Vorwurf: Novartis testete Impfstoff an ahnunglosen O...

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In einer Klinik im polnischen Grudziadz ließen sich Obdachlose offenbar für zehn Zloty (2,32 Euro) Spritzen verabreichen. Wie die Schweizer Konsumentenschutz-Zeitschrift "Beobachter" berichtet, nahmen sie unwissend an Medikamentenversuchen teil.

In einer Klinik im polnischen Grudziadz ließen sich Obdachlose offenbar für zehn Zloty (2,32 Euro) Spritzen verabreichen. Wie die Schweizer Konsumentenschutz-Zeitschrift "Beobachter" berichtet, nahmen sie unwissend an Medikamentenversuchen teil.
Die Klinik habe den Bedürftigen gesagt, sie würden gegen Grippe geimpft. Tatsächlich solle es sich um einen Impfstoff des Pharmakonzerns Novartis gegen die Vogelgrippe gehandelt haben.

Unter Heimbewohnern der Renner

"Ein paar Zloty für Zigaretten lohnen sich immer", sagte ein Obdachloser dem "Beobachter". Misstrauisch seien die Opfer nicht geworden. Die Klinik eines Ärzteehepaars habe Impfbüchlein ausgestellt und den "Geimpften" ein Fieberthermometer mitgegeben. Diese sollten ihre Temperatur notieren und das Büchlein zehn Tage später zurückbringen. Danach habe es die nächste Spritze gegeben.

Über mehrere Wochen hinweg seien mindestens 21 Bewohner eines Heims in derselben Stadt reihenweise zur Klinik gekommen. "Ich habe nie eingewilligt, Versuchskaninchen zu sein", zitiert die Konsumentenzeitschrift den Obdachlosen.

Novartis machte Versuch an 4.560 Personen

Novartis Vaccines habe den Impfstoff Aflunov auf den Markt bringen wollen und diesen in Polen, Litauen und Tschechien an rund 4.560 Personen testen lassen. Ein betroffener Obdachloser habe nun über den Zürcher Anwalt Philip Stolkin eine Klage gegen Novartis eingereicht. Er fordere ein Wiedergutmachung in Höhe von 50.000 Franken (etwa 46,700 Euro) und mindestens den gleichen Betrag aus dem mit Aflunov erzielten Gewinn, wie der "Beobachter" schreibt.

Nach den Impfungen habe er geglüht und seine Haut habe dermaßen gejuckt, dass er sie sich am liebsten vom Leib gerissen hätte. Ende 2016 wurden drei Ärzte und sechs Krankenschwestern in zweiter Instanz verurteilt, das schriftliche ­Urteil steht noch aus.

20 Heimbewohner gestorben

2008 habe der Heimleiter Alarm geschlagen. Im Jahr nach den Versuchen seien 20 Bewohner gestorben – deutlich mehr als in anderen Jahren. Ein Verfahren der Staatsanwaltschaft sei eingestellt worden, da man keinen direkten Zusammenhang mit dem Medikamentenversuch habe feststellen können.

Der Impfstoff wurde laut "Beobachter" 2010 in der EU zu­gelassen, nicht aber in der Schweiz. Novartis habe auf Anfrage erklärt, man habe keine Kenntnis von einem Entschädigungsbegehren. Alle klinischen Studien des Unternehmens würden die ethischen Werte, die in der Erklärung von Helsinki und in der Good Clinical Practice verankert sind, befolgen.

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