Jedes Jahr um diese Zeit hat das Kino in Wien Hochsaison. Die Viennale erfreut die Kinofans mit einem Reigen von Topfilmen, mehr als 300 Filme sind zu sehen. Und das Gartenbaukino, sonst leider teure Kino- Einsiedelei, erwacht zu jähem Leben.
Und damit wäre auch viel Positives gesagt. So viel Filmvergnügen und Interesse das Festival in all den Jahren geschaffen hat, so sehr fehlen ihm Seele und Spritzigkeit, so sehr ist es in die Jahre gekommen. So war es unter der Leitung von Filmgenie Werner Herzog und Reinhard Pyrker ein magischer Ort cineastischer Sehnsüchte und Träume.
Manche erinnern sich wehmütig an das grandiose Zirkuszelt im Esterhazypark, an den Hochseiltänzer und andere von Herzog eingeladene Akrobaten und Egozentriker, die das Abenteuer und die Grenzüberschreitungen des Kinos widerspiegelten. Dann kam die Viennale von Alexander Horvath und Wolfgang Ainberger, an deren intellektuellen und persönlichen Reibungen sich ein überraschendes, spannendes Festival entzündete.
Ja, und es waren Viennalen, zu denen noch Stars kamen, die nicht wie heute die Pensionsgrenze großteils lange hinter sich gelassen haben. Unter Langzeitdirektor Hurch (seit 1998!) wurde das Festival leider immer mehr zu einer orientierungslosen, beliebigen Filmwoche. Unter der Devise "Alle Jahre wieder kritisch" ertönt seit 16 Jahren die ermüdende, sich pseudomoralisch anbiedernde Eröffnungsansprache des Direktors.
Die Viennale-Krise kann jedoch weder mit Selbstbeweihräucherung noch wie jüngst mit wehleidigen medialen Rundumschlägen des Direktors gegen Kritiker bereinigt werden. Wenn ein Festival lebendig bleiben will und internationale Klasse statt provinzielle Selbstüberschätzung beansprucht, dann muss es sich immer wieder neu erfinden, muss es mehr sein als bloße Verdichtung von Filmangeboten, die später ohnedies in den Kinos laufen.
Das Wiener Filmfestival braucht neue Ideen und wirklichen Respekt vor dem österreichischen Film und muss auf Augenhöhe mit Festivals wie Berlin oder Rotterdam agieren. Dazu bedarf es keines unbeteiligten Wegschauens der Wiener Kulturpolitik, sondern auch eines politischen Veränderungs- und Gestaltungswillens. Hoch lebe die Kunst.