen werden, kann man davon ausgehen, dass die Welpen den Genpool der Elterntiere weitertragen. Durch ein Verbot des Sports, ist es beinahe unmöglich objektiv und unter international zertifizierten Überbrüfungsmaßnahmen festzustellen, ob die Zuchtkriterien stimmen und die Nachkommen für den Dienst in Frage kämen. Man würde also Rassehunde wie den Malinois aus dem Ausland beziehen müssen, da österreichische Zuchtstätten keine Chance mehr auf die Tauglichkeits-Überprüfung der Elterntiere hätten.  

Der Fall "Elmo" aus Oberösterreich scheint den Stein ins Rollen gebracht zu haben. Glauben Sie an einen Zusammenhang von Schutzhundesport und der tödlichen Attacke?

Aus meiner fachlichen Sicht, überhaupt nicht. Erstens wurde "Elmo" nachweislich nie im Gebrauchshundesport ausgebildet und auch die Bissmuster des Opfers lassen einen komplett anderen Schluss für mich zu.

Elmo erschreckt, wähnt die Hündin vielleicht in Gefahr, will sie beschützen und startet den Angriff.

Das Szenario vor meinem geistigen Auge sieht folgendermaßen aus: Die Hundehalterin geht mit ihren drei Hunden spazieren, wovon eine Hündin kürzlich Welpen bekam, als eine Joggerin von hinten naht und durch Rufen auf sich aufmerksam macht. "Elmo" erschreckt, wähnt die Hündin vielleicht in Gefahr, will sie beschützen und startet den Angriff. Dies würde auch die häufigen, sogenannten "Bestrafungsbisse" ins Gesicht erklären, was mir nach der Obduktion mitgeteilt wurde. 

Heißt das, ein Gebrauchshund würde niemals ins Gesicht beißen?

Hunde aus dem Gebrauchshundesport und der Schutzarbeit beißen zuerst in Arme und Beine - weil sich dort der Jutearm und die Kratzhose befindet - und keinesfalls ins Gesicht. Mit einem Biss ins Gesicht will der Hund "bestrafen", was aus meiner Sicht auch bei dieser armen Frau in Naarn der Fall war. 

Hundehalter mit eindeutigen Intentionen, werden in seriösen Vereinen nicht geduldet

Wie selektieren Sie in Ihrer Hundeschule "schwarze Schafe" – Menschen die den Hund tatsächlich als "Waffe" ausbilden möchten?

Durch Gespräche und die Teilnahme am Gehorsamkeitstraining. Dort erkennt man rasch ob der Hundebesitzer, oder auch der Hund für eine weiterführende Ausbildung geeignet ist. Wenn der Hund nicht mit Beutegegenständen spielen möchte, sich fremden Personen gegenüber aggressiv zeigt, oder der Hundehalter sich nur auf das "Zubeißen" fokussiert, weiß man um die Intention und bricht die Ausbildung ab, oder beginnt sie gar nicht erst. Solche Halter werden in seriösen Vereinen nicht geduldet, da die sportliche Beutearbeit niemals gegen Personen gerichtet ist. 

Welche Voraussetzungen muss ein Hund für den Gebrauchshundesport mitbringen und dürfen nur Privatpersonen mit geeigneten Rassen zum Training kommen?

Die Voraussetzungen an den Hund liegen im Bereich seines Wesens, seiner Führigkeit und seiner Gesundheit. Auch ob das Spielverhalten gut ausgeprägt ist und natürlich ob er körperlich überhaupt im Stande ist, Aufgaben wie die 100 Zentimeter hohe Hürde in der Unterordnung zu bewältigen, spielt für Turniere und Prüfungen eine wesentliche Rolle. Ein guter Gebrauchshund zeigt sich durch die Bereitschaft mehrerer Wiederholungen, durch überdurchschnittlich gute Konzentration, der Energie und Geschwindigkeit bei der Arbeit und der sogenannten Latenzzeit zwischen der Reizwahrnehmung und der Reaktion darauf. Und nein - nicht nur Tiere der Gebrauchshunderassen, sondern auch Mischlinge sind immer gerne bei uns willkommen, sofern sie die notwendigen körperlichen und geistigen Eigenschaften mitbringen. 

Welcher Unterschied besteht für den Hund beim Angriffs- und Beißtraining in der Hundeschule oder einem normalen Spaziergang am Feldweg? Wie kann ich sicher sein, dass meinem Hund keine "Verwechslung" unterläuft?

Da im Gebrauchshundesport eben KEIN Beiß- und Angriffstraining gegen einen Menschen trainiert wird und solch ein Training als ein verbotenes "Scharfmachen" gilt, wird der Hund auf verschiedene Auslösereize im Schutzhundesport konditioniert. Der Hundeplatz, der Helfer, der Beutegegenstand, der Stock, oder die Kratzhose bestimmen das sportliche Training und verringern die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten "Triggers" im privaten Raum gegen Null. 

Es besteht ein sehr großer Unterschied zwischen dem Beutespiel im Gebrauchshundesport und dem oft genannten "Angriffstraining". Beides lässt sich überhaupt nicht miteinander vergleichen, da völlig unterschiedliche Anlagen beim Hund angesprochen werden. Beim Gebrauchshundesport arbeiten wir nur mit dem Beutetrieb, den jeder Hund von groß bis klein mitbringt. Ein Gebrauchshund ist der beste Freund des Menschen und sieht ihn nicht durch seriöses Training als potenziellen Feind.

Die Tierschutz-Fraktion steht ganz klar für ein Verbot des privaten Schutzhundesports, welches den gesamten Gebrauchshundesport beträfe. Gäbe es Ihrer Ansicht nach eine Kompromisslösung für seriöse Hundeschulen?

Ja gäbe es. Aus meiner Sicht könnte man die Gebrauchshundetrainer mittels einem von ÖKV/ÖHU ausgearbeiteten Schulungsschema bezüglich der fachspezifischen Grundlagen/Methoden und auch der tierschutzrelevanten Bereiche überprüfen und schulen. 

Sollte ein Verbot in Kraft treten, wie sähe wohl die Zukunft für den "Gebrauchshund" in Österreich aus?

Sehr düster. Man würde damit zahlreichen Hunden die einzige Möglichkeit nehmen, ihre natürlichen Anlagen artgerecht ausleben zu dürfen. Auch wenn es durchaus viele andere Sportarten für den Hund gibt, so bringt jedes Mensch-Hunde-Team individuelle Talente und Neigungen mit. Wie auch ein Jogger beim Lauftraining, erleben geeignete Gebrauchshunde in ihrem Sport ein ähnliches Glücksgefühl und eine Ausschüttung an Endorphinen, wenn sie den Jutearm "geschenkt" bekommen. Warum möchte man das verbieten? 

Auch aus Sicht eines Gebrauchshunde-Züchters wären die Konsequenzen massiv. Dobermänner, Rottweiler, Schäferhunde, Riesenschnauzer, Malinois und viele andere Rassen müssten auf wichtige Überprüfungen der Wesensanlagen verzichten, während die auch von mir verurteilten "Hinterhof-Angriffstrainer" mit keinen Auswirkungen zu rechnen hätten. Einen Hund "mannscharf" machen, ihn also gegen Menschen abzurichten, passiert nicht im öffentlichen Raum einer Hundeschule. Im Grunde hätte diese Klientel durch das drohende Verbot gewonnen.  

tine
Akt.