"Wenn mich wer anschreit, dann schrei ich zurück"

Verschlagen, akkurat, oft echt garstig – so lieben wir Gertrud Roll aus der ORF-Vorstadt. Ab 3.7. vergräbt sie ihre Leichen in den Katakomben von Schloss Kobersdorf (Bgld.).

Von der Front in Wien-Döbling („Ich lebe wirklich da und kenne dieses Umfeld!") geht's ins Land der Sonne – zimperlich ist die Roll aber auch dort nicht. In der Bühnen-Farce „Arsen und Spitzenhäubchen" befördert sie die Herren der Schöpfung zusammen mit „Schwester" Erika Mottl ins Jenseits, und das aus reiner Nächstenliebe.

Kleine Rampensau im Kindergarten

Roll im "Heute"-Talk: „Wir töten aus tiefster Überzeugung, Gutes zu tun. Damit die armen einsamen Männern nicht mehr ziellos umherirren." Etwas, was ihr selbst zeitlebens erspart blieb, schließlich war sie schon im Kindergarten eine kleine Rampensau: „Mit vier wusste ich bereits, dass ich Schauspielerin werde. Meine Eltern schämten sich ein bisschen, weil ich so übertrieb." Der größte Spaß am Job ist für sie "das Komödiantische". Da und dort, vor der TV-Kamera und auf der Bühne. "Dass man so reinhüpfen darf, das macht unheimlich Spaß!"

Roll: "Das Wiener Gejeire nervt mich!"

Überhaupt fühlt sich die Deutsche, die sich als echter Fußball-Fan outet und auf der Bühne mit einer originalen Velósolex ("Ich fahre nicht, ich schiebe. Aber das ist anstrengend genug") zugange ist, vom Glück verfolgt: "Ich durfte werden, was ich bin. Mit 82 bewege ich mich ohne Schmerzen und das Hirn funktioniert auch noch." Kein Grund zum Jammern also, oder? "Nein, aber alte Menschen tun das gerne. Wie ich so schön auf Piefkenesisch sage: Das Wiener Gejeiere, dieses Nur-im-eigenen-Brei-herumstochern und Nicht-über-den-Tellerrand-schauen, das nervt mich schon. Denn eigentlich geht es uns doch gut."

"Wenn mich wer anschreit, dann schrei ich zurück"

Und was macht sie selbst, um Dampf abzulassen? "Dann geh ich den Wald und schreie." Apropos: "Wenn mich wer anschreit, dann schreie ich zurück. Ich hasse das, aber man muss sich prinzipiell wehren. Das hab ich immer so gemacht. Natürlich habe auch ich in meinem Leben einige Schläge abbekommen. Aber ich habe gute Gene und so arg kaputtmachen kann man mich gar nicht." Wem könnte ein lauter Schrei aus dem Halse der Roll im Moment gelten? "Ach, da muss ich aufpassen, wie ich das sage. Österreich ist ein wunderschönes Land. Aber diese der FPÖ zugeneigte Stimmung … Da muss ich mich in manchen Gesprächen bemühen, dass ich nicht zu Raufen beginne. Wogegen ist man eigentlich? So viele fremde Menschen sind doch gar nicht hier. Wir waren einst doch auch Flüchtlinge, viele von uns, ein Teil meiner eigenen Vorfahren. Diese Mentalität des Mauerbauens, die finde ich bedenklich."

"#MeeToo-Debatte ist gut, darf aber nicht ausufern"

Die #MeToo-Debatte der letzten Monate sieht Roll durchaus wichtig und positiv, nur ausufern sollte sie nicht. "Es gibt schon auch Männer, denen so etwas passiert." Ja, das findet Nina Proll auch, legte diesbezüglich im Herbst 2017 ein paar Schäuferln nach und entfachte damit einen Empörungssturm via Social Media. Gertrud Roll: "Das war mir dann wiederum zu sehr den Männern zugewendet. Die sind ja auch schon groß und können sagen, wenn sie etwas nicht wollen. Die Ausnahme sind hier immer nur die Kinder. Wenn ihnen so ein Schaden zugefügt wird, ist das irreparabel." Für die Theaterwelt hat die Debatte aber durchaus Gutes getan: "Es gibt jetzt endlich Zuständigkeiten. Jemanden, der hinhört und einem das auch glaubt. So etwas gab's in unserem Beruf ja nicht. Da war keiner, wo man hingehen konnte!" Übrigens: In Staffel 4 (Dreh läuft bereits) der „Vorstadtweiber" hat Roll („Anna Schneider ist da ja in Indien") nur einen Drehtag. "Schauen wir einmal, ob ich wieder zurückkomme!"

"Arsen und Spitzenhäubchen" von Joseph Kesselring – Inhalt

Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht: Zwei entzückende und betagte Schwestern haben ihre Bestimmung in praktizierender Nächstenliebe gefunden. Sie befördern Männer, die am Leben keine Freude mehr haben, wohltätig ins Jenseits. Um sie herum drei eigenwillige Neffen: Der erste hält sich für den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt. Der zweite hadert mit seinem Schicksal als Kriminalstücke besprechender Theaterkritiker. Der dritte ist ein durch plastische Chirurgie unkenntlich gemachter Serienmörder. Als dieser sein letztes Opfer im Haus seiner treuherzigen Tanten entsorgen möchte, gerät die Lebensordnung der liebenswürdigen Ladies vorübergehend außer Kontrolle. Doch zum Glück ist die Polizei dümmer, als sie es selbst erlaubt. Eigentlich wollte der amerikanische Autor Joseph Kesselring sein Stück Leichen in unserem Keller nennen. Als "Arsen und Spitzenhäubchen" feierte es dann bei seiner New Yorker Uraufführung im Jänner 1941 einen wahren Triumph. Kesselring selbst nannte es eine "zum Schreien abstruse Farce". Und bis heute hat diese verblüffende Kriminalgeschichte nichts von ihrer unfassbaren Komik verloren. Mit Lust am Nervenkitzel hält sie die Lachmuskeln des Publikums hartnäckig in Bewegung. Für das fünfzehnte Jubiläums-Jahr seiner Intendanz der Schloss-Spiele Kobersdorf hat Wolfgang Böck nun diese legendäre schwarze Komödie ausgewählt. Er lädt damit ein zu einem makabren Vergnügen voll von aberwitzigem Familienirrsinn jenseits von Gut und Böse.

Besetzung

Erika Mottl (Abby Brewster), Gertrud Roll (Martha Brewster), Alexander Jagsch (Mortimer Brewster), Wolfgang Böck (Teddy Brewster), Clemens Aap Lindenberg (Jonathan Brewster), Wolf Bachofner (Dr. Herman Einstein), Dagmar Bernhard(Elaine Harper), Lisa Stern (Officer O'Hara), Andrea Köhler(Officer Klein), Michael Reiter (Mr. Gibbs). Inszenierung: Werner Prinz, Buhnenbild und Lichtgestaltung: Erich Uiberlacker, Kostume: Alexandra Burgstaller, Dramaturgie: Oliver Binder, Produktionsleitung: Karin Gollowitsch

Schloss-Spiele Kobersdorf

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